Eröffnung von Young Euro Classic : Pflicht, Kür und große Party

Volltönig, innig - und ein wirbelndes Finale: Das Festival Young Euro Classic startet mit dem Miagi Youth Orchestra aus Südafrika.

Duncan Ward und das Miagi Youth Orchestra
Duncan Ward und das Miagi Youth OrchestraFoto: Kai Bienert

„Liebe Konzertmitgenießerinnen und -mitgenießer!“ So begrüßt Kultursenator Klaus Lederer am Freitagabend das Publikum zum Start von Young Euro Classic – und trifft damit genau, was sich die meisten Besucher im ausverkauften Konzerthaus von dem Jugendorchestertreffen erwarten: Sinfoniekonzerte mit Spaßfaktor. Das Miagi Youth Orchestra aus Südafrika wird sie nicht enttäuschen.

Die Abkürzung steht für „Music is a great investment“. Da schwingt alles mit, was sich an positiven Nebeneigenschaften auf so ein Projekt projizieren lässt: Die Grenzen und Gesellschaftsgräben überwindende Kraft der Musik, Orchester als Schule des Lebens, in der Beteiligte lernen, wie wichtig es ist, aufeinander zu hören – und dass Großes nur entstehen kann, wenn alle aktiv mitmachen. Die Werke müssen ja nicht immer aus Europa stammen. Auch wenn wir sogar auf diesem Gebiet ewiger Exportweltmeister sind.

Die Miagi-Truppe jedenfalls kann mit Beethovens „Egmont“-Ouvertüre wenig anfangen. Obwohl sie das Stück ständig gespielt hat in den letzten sechs Wochen – der Berliner Auftritt markiert das Finale ihrer Europatournee –, vermögen sie die innere Architektur der Partitur nicht schlüssig abzubilden, wirken sie an den kompositorischen Scharnierstellen unsicher. Ein langsames, fast schwerfälliges Tempo wählt Dirigent Duncan Ward für die Einleitung, und auch das Hauptthema nimmt er molto moderato, baut jede Steigerung behutsam auf, tanzt seinen Schützlingen mit vollem Körpereinsatz vor, was er von ihnen hören will. Dennoch ist das klangliche Ergebnis mehr als bescheiden.

Beim Höllentanz lassen sie es krachen

Besser läuft es in Strawinskys „Feuervogel“-Suite, weil nicht mehr das meisterlich Konstruierte im Vordergrund steht, sondern vor allem das Atmosphärische. Dennoch gibt es in den zart gewobenen Passagen Dellen in der Spannungskurve, richtig befreit spielen die Musikerinnen und Musiker erst auf, als es handfest wird: Beim Höllentanz lassen sie es krachen – und werden dafür vom klatschfreudigen Publikum ausgiebig bejubelt.

Uff, geschafft. Die europäischen Pflichtstücke liegen hinter ihnen. Nach der Pause stehen Jazziges von Leonard Bernstein auf dem Programm sowie die „Rainbow Beats“, die Duncan Ward der Miagi-Truppe zur Feier des 100. Nelson-Mandela-Geburtstags auf den Leib geschrieben hat. Und jetzt wird der Abend richtig gut. Dabei wimmelt es in Bernsteins „Prelude, Fugue and Riffs“ nur so vor vertrackten Rhythmen. Die aber kommen ganz locker, mit tollem Groove entfaltet sich das Geschehen, Schlagzeug, Blechbläser, Visser Liebenbergs Klarinettensoli, alles greift organisch ineinander, so dass Duncan Ward auf seinem Dirigentenpult fast nichts mehr machen muss, einfach entspannt mitswingen kann.

Klatschen im Off-Beat

Eine lustvolle Herzensangelegenheit ist dann die Regenbogen-Suite, die Südafrikas Vielfalt feiert. Als Komponist kann Ward der Versuchung widerstehen, Folklorekitsch zu schreiben. Geschickt setzt er dafür auf Kontraste, mixt mutig unterschiedlichste Stile, lässt oft zwei melodische Stränge in verschiedenen Geschwindigkeiten parallel laufen. Das erinnert dann mal an Burt Bacharach, mal an die südamerikanischen Tänze aus Bernsteins West Side Story. Saxophone singen, zum Barpiano schmachtet eine Geige, arabische Melismen klingen an, Großstadtlärm. Dann singt das ganze Orchester eine traditionell anmutende Melodie, wunderbar volltönend, innig, bevor sich die ganze Power, die in diesem Ensemble steckt, in einem wild wirbelnden Finale entlädt

Ward fordert das Publikum auf mitzuklatschen – im Off-Beat natürlich, also auf dem zweiten und vierten Schlag des Taktes, was vielen deutschen Händen nicht leichtfällt. Mitgerissen vom Drive der Südafrikaner aber gelingt es hier auf Anhieb. Als die Musiker auch noch beim Spielen aufstehen, reißt es die Zuhörer ebenfalls aus ihren Sitzen. Und während die Klassikparty ihrem Höhepunkt entgegenstrebt, fragt sich so mancher im Saal und auf der Bühne: Wer war noch mal dieser Beethoven?

Das Festival läuft bis 20. August, Infos unter www.young-euro-classic.de

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