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Demonstranten protestieren am 12. Februar in Kiew gegen die russische Bedrohung.

© Sergei Supinsky/AFP

Tagesspiegel Plus

Die Ukraine war immer auch Teil des Westens: Warum Putins nationalistische Idee nicht aufgeht

Krieg gegen die Ukraine? Putin praktiziert harten Nationalismus und fantasiert von der „Einheit“. Das war aber schon immer falsch.

Ein Kommentar von Ulrike von Hirschhausen

Im April 2008 forderte Wladimir Putin erstmals deutlich sein Recht auf Mitsprache in der Ukraine. Er begründete es mit den dort lebenden ethnischen Russen, deren tatsächliche Zahl seine Rhetorik fast verdoppelte: „17 Millionen Russen leben in der Ukraine. Wer kann uns sagen, dass wir dort keine Interessen haben?“

Fünf Jahre später ging es nicht mehr nur um ethnische Minderheiten im Süden der Ukraine. Sondern bereits um das ganze Land. Im September 2013 erklärte Putin auf internationaler Bühne: „Wir sind ein Volk. Die Ukraine ist ein Teil unserer großen russischen Welt.“ 2021 ging Putin unter die Historiker. Er veröffentlichte einen Aufsatz, den die russische Botschaft in Berlin auch an deutsche Wissenschaftler sandte: „Über die historische Einheit der Russen und Ukrainer“.

Der Text ist das Dokument einer Radikalisierung des russischen Präsidenten. Ukrainer gibt es darin kaum mehr. Stattdessen bezeichnet Putin sie als „Kleinrussen“, was im Zarenreich der gängige Ausdruck der Regierung und nationalistischer Kreise war, die sich selber als Großrussen bezeichneten, um die enge kulturelle Verbindung und politische Abhängigkeit auch sprachlich zu verdeutlichen.

Die Ukraine ist Teil der russischen Welt?

Die Tatsache, dass der Westen der Ukraine von 1772 bis 1918 zur mitteleuropäischen Habsburgermonarchie gehörte, kommt kaum vor, und die kurzlebige unabhängige Volksrepublik, die Ukrainer zwischen 1917 und 1920 errichteten, wird als reine Intervention des Westens gleich mitentsorgt. Mit seinem erneuten Schlussplädoyer „Wir sind ein Volk, ein geeintes Ganzes“ umschrieb Putin die historische Perspektive, die heute 160.000 russische Soldaten an der Grenze zur Ukraine militärisch inszenieren: Die Ukraine ist Teil der russischen Welt und muss dorthin zurück.

Ein ukrainischer Soldat trägt eine NLAW-Panzerabwehrlenkwaffe während einer Übung im Rahmen der Joint Forces Operation im Oblast Donezk.

© picture alliance/dpa/AP

Die Rede des russischen Präsidenten am Montag ist der vorläufige Höhepunkt einer Geschichtsklitterung, die militärische Konsequenzen hat. Während russische Panzer gestern Abend die Grenze zur Ostukraine überschritten und nach Donezk eingerollt sind, sucht Wladimir Putin auf der digitalen Weltbühne den Bruch des Völkerrechts erneut historisch zu begründen. Und greift dafür auf ein altes Narrativ russischer Herrscher zurück, nach dem das Zarenreich den Schutz russische Minderheiten auch jenseits der eigenen Grenzen garantieren müsse. Diese Legitimationsformel taugte bereits dazu, die territoriale Einheit der Republik Moldau und Georgiens zu erschüttern, fand 2013 Eingang in die offizielle Konzeption der russischen Außenpolitik, und soll jetzt die frei gewählte ukrainische Demokratie zum Teil einer „russischen Welt“ machen.

In diesen Wochen, in denen immer mehr russische Bataillone, Drohnen, Kriegsschiffe, Kampflugzeuge und Interkontinentalraketen an die russisch-ukrainischen Grenzen gebracht werden, haben wir damit begonnen, diese Auseinandersetzung im östlichen Europa auch als Teil unserer Gegenwart und unseres eigenen politischen Handelns wahrzunehmen. Immer wieder fällt dabei der Begriff des „Neoimperialismus“. Putins Aggression gegenüber seinem westlichen Nachbarn sei eine neoimperiale Strategie, die den Vorhof russischer Macht sichern solle und ihren Ursprung im Wunsch nach einer Wiederherstellung des untergegangenen Zarenreichs und seines Nachfolgers, der Sowjetunion, habe.

Wir sind ein Volk, ein geeintes Ganzes.

Wladimir Putin, Präsident der Russischen Föderation

Was ist damit gemeint? Was kann „neoimperial“ erklären? Und trifft diese Bezeichnung auf das, was derzeit nur 2000 Kilometer von Berlin entfernt passiert, überhaupt zu?

