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Lavendeltraum. Ansicht von Grignan, dem südfranzösischen Dorf, in dem Phillippe Jaccottet zu Hause war.
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Hommage an ein Dichtertrio: Dieser Berg, dieser Stein, dieser Weg

In Erinnerung an Philippe Jaccottet: Wolfgang Matz preist das Glück des poetischen Lebens.

Von Gregor Dotzauer

Das Glück eines poetischen Lebens steht zu allen Zeiten im Verdacht der Weltfremdheit. Es klingt nach Eskapismus und selbstgenießerischer Absonderung. Wer sich mit Dichtung beschäftigt, muss auch nicht lange suchen, um Beweise für den falschen Frieden zu finden, den etwa Hölderlin unter den Wehrmachtssoldaten stiftete, die ihn im Tornister mitführten.

Zugleich taugt Dichtung seit jeher zu Nationalismus und Kriegsverherrlichung. Man denke nur an den Franzosen Charles Péguy: Ein Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs besang er in seinem Langgedicht „Ève“ das Glück des Tods im Schützengraben.

Was also ist das für ein Glück, das der Übersetzer und Literaturwissenschaftler Wolfgang Matz am Beispiel dreier großer, einander freundschaftlich verbundener Dichter französischer Zunge beschreibt?

[Wolfgang Matz: Vom Glück des poetischen Lebens. Erinnerung an André de Bouchet, Yves Bonnefoy und Philippe Jaccottet. Wallstein Verlag, Göttingen 2022.

56 Seiten, 12,90 €.]

Zunächst hat es, bei allem Sinn, den André du Bouchet, Yves Bonnefoy und Philippe Jaccottet für Rückzug und Idyllen hatten, nichts Ausschließendes. Es besteht, in einem umfassenden, Schmerz, Verfall und Tod nicht scheuenden Hinunterdenken zu den letzten Fragen der menschlichen Existenz. Auf genuin poetische Weise bezieht es dabei jedoch alles Nichtmenschliche – die Welt der Natur, der Tiere und der Steine – wie selbstverständlich ein.

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Die zentrale Figur der drei so kurzen wie eindringlichen Erinnerungen, die in der Summe den Nachruf auf eine unüblich gewordene poetische Radikalität ergeben, ist der im Februar 2021 verstorbene Philippe Jaccottet. Ihm, dem Schweizer, der sich in Grignan in der südfranzösischen Drôme niedergelassen hatte, waren Matz und seine Lebensgefährtin, die Übersetzerin Elisabeth Edl, am engsten verbunden. Er bildete das Bindeglied zu Yves Bonnefoy und die Brücke zu dem im benachbarten Truinas lebenden du Bouchet.

Als der zugänglichste Dichter der drei ist er auch textlich der Kronzeuge für eine Poesie, die mit „Clarté Notre-Dame“ (Wallstein 2021) noch einmal ein Spätwerk hervorbrachte, das weder die eigene Endlichkeit noch, etwa mit Blick auf Syrien, die Kriege der Gegenwart ignorieren wollte. Gegen die Entschlossenheit, mit der er 1995 als 70-Jähriger verkündet hatte, „dem zerlumpten Kerl, zu dem wir am Ende doch alle werden“, im Voraus das Wort zu entziehen, besann er sich eines Besseren.

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Das zentrale Motiv dieses Bandes ist indes der Traum von einer Literatur, die weder vollkommene ästhetische Autonomie beansprucht, noch als bloßer Spiegel der Wirklichkeit fungieren will. Sie sucht ihre Kraft vielmehr darin, „zurückzuführen zur Welt“, wie Jaccottet einen Text von du Bouchet über Alberto Giacometti zitiert: „Tournant au plus vite le dos au fatras de l'art“. Auf Deutsch: „dem Kunstkrempel möglichst schnell den Rücken kehren“ und das anzustreben, „was uns bereits durch das Werk hindurch, alle Umwege missachtend, sehr schnell der Außenwelt zurückgibt“.

Für Bonnefoy lag dies im Auftrag, den Blick immer wieder vom Papier zu heben: „Lever les yeux de son livre“, ist einer seiner Essays überschrieben.Wolfgang Matz paraphrasiert das am Ende in der Hoffnung, dabei „etwas zu finden wie eine Öffnung auf das Sichtbare, Berührbare, auf die sinnliche Erfahrung, aber auch auf das Ungreifbare in diesem Berg, diesem Stein, diesem Weg. Im Licht der Welt findet der Blick von selbst wieder zurück zum Gedicht.“ Das ist das Glück, von dem er spricht.

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