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Gaul und Größenwahn. Vorbereitungen für ein Volksfest vor dem Bukarester Parlamentspalast.
© Caro / Oberhaeuser

Rumänien: Die Leiche will nicht weichen

Ceausescu ist lange tot, doch sein System lebt weiter. Der Schriftsteller Catalin Dorian Florescu, geboren 1967, schreibt über Rumäniens unvollendete Revolution.

Der rumänische Diktator ist seit über 20 Jahren tot, seine Leiche aber noch nicht erkaltet. Der verhasste Kommunistenführer Ceausescu und seine Frau wurden kurz vor Weihnachten 1989 in einem 30-minütigen Prozess zum Tode verurteilt und im Hof einer Garnison eine Stunde von Bukarest entfernt erschossen. Die Bilder gingen um die Welt: sein Körper seltsam verrenkt, die Blutlache. Ich erinnere mich noch an das Rattern der Maschinengewehre. Und an das unglaubliche Staunen darüber, dass jemand, der für Jahrzehnte unantastbar war, der das Land ruiniert und zu meiner Kindheit gehört hatte wie Vater oder Mutter, so schnell und effizient entfernt wurde.

Das war die Stunde null der rumänischen Demokratie, es gab Anlass zur Hoffnung. Das Volk hatte sich erhoben, es hatte endlich seine Passivität aufgegeben und hatte seine eigene Geschichte in die Hand genommen. Doch heute weiß man es besser: Am Anfang war der Betrug. Es war eine Palastrevolution, ein Putsch einer Kommunistengarde, um noch besser zu herrschen. Der Prozess, reinste Parodie. Er bewirkte keine geistige Reinigung, kein wirklicher Neuanfang ging von ihm aus. Die Erben der Kommunisten übernahmen die Macht, organisierten sich neu in der Partei PSD und herrschen, verdeckt und offen, bis heute. Sie waren die Nutznießer des schnellen Verschwindens des Diktators.

Viele von ihnen sind noch da, reiche, selbstgefällige Businessmänner und Politiker, die das Volk in einer lähmenden Umklammerung halten. Die Revolution blieb unvollendet, daran krankt das Land auch jetzt noch, als EU-Mitglied. Und doch liebe ich meine Heimat. Es gibt dort so viel Poesie, so viel menschlichen Reichtum und Seele. Sie ist traurig und heiter zugleich, geistreich und plump, modern und archaisch.

Es kann einem geschehen, wie es mir passiert ist, dass ein Junge an der Straßenkreuzung, als die Ampel auf rot wechselt, eine Ziege zum Kauf anbietet. Er kann sie kaum hochheben, aber er ist schon ein kleiner Businessmann. Die Poesie der Armut. Dass ein müder alter Gaul auf einer staubigen Straße im Irgendwo auf seinen Herrn wartet, und auf dem Karren hinter ihm steht ein ausgeweidetes Auto. Und auf dem Auto ein Schaf. Wie eine Erscheinung. Die rumänische Version der Bremer Stadtmusikanten. Der Surrealismus ist im Osten zu Hause.

Oder dass ein orthodoxer Pope vor seinem Kloster einen Mercedes mit Weihwasser beträufelt und ihn segnet. Der stolze Besitzer, in seinem besten Anzug gekleidet, steckt ihm dann einen Umschlag mit Geldscheinen zu. Religion für den Alltagsgebrauch. Auch das ist Europa, und wenn man es nicht besserwisserisch bereist, kann man sich bereichert fühlen. Erfahrungen, die man im gezähmten, geglätteten Westen nicht mehr machen kann.

Und doch: In diesem Sommer ist die Leiche des Diktators präsenter denn je. Der PSD-Führer und Ministerpräsident Victor Ponta wollte sich per Volksabstimmung des Staatspräsidenten Traian Basescu entledigen. Dabei missachtete er demokratische Grundregeln. Jetzt hat ihn das Verfassungsgericht in Bukarest vorerst gestoppt. Er lenkte auch erst ein, als sich die EU einschaltete. Für die Augen der Welt gibt er sich reuig, wie ein Schüler, der beim Spicken erwischt wurde. Er habe seine Lektion gelernt, sagte er. Ohne Rückgrat irrlichtert er zwischen dem Hass auf Basescu und der Einsicht, dass Rumänien in europäische Strukturen eingebettet ist, die ein solches Verhalten nicht zulassen.

