Die Kunst-Werken sind nach Corona wiedereröffnet : Wie Duchamp nach Dubai kam

Der Konzeptkünstler Hassan Sharif war in den Vereinigten Emiraten ein Pionier. Nach seinem Studium in London brachte er neue Techniken mit.

Anne Haun-Efremides
Flipflop-Berg. Die Anhäufung alltäglicher Gestände ist das Arbeitsprinzip von Hassan Sharif, ob Badelatschen (vorne) oder Putztücher (links).
Flipflop-Berg. Die Anhäufung alltäglicher Gestände ist das Arbeitsprinzip von Hassan Sharif, ob Badelatschen (vorne) oder...Foto: Sharjah Art Foundation

Grellbunte Flipflops, paarweise mit Drähten verschnürt und zu einem Haufen geschichtet – dieses Bild löst derzeit viele Assoziationen aus mit geplatzten Urlaubsträumen und verlorener Leichtigkeit bis hin zum uniformen Massenprodukt einer globalisierten Wegwerfgesellschaft. „Slippers and Wire“ (2009) heißt diese Arbeit in Pop-Art-Manier des in Dubai geborenen Künstlers Hassan Sharif, der vor vier Jahren mit 65 verstarb. Es gehört zu seinem letzten und bekanntesten Werkzyklus.

Der Blick auf Hassan Sharifs erste, nahezu 150 Arbeiten umfassende Retrospektive in Deutschland, die bereits vor dem Shutdown in Kooperation mit der Sharjah Art Foundation in den Kunst-Werken eröffnet wurde, wird ein anderer sein, nachdem das Haus nun wieder für Besucher zugänglich ist.

Sharif erlebte den rasanten Aufschwung seiner Heimat im Zuge der Erdöl-Entdeckung von einer der ärmsten Regionen der Welt zum wirtschaftlich prosperierenden Global Player hautnah mit. Die Veränderung von Systemen machte er deshalb zum wichtigsten Gestaltungsprinzip seiner künstlerischen Praxis.

In seinen Cartoons karikierte er den märchenhaften Ölboom

Am Anfang der chronologisch aufgebauten Ausstellung stehen seine frühen Karikaturen und Cartoons für das Wochen-Magazin „Akhbar Dubai“, in denen er den märchenhaften Ölboom und seine Auswirkungen – die Verwestlichung arabischer Identität und damit einhergehend der Untergang einer alten Welt – ironisch kommentiert. Noch vor wenigen Wochen, als sich der Ölpreis im freien Fall befand, schien eine ähnliche, nur umgekehrt systemkritische Erschütterung nicht weit entfernt.

Ende der 70er Jahre ging Sharif zum Kunststudium nach London. Dort setzte er sich mit Marcel Duchamp und Fluxus auseinander. Er entwickelte die westlich definierte Moderne vor dem Hintergrund seiner eigenen Kultur weiter und brach als einer der ersten Künstler seiner Heimat mit der damals noch ausschließlich vom arabischen Nationalismus geprägten Ästhetik lokaler Kunstproduktion, die sich in kalligrafischer Abstraktion erschöpfte.

Sharif wurde zur Identifikationsfigur für die junge Szene

Bis heute wirkt der Einfluss dieses Pioniers der Konzeptkunst im arabischen Raum. Nach seiner Rückkehr aus London engagierte er sich für den lokalen Kunstbetrieb, begründete die „New Art Movements“ mit. Sharif wurde zur Identifikationsfigur für eine Szene, die nach einer neuen Praxis und Wirkungsweise suchte.

Der unermüdliche Macher organisierte Ausstellungen und Performances im öffentlichen Raum, zu einem Zeitpunkt als es dort noch keine Infrastruktur für Künstler gab, zugleich tat er sich als Theoretiker hervor.

Der London Einfluss ließ Sharifs Arbeiten zunehmend performativ und konzeptuell werden. Das Serielle, die unterschiedlichsten Ordnungssysteme wurden vorherrschend. In seinen sogenannten „Semi Systems“ dokumentierte Sharif seine Handlungsabläufe in der eigenen Wohnung oder die Aufstellung von Tischen und Stühlen in einem Restaurant. Er legte Bibliotheken an oder transformierte Texte in reduziert abstrakte Zeichenraster.

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Dem alltäglichen Leben widmete Sharif unter dem Titel „Urban Archaeology“ seinen bekanntesten Werkzyklus. Er bildet das Zentrum der Ausstellung. Aus industriell gefertigten Konsumgütern, die mit dem Wirtschaftswachstum die arabische Welt überfluteten – billige Plastikprodukte wie Spielzeug oder Haushaltsgegenstände aus China, Flipflops, Alutabletts, Juteseile oder bloße Abfallprodukte – schuf Sharif Anhäufungen gleicher Gegenstände. In mühseliger Handarbeit, teils gemeinsam mit Freunden setzte er sie neu zusammen mit Stricken oder Drähten, verschnürte, verklebte oder stapelte sie einfach.

Die schiere Materialfülle hat etwas Offensives

Die Arrangements – mal frei stehend oder hängend, mal die Wände überwuchernd oder sich über den Boden ergießend – sind Derivate eines alles durchdringenden Konsumismus. Sie kritisieren weniger, sondern überzeugen durch ihre schlichte und eingängige Ästhetik. Sie verbergen keinen tieferen Sinn und offenbaren dadurch Sharifs egalitäre Auffassung von Kreativität.

[Kunst-Werke, Auguststr. 68, bis 19.7.; Mi bis Mo 11 - 19 Uhr, Do 11 - 21 Uhr]

Die schiere Materialfülle hat etwas Obsessives. „I Am A Single Work Artist“ lautet der Ausstellungstitel. Das Zitat verweist auf Sharifs Arbeitsweise der Wiederholung. Dahinter steht die Idee von Kunst als einer endlosen täglichen Praxis, die zugleich Kunst- und Lebensexperiment ist.

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