Doku „Willkommen in Sodom“ : Leben auf dem Elektro-Friedhof

Deponie Afrika: Die Doku „Willkommen in Sodom“ zeigt das Leben und Überleben auf einer riesigen Müllhalde in Ghanas Hauptstadt Accra.

Jan-Philipp Kohlmann
Die Rauchschwaden sind immer da. Eine Szene aus "Willkommen in Sodom".
Die Rauchschwaden sind immer da. Eine Szene aus "Willkommen in Sodom".Foto: Camino Filmverleih

Wäre „Welcome to Sodom“ ein postapokalyptischer Science-Fiction-Film, man müsste vor dem Production Designer den Hut ziehen. Huftiere stapfen durch gigantische Mülllandschaften, in pittoresker Ordnung türmen sich Waschmaschinen, Röhrenmonitore und zerlegte Karosserien. Rauchschwaden wehen durch die Bilder, im Hintergrund rollt einmal ein brennender Autoreifen vorbei. Doch diesen Ort gibt es wirklich. Agbogbloshie heißt das Viertel in Ghanas Hauptstadt Accra, von den Einwohnern nur „Sodom“ genannt. Die größte Elektroschrottmüllhalde der Welt.

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Wenn europäische Dokumentarfilmer einen solchen Ort vorfinden, liegt die Versuchung nahe, einer durchaus nachvollziehbaren Faszination zu erliegen. Im schlechtesten Fall setzt die „Exotisierung“ dieses Ortes und seiner Menschen deren „Schönheit“ in Szene. Es ist den österreichischen Filmemachern Christian Krönes und Florian Weigensamer daher anzurechnen, dass sie zwar eindrucksvolle Aufnahmen dieses höchst giftigen Elektro-Friedhofs gemacht haben, diese aber nicht zur Götterdämmerung stilisieren. Den konkreten Ort und seine Bewohner setzen sie in Beziehung zu ihrer eigenen Heimat. Auf der Deponie von Accra landen die aussortierten Geräte aus den westlichen Industrienationen. Die Protagonisten wiederum, die beim Durchkämmen des Schrotts nach Verwertbarem ihre Gesundheit aufs Spiel setzen, träumen vom Aufbruch nach Europa.

„Sodom“, sagt einer, sei ein „Paradies für Geschäftsleute.“ Während die Kamera ihnen bei der Arbeit durch die Müllberge folgt, erzählen sie aus dem Off ihre Geschichten. Ein Junge, etwa 12, scheint seine Familie zu ernähren. Mithilfe einer magnetischen Membran sucht er Metallreste im Elektroschrott. Die Händler trennen die Wertstoffe am offenen Feuer, das Hauptgeschäft auf der Halde. Die wirtschaftlichen und ökologischen Zusammenhänge interessieren die Filmemacher nur am Rande. Ihnen geht es, ganz in der humanistischen Dokumentar-Tradition, um konkrete Bilder und Lebensgeschichten. Etwa die eines Mannes, der als Jude und Homosexueller in der Anonymität von „Sodom“ Zuflucht sucht und zur Aufheiterung zu den Komödien von George Bernard Shaw greift. Krönes und Weigensamer finden Bilder für das Leben in „Sodom“ und den globalen Warenkreislauf, die man nicht so schnell vergessen wird.

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