Erich Mühsams Gefängnistagebücher : Frei denken hinter Gittern

Das Virus treibt die Deutschen in die Isolation. Was es bedeutet, weggeschlossen zu werden, zeigen Erich Mühsams Gefängnistagebücher. Eine Leseempfehlung.

Erich Mühsam mit Mitgliedern der Münchner Räteregierung in Festungshaft, um 1920 (vordere Reihe, Mitte).
Erich Mühsam mit Mitgliedern der Münchner Räteregierung in Festungshaft, um 1920 (vordere Reihe, Mitte).Foto: Wikipedia

Größtmögliche Isolation, das ist, was in diesen Corona-Zeiten nicht nur den Infizierten empfohlen wird: den Abschied vom alten Leben, in dem menschliche Begegnungen noch nicht kühl „Sozialkontakte“ genannt wurden und als Risiko galten. Wenn wir uns in die Schutzzone unserer Wohnungen zurückziehen, werden wir gewissermaßen zu Gefangenen des Virus. Allerdings gibt es etwas, dass uns von echten Häftlingen unterscheidet. Niemand schließt hinter uns die Tür ab.

Was es bedeutet, tatsächlich weggeschlossen zu werden, das lässt sich in den beeindruckenden Gefängnistagebüchern von Erich Mühsam nachlesen. Der Schriftsteller und Anarchist hatte zu den Anführern der Münchener Räterepublik gehört und war von einem Standgericht wegen „Hochverrats“ im Juli 1919 zu 15 Jahren Haft verurteilt worden. Legitimiert war das juristische Gremium nur durch die Gewehre der Gegenrevolution, deshalb erklärte Mühsam im Gerichtssaal: „Ich fühle mich nicht verantwortlich vor Ihnen, meine Herren, verantwortlich fühle ich mich vor dem Volke, für das ich lebe und arbeitete.“ Bis zu seiner Entlassung im Dezember 1924 musste er fünf Jahre absitzen, zuerst im Zuchthaus Ebrach, dann in der Festung Ansbach, zuletzt im Gefängnis Niederschönenfeld.

Leben im Schwebezustand

Das Leben in der Haft gleicht einem Schwebezustand, am schmerzlichsten empfindet der allein wegen seiner Gesinnung einsitzende Sträfling, dass er von der Außenwelt abgeschnitten ist, angewiesen auf Informationen aus oft verspätet eintreffenden Briefen und Zeitungen. Nachdem er erfahren hat, dass seine Münchener Wohnung von einer Soldateska zur „Wiederherstellung von Ordnung, Ruhe und Sicherheit“, wie er sarkastisch anmerkt, zerschossen und ausgeplündert wurde, sorgt er sich um seine Ehefrau Zenzl, von der noch jede Nachricht fehlt.

Mühsam ist wütend. Auf die Wärter, die ihn schikanieren. Auf die SPD, die die Revolution verraten habe. Auf die Gerichte, die Revisionsanträge ablehnen. Aber er klagt und jammert nicht. Wenn er am 8. Januar 1920 konstatiert, dass es „elend kalt in der Bude“ ist, weil „das Gitterfenster eisige Luft durchlässt“, gilt sein Mitgefühl vor allem einem Mitgefangenen, dessen Hofzeit für 14 Tage beschnitten wurde, weil er den Insassen unter ihm Brot und Äpfel an einem Strick heruntergelassen hatte.

Eisige Luft weht durchs Gitterfenster

Die Unterscheidung von Politischem und Privaten hat bei Mühsam nie gegolten, erst recht nicht in den Gefängnistagebüchern. Begeistert verfolgt er im lokalen „Käseblatt“ den Siegeszug der Russischen Revolution, er radikalisiert sich, tritt der KPD bei, um bald darauf wieder auszutreten, weil sie „blinde Unterwerfung“ unter Lenins diktatorischen Führungsanspruch verlange. Zwischendurch beschwört er seine Liebe zu Zenzl und bedauert sie, als sie „sich grämt und Vorwürfe macht“, weil die Polizei bei ihr eines seiner Manuskripte beschlagnahmt hat.

Ohnehin ein Vielschreiber, entwickelt Mühsam in der Haft eine nie versiegende Produktivität. Er arbeitet an einem Judas-Drama, schickt Gedichte an seinen Verlag und schreibt eine Denkschrift zur „Einigung des revolutionären Proletariats im Bolschewismus“. Mühsam hat zwei Dutzend Bücher veröffentlicht, aber sein Hauptwerk sind seine Tagebücher aus den Jahren 1910 bis 1924, die der Verbrecher-Verlag seit 2011 in 15 Bänden mit mehr als 6000 Druckseiten herausgegeben hat. Online ist die herausragende Zeitchronik, in der ein hinreißender Lebensroman steckt, kostenlos unter www.muehsam-tagebuch.de zugänglich.

Nie lange hinter einer Fahne

Der Schriftsteller hat an die Revolution geglaubt, aber hinter einer Fahne ist er nie lange her marschiert. „Es ist noch lange nicht sicher“, bemerkt er einmal, „ob ich nicht eines Tages statt von Offizieren, von Parteikommunisten an die Wand gestellt werde“. Am Ende waren es SS-Wachmänner, die Mühsam 1934 nach 16-monatiger „Schutzhaft“ im KZ Oranienburg zu Tode prügelten.

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