Dorothee Oberlinger : Ein Faible für Fehler

An diesem Samstag beginnen die Musikfestspiele Potsdam Sanssouci - erstmals unter Leitung von Dorothee Oberlinger. Für die Blockflötistin entsteht Schönheit erst durch Brüche, denn sie schärfen die Sinne.

Dorothee Oberlinger.
Dorothee Oberlinger.Foto: Johannes Ritter

Die Musen haben es nicht leicht. Vereinzelt und ungehört stehen sie auf ihren Marmorsockeln, während in Handys vertiefte Menschen an ihnen vorbeitraben. Dabei könnte die antike Vorstellung, dass den Künsten Schutzgöttinnen zur Seite gestellt sind, auch unsere rasende Welt bereichern. Mit etwas mehr Muße. Für Dorothee Oberlinger, die neue Intendantin der Musikfestspiele Potsdam Sanssouci, sind die Musen und ihr Zusammenwirken der Schlüssel für das, was sie in den nächsten fünf Jahren mit ihren Programmen entwickeln will. An den historischen Orten der Schlösser- und Gartenlandschaft soll sich treffen, was in alle Himmelsrichtungen auseinanderstrebt: Architektur und Tanz, Oper und Komödie, Literatur, Kochkunst und Wissenschaft, von der Barockmusik aus die Jahrhunderte überspannend bis zum Jazz und zur Neuen Musik, auch für ein junges Publikum.

Ein nicht ganz einfacher Job

Oberlinger scheint die Idealbesetzung für diesen nicht ganz einfachen Job: Nach 27 Jahren reicht Festivalgründerin Andrea Palent nun das Zepter weiter – eine Zäsur. Doch wer es schafft, mit der unscheinbaren Blockflöte zu einem Star der Klassikszene aufzusteigen, der vermag auch die nächste Generation der Musikfestspiele einzuläuten. Denn Oberlinger, 1969 in einen musikalischen Pfarrershaushalt hineingeboren, vereinigt eine Vielzahl von Begabungen. Als Solistin ist sie ebenso neugierig wie als Ensembleleiterin und Dirigentin, als Professorin steht sie in engem Kontakt mit dem Nachwuchs. Ihre dramaturgische Gestaltungslust lebt sie als Chefin eines kleinen Barockfestivals in Hessen aus, die Einführungen für ihre Konzerte und CDs schreibt sie selbst. Ein Kommunikationstalent, das zudem auch das gleiche Instrument wie Friedrich II. spielt, der allerdings die Travers-Variante bevorzugte. Natürlich hat Oberlinger einen „Tag der Flöte“ aufs Programm gesetzt, der alle Nuancen eines der ältesten Instrumente der Menschheit anklingen lässt und in den nächtlichen Auftritt von Robert Dick mündet, dem Jimi Hendrix der Flöte. Die Festival-Chefin selbst besitzt mehr als 100 Instrumente: nächtliche, rauchige und brillante, feenhafte Flöten.

Oberlinger hat Potsdam schon zu DDR-Zeiten kennengelernt, über die Musik an Friedrichs Hof hat sie ihr Staatsexamen geschrieben, später kehrte sie als Solistin zurück. Ihre Lieblingsorte inmitten der preußischen Parklandschaft – der Blick auf den Ruinenberg und die Alte Mühle – verraten etwas über ihre Liebe zu Brüchen. „In der Barockzeit hat man Störungen bewusst eingesetzt wie Webfehler in Teppichen, an denen das Auge hängenblieb, oder wandernde Schönheitsflecke.“ Das Verwirrende, Faszinierende weckt die Aufmerksamkeit, schärft die Sinne. Verlieren Konzerte dieses Moment, werden sie für Oberlinger schnell zu Kaufhausmusik. Die Orte, die die Festspiele mit Musik erfüllen, haben nicht nur einen historischen Reiz wie die Marmorgalerie gleich neben dem berühmten Flötenzimmer des Königs. Die Räume sind zumeist von intimer Größe, der Klang scheint zum Greifen nah, der Atem der Musiker bleibt, anders als in der Philharmonie, hörbar Teil der Aufführung.

[ Die Musikfestspiele beginnen am heutigen Samstag mit einem Konzert in der Nikolaikirche, im Anschluss ab 21.30 Uhr Eröffnungsfest auf dem Alten Markt. Das Festival läuft bis 23. Juni. Infos unter www.musikfestspiele-potsdam.de]

Diese Nähe ist ein Privileg, auf dem sich die neue Intendantin aber nicht ausruhen will. Sie möchte die Festspiele auch zu einem Ort machen, an dem Neues entsteht. Um Strawinskys „Apollon Musagète“ kreist ein Tanztheater von Kedir Amigo Memis, dem Gründer der Streetdance-Formation Flying Steps, die orientalischen Instrumente des Ensemble Sarband treffen auf die klassische Kammerakademie Potsdam. „Hofmusiker waren nicht nur Interpreten“, gibt Oberlinger zu bedenken. „Sie waren gleichzeitig auch Komponisten und Interpreten. Dagegen sind wir heute schmalspurig unterwegs.“ Was man aus der Vergangenheit und ihrem Musiktheater lernen kann, will die Intendantin mit der Ausgrabung der Opernrarität „Polifemo“ von Giovanni Battista Bononcini untersuchen. Das Werk entstand für den Musenhof von Sophie Charlotte, die Königin saß bei der Premiere selbst am Cembalo. Oberlinger wird hier als Dirigentin ihres Ensembles 1700 auftreten, die Inszenierung versucht bewusst, barocke Theatergesten zu rekonstruieren. „Wie könnte es gewesen sein, als Hände und Augen sich noch in Einklang mit der Musik bewegten?“ Das will Oberlinger dabei herausfinden.

Das Potsdamer Musenrondell liegt auf der Hauptallee von Park Sanssouci. Sternförmig abzweigende Wege teilen den Platz in acht Teile, jeder beherbergt die Marmorskulptur einer Muse – und damit eine zu wenig. Opfer der preußischen Symmetriesucht wurde Urania, die Schutzgöttin der Astronomie. Doch Dorothee Oberlinger träumte schon immer davon, ein Konzert in einer Sternwarte auszurichten. Und so gibt es oben auf dem Telegrafenberg, wo mit den 120 Jahre alten Großen Refraktor die Himmelskörper erforscht wurden, ein Konzert für Kinder unter Uranias besonderer Obhut. Der Blick reicht bis zu fernen Planeten, die Musik vom Mittelalter bis in die Moderne. Aber ohne Blockflöten geht es nicht.

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