Putin hat rhetorisch tief in den Instrumentenkoffer von Empires gegriffen und sich auf den territorialen Umfang des Zarenreichs und die russische Prägung der Ukraine bezogen. Faktisch geht es um eine nationalistische Politik, die das reale Fehlen eines Empires und seiner Pufferzonen übertünchen soll. Während im Zarenreich das Management von ethnischer Differenz großgeschrieben wurde und sprachliche und kulturelle Vielfalt bis in die 1870er Jahre an der Tagesordnung war, geht es der russischen Regierung heute um die Einbindung der Ukraine in eine nationalrussische Machtsphäre.

Eine hilflose Peripherie ist die Ukraine allemal nicht mehr

Der Begriff des Neoimperialismus, der dies erklären soll, ist ein politischer Kampfbegriff der 1960er und 1970er Jahre, der ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen Zentren und Peripherien suggerierte und das dominierende Zentrum damals einseitig im Westen verortete. Von einem vergleichbaren Verhältnis kann zwischen der Ukraine und Russland heute keine Rede sein.

Die Ukraine hat seit 2014 massiv aufgerüstet, erhält zivile Unterstützung von den westlichen Industrienationen und Waffen aus der USA und aus Großbritannien, ist Mitglied der OSZE und eng mit dem Westen verbunden, wie die Dauerschleife an Politikern zeigt, die sich derzeit in Kiew die Klinke in die Hand geben. Eine hilflose Peripherie ist die Ukraine allemal nicht mehr.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am 14. Februar 2022 bei einem Treffen mit dem deutschen Bundeskanzler Olaf Scholz.

© Volodymyr Tarasov/imago

Und Russland ist kein Empire mehr, auch wenn es sich militärisch so inszeniert. Die russische Föderation hat ein Bruttosozialprodukt in der Höhe Südkoreas, ist auf die Abnahme seiner Rohstoffe durch den Westen angewiesen und verfügt nicht über eine Vielzahl angelagerter Territorien mit eigenem Rechtsstatus, was typisch für historische Empires war und deren Manövrierfähigkeit stärkte. Der Begriff Neoimperialismus verdunkelt die nationalistische Politik Putins eher, als dass er sie erhellt, und spricht der Regierung zu, wie sie gerne sein möchte. Er gehört in die begriffliche Requisitenkammer, in der auch die „Dritte Welt“ oder „Dependenz“ gehören. In einer multipolaren, globalisierten Welt hat er nichts mehr suchen.

Doch der Blick auf das historische Zarenreich und die Sowjetunion, reale historische Empires also, kann durchaus helfen, den Konflikt besser zu verstehen. Zum einen, weil wir Putins Wunsch nach einer Wiederherstellung eines Großrusslands und einer Verschiebung der europäischen Machtgeographie sehr ernst nehmen müssen. Zum anderen, weil die Wurzeln der heutigen Ukraine auch in ihrer imperialen Vergangenheit liegen.

Millionen Ukrainer verhungerten wegen Stalin

Die Ukraine hatte schon immer „ihren Westen“. Ukrainische Patrioten, Dichter und Politiker gab es im russischen wie im österreichischen Teil der Ukraine. Die freie Presse in der Habsburgermonarchie und ein breites Netz nationaler Vereine strahlten seit 1850 über die imperialen Grenzen nach Russland hinein.

Die enge Verflechtung beider ukrainischer Volksgruppen über die Staatsgrenzen hinweg war auch ein Grund, warum die ukrainische Nationalbewegung im Ersten Weltkrieg zur Massenbewegung wurde und 1917 die Unabhängigkeit von Russland ausrief. Rund zwei Jahre dauerte die Existenz dieser umkämpften freien Volksrepublik, bevor es den Bolschewiki gelang, die Ukraine 1920 in das neue sowjetische Empire einzugliedern.

Bundesaußenministerin Annalena Baerbock zündet am 07. Februar 2022 zusammen mit Dmytro Kuleba, Außenminister der Ukraine, bei einem Besuch der Holodomor-Gedenkstätte Kerzen an.

© Bernd von Jutrczenka/dpa

Doch der „Westen“ blieb im Osten präsent. Eine Welle an Auswanderern, rund zwei Millionen im Jahr 1960, erreichte nach 1945 Großbritannien, die USA und Australien und verband ukrainische Familien durch den Eisernen Vorhang hindurch eng mit ihren Vettern und Kusinen in der nordamerikanischen Diaspora.

