„Effi Briest“ am Staatstheater Cottbus : Wilhelminisch bewegend im Fontane-Jahr

Anlässlich von Theodeor Fontanes 200. Geburtstag hat Siegfried Matthus eine „Effi Briest“-Oper komponiert. Das Ergebnis ist frei von avantgardistischen Zwänge.

Ljudmilla Lokaichuk als Titelheldin.
Ljudmilla Lokaichuk als Titelheldin.Foto: Marlies Kross

Gemessen an der Lust, auch die abseitigsten Jubiläen zu begehen, ist es bisher seltsam still geblieben um Theodor Fontane, der am 30. Dezember 1819 im brandenburgischen Neuruppin geboren wurde. „Effi Briest“, sein Klassiker unter den Gesellschaftsromanen der wilhelminischen Zeit, gehört immerhin zum Schulstoff – zum Glück. Denn obwohl sich heute wohl niemand mehr wegen Ehebruchs duelliert: Eifersuchtsmorde, Zwangsehen, Familiendramen gibt es noch immer, Hass und Liebe liegen auch in der schönsten Sippe eng beieinander.

Fontanes urpreußische Fantasiekäffer Hohenkremmen und Kessin sind damit nur die Schauplätze einer durchaus aktuellen Tragödie um die zu früh an einen knöchernen Landrat verheirateten Adelstochter Effi, die sich vor lauter Langeweile einem Frauenhelden hingibt und damit ihre unglückliche Ehe riskiert.

Der eigentliche Skandal besteht aber darin, dass sich aus dem Vergehen wegen echter oder vermeintlicher gesellschaftlicher Zwänge der Zerfall ihrer Familie und Gesundheit ergibt. Mutter Briest ist weise genug zu erkennen, dass es schwer sei, „sich ohne die Gesellschaft zu behelfen“.

Auf ihre Frage, ob die Eltern die 17-jährige Tochter nicht doch zu früh verheiratet hätten, antwortet der alte Briest sofort mit „Unsinn, Luise!“. Um dann gnädig und eher von den eigenen Zweifeln gequält die Frage nachzusetzen, was sie damit meine. Damit umreißt Fontane in wenigen Worten die Stellung der Frau im alten Preußen: Sie darf sich keine eigene Meinung leisten, sondern hat sich unterzuordnen; Gefühle haben in der Gesellschaft keinen Platz, wie es der ältliche Baron Instetten postuliert.

Das Staatstheater Cottbus, die einzige staatliche Bühne mit eigener Opernsparte, die die brandenburgische Kulturpolitik nach der Wende übrig gelassen hat, wagt nun eine Uraufführung: Siegfried Matthus, zu DDR-Zeiten arrivierter Komponist sowie Initiator und bis 2014 Chef der Rheinsberger Kammeroper, wurde mit der Vertonung der „Effi“ beauftragt. Ein mutiges Unterfangen, denn die Krux an literarisch hochwertigen Vorlagen ist eben ihr guter Text, dessen Umformung zum Libretto oft schon zwangsläufig die Qualität des Originals nicht erreicht. So ist es leider auch bei den teils unfreiwillig komischen Versen des Komponistensohnes Frank Matthus.

Mehr als 20 Solisten

Und doch gelingt in Cottbus trotzdem eine durchaus berührende Produktion, deren Stärke und Schwäche zugleich in der recht kargen Tonsprache des Komponisten liegen. Seine sich um avantgardistische Zwänge wenig scherende Partitur bleibt über zweieinhalb Stunden klar figurativ, oft geradezu melodiös und überraschend tonal, hat aber wegen ihrer immer gleichen Parallelen in diversen Tonintervallen durchaus Längen von enervierender Kontinuität.

Der Vorteil der lichten Instrumentierung dagegen ist die große Transparenz: Matthus’ Musik, vom Generalmusikdirektor Alexander Merzyn am Pult des philharmonischen Theaterorchesters behutsam zum Leuchten gebracht, lässt zu jeder Zeit Platz für den Text – der gleichwohl nur dann überzeugt, wenn er selbst von Fontane geliehen ist.

Es darf als Herausforderung gelten, dieses Material aus über 40 teilweise sehr kurzen Szenen und Zwischenspielen mit mehr als 20 Solisten auf die Bühne zu bringen. Unter den zwiespältigen Voraussetzungen gelingt das dem Regisseur Jakob Peters-Messer ganz ausgezeichnet. Mit beeindruckender Präzision hat er an der Personenführung gearbeitet, auf der Drehbühne reicht ihm eine Wand mit Fontanezitaten und zwei Gazevorhänge, dazu die allernötigste Ausstattung und wilhelminische Kostümage.

[Wieder am 31. 10., 22. 11. sowie 21. 12., Infos: www.staatstheater-cottbus.de]

Aktuelle Assoziationen

Die Stärke seiner Regie liegt darin, neben der Hauptperson auch die anderen Figuren fein und genau zu zeichnen. So gelingt etwa mit Andreas Jäpels Baron Instetten ein durchaus differenziertes Porträt eines selbst von Zwängen Getriebenen, der ja nicht aus Boshaftigkeit mordet, sondern wirklich glaubt, sowohl die schändliche Behandlung seiner Frau als auch das tödliche Duell seiner Ehre schuldig zu sein.

Die Inszenierung drängt dem Stück keine Aktualität auf, sondern entwickelt sie assoziativ. So kann auch Ljudmilla Lokaichuk, der absolute Star des Abends, die Titelrolle mit nicht nur fabelhaften Tönen, sondern auch mit großartigem Spiel ausrüsten. Ihr Porträt eines jugendfrohen Mädchens, das sich zur gescheiterten Frau entwickelt, hat Größe. Dahinter stehen die Nebenfiguren mit Ausnahme des blassen Crampas (Martin Shalita) nicht zurück. Am Ende ist es dann eben doch die Geschichte um Effis Schicksal selbst, die bewegt – ob nun in Lettern oder in Noten.

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