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Es werde Licht! Anthony Braxton im Gropiusbau.
© imago images/Votos-Roland Owsnit

Jazzfest Berlin 2019: Eine Schöpfungsgeschichte der Welt in 60 Stimmen

Raus aus der Ursuppe: Anthony Braxtons Großprojekt „Sonic Genome“ im weiträumig bespielten Gropiusbau eröffnet das Berliner Jazzfest.

Von Gregor Dotzauer

Was wäre schon ein absoluter Anfang. Jede Kosmologie muss hinter sich selbst zurückdenken, und auch auf Erden war es, wie hie und da geschrieben steht, zunächst nicht einfach wüst und leer. Ein unmerkliches Wispern, Rauschen und Grollen lag über ihr, ein Flirren in der Dämmerung, das Licht war und ein Leuchten werden wollte.

Und da, wo man einen Abend, eine Nacht lang, nachvollziehen kann, wie es gewesen sein könnte, im Gropiusbau zu Beginn des Jazzfests, mischt sich in die Ursuppe, in der ein menschlicher Schöpfergott namens Anthony Braxton dirigierend rührt, auch bereits eine leise Dissonanz.

„Sonic Genome“ ist zumindest von der zeitlichen Dimension her das Ehrgeizigste, was der mittlerweile 74-Jährige jemals konzipiert hat. Eine mehrstündige Performance, die auch nach dem siebten Tag noch nicht enden dürfte, eine Genesis, die in ihren zyklischen Elementen auf eine Ewigkeit ohne eindeutigen Zeitvektor angelegt ist.

Braxtons Werk, das zumindest theoretisch auf einer Zusammenschau aller konsequent durchnummerierten Kompositionen beruht, die er jemals geschrieben hat, hat den Größenwahn von Karlheinz Stockhausens Opernzyklus „Licht“, in seinem improvisatorischen Zugriff, der rund 60 Musiker aus Braxtons amerikanischem Umfeld, aus der Berliner Echtzeitmusikszene und Jazzkontexten vereint, aber einen deutlich freieren Atem.

Die Ursuppe bleibt denn auch nicht lange Ursuppe. Unter den streng codierten Handbewegungen des Meisters quillt sie auf und fällt in sich zusammen. Im Sämigen zuckt es, Blasen bilden sich, Tonketten gewinnen im Stakkato Kontur. Ehe man sich es versieht, zerfällt das ungeschiedene Eine, und gesellschaftliche Prozesse kommen in Gang. Gruppenbildung, Individualisierung, Absonderung: Das menschliche Miteinander und Gegeneinander nimmt seinen Lauf.

Marching Bands mit Verfolgertruppen

Kleinere und größere Marching Bands lösen sich aus dem Kollektiv, hinter sich in gemessenem Abstand die Verfolgertruppen des Publikums. Einzelne Instrumentengruppen ziehen sich in Nebenräume zurück, woanders herrschen bunt durcheinandergewürfelte Kombinationen, die auch exotische Instrumente wie das orientalische Hackbrett Kanun oder die japanische Wölbbrettzither Koto einschließen.

Raumergreifung in der Fläche. Luftraumeroberung bis in den ersten Stock. Überlagerungen. Verwehungen. Ein Nomadenvolk nach dem anderen begibt sich mit seinen Notenständern auf Wanderschaft. In einer Ecke hat sich ein Quartett von Klangverschwörern demonstrativ in die Hocke begeben, während eine andere Prozession vorbeizieht. Auf den breiten Aufgängen im Treppenhaus wird in theatralischen Frage-Antwort-Verschlingungen Antiphonisches zelebriert.

„Sonic Genome“ ist bei alledem kein sich selbst organisierendes System. Mit der Architektur des Gropius-Baus vertraute Guides, Gruppenstimmführer und Dirigenten organisieren das vermeintlich Anarchische. Die Hierarchisierung des Unhierarchischen ist in vollem Gang. In Gestalt von James Fei und Chris Jonas hat Braxton zwei Adlati, die mit den Strukturen dessen, was er seit Jahren Ghost Trance Music nennt, von Grund auf vertraut sind.

Notation mit grafischen Symbolen

Was einerseits konventionell, wenngleich in seinen oft mit ungeraden Bruchzahlen bezifferten Phrasenlängen komplex notiert ist, lebt andererseits von einem fast unüberschaubaren Set grafischer Zeichen, die als eine eigene Sprache erlernt werden müssen. Die Zeichen variieren von Mal zu Mal, weshalb zu jedem Stück eine Legende gehört.

Komposition Nr. 107 etwa schlüsselt sechs Symbole auf: von einer senkrecht fallenden, gestrichelten Linie, die die Aufhebung des Taktmaßes markiert, bis zu einer gebissförmigen, nach rechts geöffneten eckigen Klammer, die zu einer „cluster formation language“ auffordert. Das sind noch relativ leicht überschaubare Anweisungen. In jüngeren Arbeiten wie der am Sonntag zu hörenden „ZIM Music“ hat sich Braxton in einen regelrechten Farbschwungrausch hineinkomponiert.

Zwischen Jazz und Neuer Musik, Improvisation und Aleatorik, schwarzem Selbstbewusstsein und weißem Abstraktionsgeist hat Anthony Braxton, in seiner Geburtsstadt Chicago Mitbegründer der legendären Association for the Advancement of Creative Musicians (AACM), immer einen dritten Weg gesucht.

Ein Bird des Free Jazz

Als Altsaxofonist, der die ganze Familie dieses Rohrblattinstruments einschließlich des Kontrabasssaxofons beherrscht, hat er die Virtuosität von Charlie „Bird“ Parker in den Free Jazz getragen – und mit seinem Doppelalbum „For Alto“, das unter anderem Widmungsstücke an John Cage und Cecil Taylor enthält, 1969 die erste unbegleitete Soloaufnahme für Saxofon in der Geschichte des Jazz einspielte.

Damit legte er das Fundament für Solokonzerte und Aufnahmen aller Art. Seit 1994, als er ein MacArthur „Genius“ Fellowship erhielt, pflegt er seine spezielle Art der Musik überdies in seiner Tri-Centric Foundation, die ihren Namen von seinen musikphilosophischen Schriften, den „Tri-Axium Writings“ ableitet.

Nach zweieinhalb Stunden taucht der Meister genau da wieder auf, wo er sich anfangs eingefunden hatte, um dann in der Menge zu verschwinden: am Dirigentenpult im Erdgeschoß.

Um ihn herum, nachdem sich schon erste Erschöpfungs- und Ausdünnungszustände auf allen Seiten eingestellt zu haben schienen, ein fast vollständig versammeltes Orchester. Gesänge mit unverständlichen Textpassagen erheben sich. Kurz gesammelt, erwacht die Welt von Neuem. Sie wird gleich wieder auseinandertreiben.

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