In Sachen absurdes Theater war Rumänien bisher nur als Heimat des Dramatikers Eugène Ionesco bekannt. Jetzt haben andere, Ungeschicktere das absurde Theater ins reale Leben übertragen. Man könnte bei diesem Trauerspiel, das auch viele Rumänen ratlos und wütend macht, auf die zwei Protagonisten fokussieren. Ponta war ein Kind, als Ceausescu erschossen wurde. Er ist also nicht vom Kommunismus geschädigt, wie viele aus der Generation der Eltern. Doch auch er zeigt antidemokratische Züge, auch in ihm lebt die Leiche weiter. Sie hat sich auch in der jüngeren Generation eingenistet.

Ponta wird im Land „der Unreife“ genannt. Er scheint Grenzen auszureizen, nur um zu sehen, wie weit er gehen kann. Sein Hass auf Basescu stammt aus der Zeit, als dieser ihn beschuldigte, seine Doktorarbeit sei ein Plagiat – ein Vorwurf, der sich zum großen Teil erhärtet hat. Aber auch aus der Zeit, als die inzwischen unabhängigere Justiz Adrian Nastase – ehemaliger PSD-Führer, Ministerpräsident und geistiger Ziehvater des jungen Ponta – wegen Korruption hinter Gitter brachte. Die Fortschritte in der Justizreform sind Basescu anzurechnen.

Ponta ist vor allem dazu da, dass alles beim Alten bleibt

Basescu mag Fehler gemacht und ein loses Mundwerk haben, aber er und die ihm nahestehenden Vorgängerregierungen haben auch einiges zustande gebracht. Die Korruption wurde bekämpft, die Justiz funktioniert besser, es wurden harte Reformen durchgeführt. Das Land erscheint wirtschaftlich auf bescheidenem Niveau stabil und kann ein Wachstum von 1,4 Prozent vorweisen. Keine Rede von griechischen Verhältnissen. Es sind diese Reformen, die Basescu beim Volk unbeliebt machten. Ponta wollte das ausnutzen.

Doch Ponta und Basescu sind nur die allen bekannten Masken eines gut koordinierten, zynischen Machtspiels. Das Absurde hat seine Logik. Ponta ist der sichtbare Teil des Eisberges, der Erfüllungsgehilfe einer Kaste von Oligarchen, die eins eint: der Hass auf Basescu und die Angst, ihre Pfründe zu verlieren, wenn sich etwas wirklich bewegen sollte. Sie halten an der Leiche fest, sie sind ihre geistigen und finanziellen Erben. Da ist zum Beispiel Dan Voiculescu, einer der mächtigsten und reichsten Männer des Landes, der Zeitungen und Fernsehsender besitzt, eine geballte Propagandamaschinerie. Dieser Mann war Geheimdienstoffizier und soll offenbar Zugang gehabt haben zu den Bankkonten von Ceausescu. Heute führt er die Konservative Partei an und koaliert mit der PSD. Und er hasst Basescu. In seinem Lebensweg als einer der größten Profiteure des Sturzes des Kommunismus spiegelt sich auch das Scheitern der Revolution des Volkes.

So wie er gibt es unzählige andere, welche die Politik und die Parteien als Vehikel ihrer Interessen nutzen: Regionalpolitiker – oftmals der PSD –, exkommunistische Geheimdienstler, Unternehmer zweifelhafter Natur. Sie erdrücken das Volk mit ihrer Skrupellosigkeit. Sie schieben sich Aufträge und Geld des Staates und der EU zu. Einer von ihnen, Patriciu, Besitzer einer wichtigen Tageszeitung, wird dieser Tage erfahren, ob er zu 20 Jahren Haft verurteilt wird oder nicht.

