"Die Wahrheit" im Schlosspark Theater : Lügen haben nackte Hintern

Zur mörderischen Frage, wer mit wem schlief: das Lustspiel „Die Wahrheit“ am Schlosspark Theater.

Auf Krawallfahrt. Michael Au, Katharina Abt, Oliver Dupont und Katharine Mehrling (v. l.) in "Die Wahrheit".
Auf Krawallfahrt. Michael Au, Katharina Abt, Oliver Dupont und Katharine Mehrling (v. l.) in "Die Wahrheit".Foto: DerDehmel/Urbschat

Im Schlosspark Theater lässt der erste Höhepunkt nicht lange auf sich warten. Es ist der nackte Hintern des Schauspielers Michael von Au, der für großes Hallo sorgt. Geradezu rührend, wie leicht man im Boulevardtheater den Menschen eine Freude machen kann! Dabei hat der alte Regie-Hase Folke Braband, der hier Florian Zellers Lustspiel „Die Wahrheit“ auf die Bühne bringt, einfach nur die Situation ernst genommen. Das Stück beginnt im Hotelbett, mit einem Schäferstündchen der Seitenspringer Michel (Von Au) und Alice. Die wird von der tollen Katherine Mehrling gespielt, die auch kurz entblößt zu sehen ist, was aber die Gemüter gar nicht erhitzt. Es gibt seltsame Schieflagen im Blick auf die Geschlechter.

Jedenfalls haben Michel und Alice seit sechs Monaten eine Affäre. Während die Ärztin mit den nachmittäglichen Têt-à-têts zunehmend ein Problem bekommt und ihrem Ehemann Paul (Oliver Dupont) gern reinen Wein einschenken würde, gibt Michel den glühenden Verteidiger des Versteckspiels. Und das, obwohl Paul sein bester Freund ist. „Wenn die Leute von heute auf morgen aufhören würden, sich zu belügen, gäbe es kein einziges Paar mehr auf Erden“, malt der Mann mit den biegsamen Prinzipien das Horrorszenario aus. „Und in einer gewissen Hinsicht wäre das das Ende der Zivilisation.“ Die Apokalypse der Wahrheit.

Was du nicht willst, was man dir tu

Klar ist, dass ein Autor mit funktionierendem moralischem Kompass eine Figur mit solchen Ansichten nicht davon kommen lassen kann. Weswegen Michel in einen komödientauglichen Crash-Kurs Kantscher Ethik geschickt wird: Was du nicht willst, was man dir tu, das füg auch keinem anderen zu. Es beginnt noch harmlos. Seine Frau Laurence – mit sphinxhafter Fröhlichkeit von Katharina Abt gespielt – bringt den Untreuen mit Fragen nach seinem Alibi aus dem Konzept. Weiß sie Bescheid? Und was ist mit Paul, der nach dem gemeinsamen Tennismatch in der Umkleidekabine so eindeutige Andeutungen macht? Wer spielt hier wem was vor? Kann man denn heute keinem Menschen mehr vertrauen? Welche Tragik, wenn der Betrüger zum Betrogenen wird.

„Die Wahrheit“ gastierte 2011 schon mal in einer Inszenierung des St.-Pauli-Theaters von Ulrich Waller am Renaissance-Theater. Dort feierte mit „Der Vater“ auch das bis heute beste Stück des französischen Star-Autors Florian Zeller Premiere – ein feingewobenes Vexierspiel, das den Zuschauer in den Kopf eines Demenzkranken versetzt. Ganz so kunstvoll ist der frühe Erfolg „La Vérité“ nicht gebaut, das Stück ergibt in seinem Bemühen um immer neue Volten ab einem bestimmten Punkt keinen Sinn mehr. Was aber dem Vergnügen keinen Abbruch tut.

Die Regie brettert in vollem Komödientempo über Untertöne hinweg

Auf der Drehbühne mit wechselndem Mobiliar und verschiedenen Projektionshintergründen (vom psychedelischen Farbspiel bis zum asiatischen Geäst), die Tom Presting entworfen hat, verstrickt sich Michael von Au höchst unterhaltsam im eigenen Lügengeflecht.

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Zwar brettert Regisseur Braband in vollem Komödientempo über die wenigen nachdenklichen Untertöne des Stücks hinweg. Aber weil er die Krawallfahrt mit einem hervorragend eingespielten Ensemble unternimmt, fällt auch das kaum ins Gewicht. Sieben pointierte Szenen, 100 schlanke Minuten Spielzeit und ein Evergreen des Unterhaltungstheaters – die mörderische Frage, wer mit wem schlief – ernten in Hallervordens Theater begeisterten Applaus. Mit der hochphilosophischen Frage, was denn die Wahrheit sei, muss sich da niemand unnötig beschweren. Zumindest nicht während der Vorstellung. Patrick Wildermann
Schlosspark Theater, wieder am 12. und 13. März, 20 Uhr, weitere Vorstellungen bis Juni

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