Was Ukrainer und Russen weiter trennte, war der „Holodomor“. Der Begriff bedeutet im Ukrainischen Tod durch Verhungern und bezeichnet den Hungerterror, den Stalin 1932-34 in der sowjetischen Volksrepublik anordnete. Das zentrale Motiv dafür war Stalins Angst vor einer Abspaltung der Ukraine, in der nationale Kommunisten an Stärke gewonnen hatten und die Bauern sich gegen die Zwangskollektivierung wehrten.

Wir müssen uns das Ziel setzen, die Ukraine in kürzester Zeit in eine wirkliche Festung der UdSSR zu verwandeln.

Josef Stalin, Diktator der Sowjetunion

In einem Brief vom 11. August 1932, der erst im Jahr 2000 bekannt wurde, schrieb Stalin: „Wir müssen uns das Ziel setzen, die Ukraine in kürzester Zeit in eine wirkliche Festung der UdSSR zu verwandeln, in eine tatsächlich vorbildliche Republik.“ Sein Mittel dazu war Hunger. Sowjetische Truppen riegelten die Ukraine 1932 militärisch ab und erhöhten die Getreideabgaben, so dass die Bauern nichts mehr zu essen hatten.

Nur sechs Prozent sehen sich noch als ethnische Russen

Das Sterben in den Dörfern begann 1932, Ende 1933 waren geschätzte fünf bis sechs Millionen Menschen durch die sowjetische Aushungerung gestorben, weitgehend verborgen vor der Weltöffentlichkeit. Fast jede ukrainische Familie heute hat einen Großvater oder eine Großtante unter den Toten des Holodomor, der in der Ukraine die Stelle des Holocaust in der deutschen Erinnerungskultur besetzt.

Schließlich haben 30 Jahre Unabhängigkeit von Russland neue Wurzeln geschlagen, die mit Abhängigkeit von einem Empire wenig zu tun haben. Lassen wir die Ukrainer selber sprechen: Bei der letzten Volkszählung von 2001 bezeichneten sich 78 Prozent der Gesamtbevölkerung, das waren 37 Millionen, als Ukrainer, 17 Prozent als Russen, das entsprach elf Millionen. Unter den Ukrainern nahmen sich damals auch viele als Menschen mit mehrfacher nationaler Zugehörigkeit wahr, nämlich als Russen und zugleich Ukrainer.

Ein Mann geht auf einer Straße in Moskau an einem Wandgemälde vorbei, das eine Karte der Krim in den russischen Nationalfarben zeigt.

© Artur Bainozarov/Reuters

Die Annexion der Krim 2014 und die Besetzung des Donbass im Osten haben im Rest des Landes jedoch eher das Gegenteil dessen bewirkt, was die russische Regierung beabsichtigte. Weder haben sich die stark russisch bewohnten Städte wie Charkiw, Odessa oder Mariupol dem Modell der beiden russischen Volksrepubliken, Donezk und Lubansk, angeschlossen. Über 70 Prozent der Bevölkerung in den südlichen, vor allem russisch besiedelten Regionen spricht Putin heute genau das ab, was er bereits 2008 beanspruchte: für ihre Interessen einzutreten.

Die Realität auf der annektierten Krim, wo die Wasserversorgung kritisch wird, die Halbinsel gleichsam in eine Militärbasis umgewandelt wird und sich die Menschenrechtssituation für Ukrainer und muslimische Tataren massiv verschlechtert, wirkt weiter abschreckend. 14.000 tote Ukrainer, die im Dauerkrieg im Donbass seit 2014 ihr Leben gelassen haben, tun ein Weiteres. 2017 haben die Ukrainer in Volksbefragungen anders geantwortet als knapp 20 Jahre zuvor: Jetzt bezeichnen sich 92 Prozent der Bevölkerung (ohne die Krim) als ethnische Ukrainer, zwei Prozent als weitere Minderheiten und nur noch sechs Prozent als ethnische Russen.

Das ist die Antwort der ukrainischen Zivilgesellschaft, die Putin ignoriert. Es ist nicht die Antwort einer abhängigen Peripherie oder eines gefügigen Vasallen, den der russische Präsident vielleicht noch in den Machthabern Weißrusslands, Kasachstans oder Kirgistans findet. Und genau deshalb geht auch der Begriff des Neoimperialismus an der realen Konstellation zwischen Ukrainern und Russen vorbei.

Dem großrussischen Nationalismus von Wladimir Putin und seiner Vision einer „russischen Welt“ steht heute eine junge, europäisch orientierte Demokratie gegenüber, die ihre Wurzeln in zwei Vielvölkerreichen hat und im 20. Jahrhundert eng mit dem Osten verflochten war - aber auch mit dem Westen durch den Eisernen Vorhang hindurch verbunden blieb. Wo Putins Russland endet, beginnt die Unabhängigkeit der Ukraine.

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