Ponta erscheint wie eine Marionette, die dafür zu sorgen hat, dass alles beim Alten bleibt. Sie benutzen seinen Hass, der ihr Hass ist. Sie sind die Leiche, die sich vervielfältigt hat. Ihr Wille zur Macht ist absolut und entsteht aus der Angst, die Kontrolle über das sie versorgende System zu verlieren. In den ersten Tagen seiner Regierung hat Ponta nicht nur Basescu anvisiert, sondern auch die Posten des Senatsführers und des Direktors des öffentlichen Fernsehens mit Koalitionspartnern und Gefolgsleuten besetzt.

Ein weiterer großer Skandal in Rumänien betrifft eine der besten Institutionen des Landes, das rumänische Kulturinstitut, vergleichbar mit dem Goethe-Institut in Deutschland. Es wurde einer politischen Instanz, dem Senat, unterstellt, in dem Pontas Leute die Mehrheit haben – und seine Mittel wurden massiv gekürzt. Der Leiter, der Philosoph Horia Patapievici, steht Basescu nahe. Inzwischen ist die ganze Führung des Instituts zurückgetreten. Dabei ist es vor allem diesem Institut zu verdanken, dass im Ausland endlich nicht nur die rumänischen Waisenkinder und Diebe und die Umweltverschmutzung bekannt sind. Über 300 rumänische Bücher wurden in den letzten Jahren in viele Sprachen übersetzt.

Das Festgefahrene trifft auf den Samen der Veränderung

Die reiche rumänische Kultur und Kunst sind im Westen immer sichtbarer geworden: Rumänische Filme gewinnen wichtige Preise, rumänische Schriftsteller werden auch in Deutschland bekannt. Im Land jedoch herrschen oft Passivität und Opportunismus, die Zivilgesellschaft ist zwar vorhanden, aber schwach und marginal. In der Millionenstadt Bukarest kamen nur einige Hundert zusammen bei einer Solidaritätskundgebung für das Kulturinstitut. Der kleine Mann hilft sich aus mit Witzen, Internetforen und Fluchen gegen „die dort oben“. Er ist aber auch bereit, dieselben Mittel anzuwenden, wenn man ihm die Gelegenheit dazu gibt.

Auf der Fahrt vom Donaudelta nach Bukarest wurden wir vor wenigen Wochen wegen zu hoher Geschwindigkeit von der Polizei angehalten. Mein Bekannter, der das Auto fuhr, steckte sofort einige Scheine in seinen Ausweis und streckte diesen dem Beamten entgegen. Doch der Polizist nahm das Geld nicht an. Die winzige Episode spricht Bände: Hier trifft das Festgefahrene der alten Mentalität auf den Samen der Veränderung.

Es gibt Erklärungen für diese Haltung zwischen Passivität und Opportunismus. Der Kommunismus hat den Menschen zum Befehlsempfänger degradiert. Passivität bedeutete überleben. Lange Zeit war Rumänien vor allem ein Agrarland, der Bauer war gewohnt, sich vor dem Herrn zu ducken. Und die Position des Landes zwischen den Imperien – osmanisch, habsburgisch, russisch – führte dazu, dass man sich den Verhältnissen anpasste, die man sowieso nicht ändern konnte.

Es gibt zwei herausragende literarische Zeugnisse für diese übergroße Opferbereitschaft und dem Hinknien in sein Schicksal. Das Gedicht „Mioritza“ erzählt von einem Lamm, das seinen Herrn vor zwei anderen Schäfern warnt, die ihn umbringen wollen, weil er die schönste Herde hat. Der Mann nimmt es hin. Und in dem Gedicht „Der Meister Manole“ mauert ein Kirchenbauer seine Frau mit ein, weil er träumt, dass die neue Kirche nur dann nicht einstürzen wird, wenn er den ersten Menschen, den er am Morgen trifft, opfert. Der erste Mensch ist seine Frau.

Es ist aber endlich an der Zeit, dass das Volk erwacht und zum Subjekt seiner Geschichte wird. Es ist an der Zeit, dass die Leiche des Diktators in Frieden ruht. Es ist Zeit für eine neue Revolution, welche die alte zu Ende führt.

Catalin Dorian Florescus Roman „Jacob beschließt zu lieben“ (C. H. Beck, 19,95 €) wurde mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet. Kürzlich erhielt er den Josef von Eichendorff-Literaturpreis für sein Gesamtwerk.

Catalin Dorian Florescu

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