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Sichtbarmachen will auch Mark Bellinghaus von Saturdays for Children die Pädokriminalität. Hier in Münster vor dem Gericht.
© Guido Kirchner/dpa

Urteile im Missbrauchsprozess in Münster: Die Zeit der Bagatellisierung von sexueller Gewalt ist vorbei

Der Fall Münster zeigt: Endlich wird das Thema von der Politik ernst genommen. Doch es halten sich Reste an Scheu, Tabus und Scham. Ein Kommentar.

Ein Kommentar von Caroline Fetscher

Auch die Mutter des Hauptangeklagten kommt in Haft, für fünf Jahre. Sie hatte dem Sohn die Laube überlassen, die der 28jährige in eine Folterkammer für Kinder und in einen Hightech-Raum für Videoproduktion verwandelt hatte. Riesenrechner dienten dort dem Vertrieb pädokrimineller Darstellungen.

Im Prozess um den „Missbrauchskomplex Münster“ sind die Urteile eindeutig. Alle, der Haupttäter und die Mitangeklagten, sollen mehr als zehn Jahre in Haft, danach in Sicherungsverwahrung. Noch ist das Urteil nicht rechtskräftig.

Aber deutlich ist bereits: Jetzt sind die Augen auf, es wird klarer hingesehen. Nach Enthüllungswellen in Institutionen wie Internaten oder Sportvereinen taucht mehr und mehr die pädokriminelle Gewalt aus dem privaten Raum auf, wo bis zu achtzig Prozent aller Taten begangen werden. Stichworte wie Staufen, Lügde, Bergisch-Gladbach, Münster stehen für die Fälle.

Zunehmend werden Delikte ernstgenommen, die vorher bagatellisiert wurden. Herbert Reul, Innenminister von Nordrhein-Westfalen, sagte am Dienstag voller Emphase: „Früher war das wie Ladendiebstahl, da ist man ja fassungslos!“ Ermittlungen ergaben vier Petabyte an tatrelevanten Daten. Diese Menge, so Reul, ergäbe einen acht Kilometer hohen Turm aus CDs.

Man konnte zusehen, wie das Bewusstsein bei Innenminister Reul wuchs

Bei Reul ließ sich nachgerade miterleben, wie das Bewusstsein dafür wuchs, dass hier gravierende Taten unter dem öffentlichen Radar geblieben waren. Vor ein paar Jahren zeigte eine Dokumentation Reuls Gesicht, als Kripo-Beamte dem Minister Videoszenen mit sexualisiert gequälten Kindern zu sehen gaben. Reuls Erschütterung konnte überspringen, so unmittelbar war sie präsent.

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Alarmiert, entschlossen sorgte er für mehr Einsatzkräfte, mehr Mittel, bessere Vernetzung der Ermittler, bessere Ausstattung. Und er plädierte für die inzwischen erfolgte Verschärfung des Strafrechts. Lange hätten sich Leute rausgehalten, die etwas wussten, sagte Reul, um Nachbarn oder Verwandte nicht zu „denunzieren“.

Heute wissen viel mehr Menschen, dass es nicht um „Denunzieren“ geht, sondern um Rettung und Schutz. Dazu trägt auch seit 2010 das Amt des Unabhängigen Beauftragten des Bundes für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs bei, engagiert geleitet von Johannes-Wilhelm Rörig. Sein Team macht klar, dass Täterinnen und Tätern in allen Milieus vorkommen, und statistisch gesehen in jeder Schulklasse ein betroffenes Kind sitzt.

Würden alle Innenminister handeln wie Herbert Reul, wäre das Dunkelfeld sehr bald noch sehr viel heller. Doch beharrlich halten sich Reste an Scheu, Tabus und Scham, als würden noch immer viele fürchten, was unter den Steinen lauert, die man umdrehen müsste. Verdrängen hilft allerdings nichts. Wie Beihilfe und Duldung verlängert es vielmehr das Leid, während die Datentürme weiter wachsen.

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