Diskussionsrunde im Literaturhaus Berlin : Berlin ist ein Zentrum jüdischer Literatur

Verquere Verortungen: Das Berliner Literaturhaus veranstaltet ein Festival über jüdische Gegenwartsliteratur mit Autoren unterschiedlichster Generationen.

Ort der Verständigung. Das Literaturhaus Berlin.
Ort der Verständigung. Das Literaturhaus Berlin.Foto: Köhler

Schon im Sommer setzte sich das Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk (ELES) in einer Reihe von Veranstaltungen mit „Jüdischen Literaturen“ auseinander. Es ging um „Identitäten im Schreiben und Schreiben über Identitäten“.

Berlin, so das Fazit, sei dabei ein „wichtiges Zentrum jüdischen Schreibens und als literarisches Sujet selbst allgegenwärtig“.

Mit einem dreitägigen Festival unter dem Titel „Verquere Verortungen“ fanden die Diskussionen nun im Literaturhaus Berlin eine Fortsetzung. Zahlreiche Teilnehmer der jüngeren Generation, unter ihnen Dimitrij Kapitelman, Channah Trzebiner, Max Czollek und Nele Pollatschek, sprachen über ihre Beziehung zu Berlin.

Gemeinsam mit Repräsentanten der älteren Generation wie Esther Dischereit oder Robert Schindel fragten sie: Gibt es überhaupt Gemeinsamkeiten zwischen den Generationen? Wie verorten sich jüdische Autoren in den aktuellen politischen Debatten? Wie lassen sich „verquere Verortungen“ dekonstruieren? Und: Gibt es überhaupt eine „jüdische Literatur“?

Anregend für Programm und Diskussion war die soeben im Neofelis Verlag erschienene Sonderausgabe des „Jalta“-Magazins zum Thema „Zwischen Literarizität und Programmatik: Jüdische Literaturen der Gegenwart“. Die viel zitierte deutsch-jüdische Kultursymbiose war schon vor Bücherverbrennung und Shoah ein Mythos. Und die Geschichte der „jüdischen Literatur“ hierzulande im Wesentlichen eine Begriffsgeschichte des ideologischen, das heißt antisemitischen Missbrauchs.

Was ist deutsch-jüdische Literatur?

So wurde bereits in der Eingangsdiskussion der Moderatoren Jo Frank und Eva Lezzi mit Maxim Biller deutlich, wie umstritten heute besonders der Begriff „deutsch-jüdische Literatur“ ist.

Biller, der selbst „nicht so gern jüdischer Schriftsteller in Deutschland“ ist, sprach auch anderen deutschsprachigen Autoren des Festivals wie etwa Eva Menasse das Recht ab, ihre Literatur als „jüdisch“ zu präsentieren.

Man könne den Begriff heute keineswegs als Bedeutungseinheit verstehen, sondern offenbar nur als „verqueres“ Nebeneinander heterogener Themen, Schreibweisen undd Identitätskonzepten.

Schriftsteller mixen Mix Sprachen

Ein bewusster Schritt zur deutsch-jüdischen Literatur war indes die von dem Aufklärer und Lessing-Freund Moses Mendelssohn im 18. Jahrhundert benutzte Schreibweise des Jüdischdeutschen in hebräischen Buchstaben.

Damals war der jüdische Staat noch ein Traum; heute pendeln israelische Autoren zwischen der deutschen Hauptstadt und Tel Aviv. Der Zustand des „Dazwischenseins“ schlägt sich vor allem in der Sprachenmischung nieder, wie das Podiumsgespräch von Esther Dischereit mit Tomer Gardi über dessen Roman „Broken German“ deutlich machte.

Diese in fehlerhaftem, aber verständlichem Deutsch verfasste Erzählung des in Galiläa geborenen Autors sorgte 2016 bei der Jury des Ingeborg-Bachmann-Preises für Aufregung. Er habe seine Sprache „von überall hergenommen“, erklärte Gardi: „Wenn man in Berlin ist, hört man so viele verschiedene Arten und Weisen zu reden. Jeder sollte Deutsch schreiben dürfen.“

Bei der „Broken German“-Diskussionsrunde fehlte bedauerlich der heute in Neukölln lebende arabisch-jüdische Dichter Mati Shemoelof. Auch er streut in seine Texte gern deutsche Worte in hebräischer Transkription ein („Ich kotew Iwrit“) und fühlt sich wie Tomer Gardi und andere im Ausland lebende israelische Schriftsteller als Wanderer „zwischen Sehnsüchten, zwischen Ländern und Identitäten, zwischen Familien und Häusern, zwischen Büchern und Sprachen“.

Doch diese Entwicklung ist nicht nur als interessantes linguistisches Phänomen zu betrachten, sondern als politische Chance und Kraft einer neuen jüdischen Literatur.

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