"Encounters"-Reihe auf der Berlinale : Starke Filme auch abseits der Bären-Konkurrenz

Die neue Wettbewerbsreihe "Encounters" schafft es trotz hoher Qualität nicht, das Gesamtprofil der Berlinale zu stärken.

Von Vögeln und Vorvätern handelt Inês Melo Campos Familienpoem „A Metamorphosis of Birds“.
Von Vögeln und Vorvätern handelt Inês Melo Campos Familienpoem „A Metamorphosis of Birds“.Foto: Primeira Idade

Familien sind Dschungelwelten. Wer sie ergründen möchte, gerät schnell auf verschlungene Pfade und verliert sich im Gestrüpp der Legenden und Anekdoten. Entrücktes Kindheitsparadies oder grüne Erinnerungshölle? Die portugiesische Filmemacherin Catarina Vasconcelos schlägt in ihrem Leindwandpoem „The Metamorphosis of Birds“ Schneisen in die eigene Familiengeschichte, versammelt Fragmente, Spiegelbilder, Zeitschleifen. Eine Elegie auf die Abwesenden.

Auf den Großvater, der zur See ging, dessen Kinder „Schiffe versenken“ spielen und ihn nur aus Briefen kennen. Auf die Großmutter, bei deren Tod Catarinas Vater auch darüber trauert, dass er nun zum letzten Mal sein allererstes Wort an jemanden richten konnte. An die eigene, früh verstorbene Mutter, deren Foto die Regisseurin auf einer Fahne über das Sternengebirge trägt, die höchste Erhebung ihres Heimatlandes. Die verwegene Schönheit von Vasconcelos’ so intimen wie epischen Naturgedichts prägt sich nachhaltig ein. Ihr fantastisches, auch schmerzhaftes Memorial gehört zu den Festivalfilmen, die einen bis zum Ende der Berlinale begleiten.

„The Metamorphosis of Birds“ ist idealtypisch für den neuen Wettbewerb Encounters, den Festivaldirektor Carlo Chatrian als Reihe für die herausfordernden Filme angekündigt hatte, und für die „zarteren Pflänzchen“. Auch in der zweiten Festivalhälfte häuften sich hier die Etüden und Essays: Geschichten, die von den geradlinigen Wegen konventioneller Kinoerzählungen abweichen, die ins Philosophische und Poetische driften und vor allem persönliche Töne anschlagen. Töne, die naturgemäß höchst unterschiedlich ausfallen.

Die schönsten Lamenti von Alexander Kluge und Lilith Stangenberg

So ging es – nach einem eindrücklichen Encounters-Start mit „Malmkrog“, „Nackte Tiere“, „Gunda“ und „Shirley“ – ähnlich kraftvoll und unberechenbar weiter. Mit Alexander Kluge und dem philippinischen Allroundkünstler Khavn de la Cruz samt ihrem Manila-Höllentrip „Orphea“, in dem Lilith Stangenberg die schönsten Lamenti der Musik- und Popgeschichte markiert, am Klavier begleitet vom Volksbühnen-Urgestein Sir Henry (siehe S. 3). Oder mit Sandra Wollners Entfremdungs- und Einsamkeitsstudie „The Trouble with Being Born“ aus Österreich, ein konsequent stilisierter Science- Fiction-Film über eine sehr nahe Zukunft. Darin leben Menschen mit Androiden zusammen, die sie nach ihren Bedürfnissen programmieren können. Ein wohlhabender Mann „hält“ sich die zehnjährige Elli, um mit ihr seinen pädophilen Neigungen nachzugehen. Bis Elli sich davonmacht, um alsbald bei einer unwirschen Alten zu landen und deren verlorenen Sohn zu ersetzen.

Auch das ein Film über Abwesende, über verborgene Sehnsüchte und verbotene Begierden. Die kühlen Bilder und die wie Zombies sich bewegenden Protagonisten versinnbildlichen die Gleichgültigkeit einer anonymisierten Gesellschaft. Das heikle Thema Pädophilie unterspielt Sandra Wollner allerdings, indem sie nur ein paar Zärtlichkeiten zeigt. Hier wird die Stilisierung fragwürdig.

Grausig streng bis wohltuend kontemplativ

Besser gelingt sie in Ivan Ostrochovskts Schwarz-Weiß-Drama „Servants“. Auch der slowakische Regisseur fasst seine elliptische Achtziger-Jahre- Rückblende in Sinnbilder. Zwei Freunde fangen ihre Ausbildung im Priesterseminar an und lernen schnell, dass die Kirche mit dem Regime der CSSR kollaboriert. Einer von ihnen schließt sich dem Widerstand an, während der Geheimdienst den Klerus zunehmend unter Druck setzt. Das graue Gemäuer der Fakultät, die schwarzen Soutanen zwischen der weißen Wäsche im Hinterhof, Nachtbilder und Schneeballschlachten, Beschattungsaktionen und klandestine Rebellion – Ostrochovsky findet Unrechts-Metaphern von strenger, grausiger Schönheit.

Auch diesen Film über ein bisher wenig beleuchtetes Kapitel der katholischen Kirche zu Zeiten des Kommunismus vergisst man so schnell nicht mehr. Und wie bei „The Metamorphosis of Birds“ , bei „Shirley“ oder „Gunda“ fragt man sich, warum er nicht für den Hauptwettbewerb ausgewählt wurde, in dem sich durchaus schwächere Beiträge fanden.

Die gesamte Berlinale ist ja ein Arthouse-Festival, mehr als Cannes oder Venedig. Weitere Encounters-Titel wie der im hektischen Festivalbetrieb wohltuend kontemplative achtstündige japanische Dokumentarfilm „The Works and Days (of Tayoko Shiojiri in the Shiotani Basin)“, wie Heinz Emigholz’ leider recht geschwätzige Fünf-Metropolen-Expedition „Die letzte Stadt“ oder auch die malerische, zugleich frauenrechts-kämpferische indische Produktion „The Shepherdess and the seven Songs“ als letzter der 15 Beiträge hätten sich auch in den anderen Nebenreihen gut gemacht, vor allem im Forum.

Der Chef präsentiert die Filme persönlich

Auch zum Ende des Festivals erschließt sich Chatrians Programmreform nicht. Die Einführung des zweiten Wettbewerbs hatte er damit begründet, dass die Jury nicht Äpfel mit Birnen vergleichen solle. Aber beide Programme versammeln vielerlei Obst. Im Bären-Rennen sind vom Dokumentarfilm über die klassische Narration bis zu Tsai Ming-Liangs „Days“ verschiedenste Genres und Stile vertreten. Auch stellt der thailändische Filmkünstler die Zeit in „Days“ ähnlich still wie Wollner in ihrem Androidenfilm und geht mit seinen kühnen Ellipsen um einiges radikaler zu Werke als etwa „The Servants“. Und wie bitte passen in Encounters das große Schauspielkino von Josephine Deckers „Shirley“, der Polit-Agitprop von „Funny Faces“ und die stille Langzeitbeoachtung einer Bauersfamilie im nordjapanischen Bergdorf unter einen Hut?

Die neue Reihe ist Chatrians Herzensangelegenheit; in den Publikumsvorstellungen präsentierte er die Filme häufig persönlich. Aber, noch einmal, die Stärke von Encounters geht auf Kosten der anderen Sektionen, der Preis ist hoch. Auch wenn es nicht genug gute Filme auf der Berlinale geben kann: Der aus Kosslicks Zeiten stammende Wunsch nach einer klareren Profilierung der Sektionen bleibt vorerst unerfüllt. Reformen brauchen Zeit.

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