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Tiergartenblick. Durch den Tausch eines Grundstücks, das das Museum der Moderne benötigt, kann ein Hotel nach Entwürfen des Büros Hilmer Sattler gebaut werden.

© Foto: Block Gruppe

Tagesspiegel Plus

Überraschung am Kulturforum: Hinter der Gemäldegalerie wird ein Hotel gebaut

Sieben Stockwerke, 120 Zimmer: Auf der Rückseite des Kulturforums entsteht ein prachtvolles Hotel. Wie der Bau zustande kam und was Berliner erwartet.

Es geht mächtig voran mit dem Umbau des Berliner Kulturforums: Auf der Prestigebaustelle an der Potsdamer Straße haben Bagger Sandberge aufgehäuft, die Trommeln der Betonmischer drehen sich neben blauen Materialsilos, mit schwerem Gerät wird in den Boden gebohrt.

Jenseits des Bürgersteigs an der Sigismundstraße haben die Arbeiter eine Art Burggraben ausgehoben, aus dessen Böschung hier und da das Backsteinmauerwerk der Vorkriegsbauten hervorblitzt. An der Ecke zur Matthäikirche liegen zerbeulte, verrostete Rohre auf einem Haufen.

Bis zu 450 Millionen Euro kann das „Museum des 20. Jahrhunderts“ teuer werden, das hier entsteht. Im Dezember 2019 trafen sich Kulturstaatministerin Monika Grütters und Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller zum symbolischen ersten Spatenstich zwischen Neuer Nationalgalerie und Philharmonie, bis 2026 soll sie fertig sein, die umstrittene „Scheune“ des Schweizer Architektenduos Herzog & de Meuron.

Berlins Bürgermeister Michael Müller (SPD) und Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) beim Spatenstich, Dezember 2019.

© Fabian Sommer/dpa

Diese Baustelle steht unter genauer Beobachtung der internationalen Kunstwelt – ganz unbemerkt von der Öffentlichkeit dagegen wird derweil auf der Rückseite des Kulturforums ein zweites Immobilienprojekt vorbereitet. Kein weiteres Museum soll dort entstehen, sondern, ganz profan, ein Hotel.

Das immerhin vom renommierten Büro Hilmer Sattler entworfen wurde. So wie auch der elegante Bau der Gemäldegalerie, den die Münchner Architekten von 1986 bis 1998 realisiert haben und der fraglos zu den Schmuckstücken des Areals gehört.

In seinem Schatten, an der Ecke Stauffenberg- und Tiergartenstraße, wird das Hotel emporwachsen, sieben Stockwerke hoch, mit 8000 Quadratmetern Nutzfläche und 120 Zimmern. So wurde es bereits im Herbst 2018 angekündigt, vom Hamburger Unternehmer Eugen Block.

Der Steakhouse-Gründer machte einen Deal mit dem Staat

Der Gründer der auf Steaks spezialisierten „Block-House“-Restaurants ist durch einen Tauschhandel an das Grundstück gekommen. Denn er besaß eine zwar kleinere, strategisch aber noch besser gelegene Fläche auf dem Kulturforum, die er der evangelischen Kirche abgekauft hatte. Für Passanten waren das damals nur rund 1500 Quadratmeter staubige Ödnis. Doch sie befanden sich just dort, wo das Museum des 20. Jahrhunderts entstehen sollte. So kam es zu dem für Eugen Block vorteilhaften Deal mit dem Staat.

Der Hotel-Bauplatz liegt in einer Linie mit den Neubauten, die nach der Wende an der Tiergartenstraße entstanden sind, zwischen den protzigen diplomatischen Vertretungen von Japan und Italien aus der Nazizeit sowie Scharouns Philharmonie-Komplex. Wie auf einer Perlenkette reihen sich die modernen Botschaften der Türkei, Indiens, Südafrikas, Österreichs sowie die Baden-Württembergische Landesvertretung aneinander, der neue Beherbergungsbetrieb würde gewissermaßen den Verschluss dieses architektonischen Colliers bilden.

Auf einer Visualisierung des Projekts von Hilmer und Sattler ist eine streng gegliederte Fassade in Beige zu sehen, mit doppelgeschossigen Rundbögen zu ebener Erde und rechteckigen, bodentiefen Fenstern in den oberen Stockwerken. Das Gebäude rückt L-förmig von der Straßenecke ab, sodass vor dem Eingang ein kleiner Platz entsteht, der sich zum gegenüberliegenden Tiergarten öffnet.

Beide Gebäudeflügel verfügen über großzügige Dachterrassen. Dass im Erdgeschoss auch ein Restaurant geplant ist, dürfte besonders jene Philharmonie-Besucher freuen, die an der kulinarischen Diaspora rund ums Kulturforum leiden.

Im Laufe dieses Jahres soll die Baugrube ausgehoben werden. Die Fertigstellung des Vier-Sterne-Hotels ist dann für das Jahr 2024 geplant. Das Hotel wird verpachtet und extern betrieben

Stephan von Bülow

Auf Tagesspiegel-Anfrage schickt die Pressestelle der Block-Gruppe ein Statement von Stephan von Bülow, dem Vorsitzenden der Geschäftsführung, zum Berliner Projekt: „Im Laufe dieses Jahres soll die Baugrube ausgehoben werden. Die Fertigstellung des Vier-Sterne-Hotels ist dann für das Jahr 2024 geplant. Das Hotel wird verpachtet und extern betrieben.“

Noch kündet kein offizielles Bauschild von dem Vorhaben, doch die Fläche ist vorbereitet für den Erdaushub. Die Staatlichen Museen haben die Container abgeräumt, die hier viele Jahre als hässliches Provisorium standen und in denen das Referat „Innere Sicherheit“ sowie die Stabsstelle Bau untergebracht waren. Ein vergessener Aschenbecher auf einem Baumstumpf kündet noch von dem Ort, an dem sich die nikotinaffinen Mitarbeiter zu ihren Rauchpause getroffen haben.

Die kuhfladenartig über die Parkbuchten und das Trottoir an der Tiergartenstraße gekippte Asphaltrampe, die für die Rückbaumaßnahmen angelegt wurde, wird wohl erst einmal als optischer Schandfleck erhalten bleiben. Veritable Rodungsarbeiten werden am dicht überwucherten Maschendrahtzaun nötig sein, der das Gelände mehr schlecht als recht einfriedet.

Der Gärtner der Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat die Rasenfläche rund ums Kunstgewerbemuseum bereits nur noch bis an die Grenze des Block-Grundstücks gemäht, jenseits davon stehen die Brennnesseln schulterhoch. In der Mitte des Bauplatzes erstreckt sich dagegen eine echt preußische Streusand-Wüstenei. Hier ist noch viel Fantasie nötig, um sich ein künftiges Kommen und Gehen im Hotel vorzustellen.

Und doch: Die Neue Nationalgalerie ist saniert und wird dem Publikum bei den Tagen der offenen Tür vom 5. bis 7. Juni zurückgegeben, rund um die Philharmonie und den Kammermusiksaal warten die neuen Flanierbereiche und Rasenflächen darauf, wieder von Touristen und Konzertgängern bevölkert zu werden, im Herzen des Areals entsteht das Museum des 20. Jahrhunderts, an seiner Nordwestecke ein Hotel. Sollte das Kulturforum nach Jahrzehnten des Siechtums tatsächlich seiner urbanistischen Vollendung entgegenstreben, als Agora, als lebendiger Versammlungsort für die gesamte Stadtgesellschaft?

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