Emerson String Quartet : Raffinesse in hoher Lage

Fulminant, legendär, mythologisch: Das Emerson String Quartet spielt Hayden, Verdi und Richard Wernick im Pierre Boulez Saal.

Eleonore Büning
Da standen sie noch: Das Emerson String Quartett im Jahr 2015.
Da standen sie noch: Das Emerson String Quartett im Jahr 2015.Foto: imago/CTK Photo

Ziemlich regelmäßig, alle zwei Jahre, kommt das Emerson String Quartet nach Berlin. Vorgestern waren sie erstmals im Pierre Boulez Saal zu Gast. Inzwischen sitzen sie, alle vier. Das ist fast das Einzige, was sich im Laufe der letzten 43 Jahre an dieser Formation verändert hat. Kann das, im Herrn-Keuner’schen Sinne, überhaupt noch als Kompliment gelten?

Dieser ketzerische Gedanke taucht nur kurz auf, während der Saal sich ringsum mit festlich gestimmten Freunden füllt, lauter alte und junge Stammgäste dieses fulminanten, legendären, mythologischen Streichquartetts aus New York. Und er löst sich sofort in Wohlgefallen auf, als das noble D-Dur-Adagio sich auseinanderfaltet, welches, in aller repräsentativen Kürze, den ersten Satz aus dem zweiten „Apponyi“-Quartett op. 70 Nr. 2 von Joseph Haydn einleitet. Eine Musik aus dem Jahr 1793, die bereits für das öffentliche Konzert gedacht war, wie Haydn es in London kennengelernt hatte, nicht mehr für die private fürstliche Kammer: Das spiegelt sich bis hinein in die formale Struktur. Trotzdem bürsten die Emersons nichts auf Effekt oder Brillanz. Sie spielen so stillvergnügt für sich selbst, als wären sie immer noch ganz allein auf der Welt.

Ineinanderverschränktsein von Dynamik und Farben

Traumhaft die Homogenität im Zusammenspiel, einmalig das innige Ineinanderverschränktsein der Dynamik und Farben! Alles fließt wie aus einem Atem. Die Emersons sind altmodisch, riskieren viel um dieser Ausdruckstiefe willen, die jede Live-Performance zu einem Glücksfall macht. Eines der superperfekten, superglatten Quartettensembles, wie sie heutzutage wie die Pilze nachgewachsen sind, würde sich Intonationspannen in hoher Lage gewiss nicht leisten wollen. Bei Eugene Drucker, der die erste Violine spielt bei Haydn, wirkt das nur wie eine winzige Prise Raffinesse, husch und vorbei.

Im e-Moll-Quartett von Giuseppe Verdi übernimmt Philip Setzer die erste Position. Paul Watkins, nach dem Cellistenwechsel vor drei Jahren der „Neue“ der Emersons, singt seine interpolierte Solo-Canzone im dritten Satz mit großem, leuchtendem Ton. Dazwischen wird sehr nett nach Sandwich-Art etwas Zeitgenössisches zelebriert, das zehnte Streichquartett des amerikanischen Komponisten Richard Wernick, der ein Beethoven-Thema zerlegt hat, in neoklassischer Seelenruhe. Diesmal ist Lawrence Dutton, der Bratscher, die wichtigste Figur im Spiel. Das Publikum nimmt das durchaus überflüssige Stück mit Wohlwollen auf. Nach dem glutvollen Verdi indes, hingerissen, applaudiert es sich noch zwei Extras: erst ein Zypressen-Lied von Dvořák , danach das rasende Scherzo-Kinderlied aus Beethovens spätem cis-Moll-Quartett.

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