Experimenteller Film „Rey“ : Im Königreich der Träume

Ein französischer Abenteurer wird König der Mapuche: Der Videokünstler Niles Atallah erzählt in „Rey“ die bizarre Geschichte einer vergeblichen Staatsgründung.

Esther Buss
Rodrigo Lisboa als Orélie-Antoine de Tounes
Rodrigo Lisboa als Orélie-Antoine de TounesFoto: Realfiction

Das Bild knistert und flackert und schneit. Flecken, Kratzer, Löcher und andere Spuren des Verfalls transformieren sich zu wundersamen Abstraktionen. „Zeit und Erinnerung haben die Erinnerung an diesen Mann zerfressen“, heißt es zu Beginn von „Rey“. Die Rede ist von Orélie-Antoine de Tounens – einem französischen Anwalt und Abenteurer, der 1860 allein nach Chile reiste, um in der unabhängigen Mapuche-Region Araukanien ein Königreich zu gründen. Tatsächlich soll es ihm gelungen sein, ohne jede Hilfe – und ohne Waffen – das indigene Volk der Mapuche zu vereinigen und sich von ihren Häuptlingen zum König wählen zu lassen. Eine Nationalhymne und eine Flagge waren bereits entworfen, auch ein Innen- und ein Verteidigungsministerium gegründet. Weiter kam er nicht. Von der chilenischen Regierung, die ihre kolonialen Interessen bedroht sah, ins Gefängnis geworfen, endete Orélie-Antoine einsam und verarmt im Exil. Zeit seines Lebens versuchte er vergeblich zurückzukehren. Sein so schön ausgemaltes Königreich hat nie existiert.

Der chilenisch-amerikanische Videokünstler Niles Attalah erzählt diese bizarre Geschichte einer vergeblichen Staatsgründung, über die es nur wenige – und recht widersprüchliche – Quellen gibt, als eine fiktive Ausgrabung. „Rey“ wurde auf Super-8, 16- und 35mm-Material gedreht, wobei der Künstler einen Großteil der Aufnahmen im eigenen Garten vergrub. Für Zelluloid-Aficionados ist dieser auf fast schon alchemistische Weise in einem Zeitraum von sieben Jahren entstandene Film eine wahre Wundertüte: Ständig gibt es wieder eine neue Verwesungs-Sensation zu bestaunen.

Eher Don Quijote als Konquistador

Bei all den gammelig-schönen Schauwerten – der Film arbeitet zusätzlich mit Tiermasken und Verkleidungen aus verschiedenen Materialien – tritt die Geschichte mitunter etwas in den Hintergrund. Und wenn die chilenischen Regierungsbeamten und ihr Gefangener beim Verhör auch noch Pappmachémasken tragen, wirkt Attalahs Anliegen fast schon ein wenig didaktisch. Um zu begreifen, dass jede Rekonstruktion von Geschichte unweigerlich fragmentarisch und unzuverlässig bleiben muss, hätte es all das liebevolle Gebastel nicht auch noch gebraucht.

Der sanftmütige, etwas schmächtige Orélie-Antoine, einzig in Begleitung des Führers und Übersetzers Rosales unterwegs, ist eher ein Wesensverwandter von Don Quijote als ein Konquistador. Bei den Begegnungen mit den Mapuche, deren Sprache er nicht versteht, sitzt er immer etwas bedröppelt daneben. Mitunter trägt er aber auch die wahnhaften Züge eines Aguirre. Gleich zu Anfang des Films sieht man ihn im nächtlichen Mondlicht an einem Fluss stehen und seine Hände beschwörend über das Wasser halten: „Ich bin König. Ich bin der Sohn des Wassers. Ich bin der Nachtvogel. Ich bin die Schlange ... Ich bin der König mit Händen von Wasser.“ Und schon schießt ein effektvoll beleuchteter Strom auf magische Weise direkt in seine Fingerspitzen.

Höhere Aufträge und Superkräfte existieren zwar nur in Orélie-Antoines Kopf. Doch die chilenische Regierung weiß den zum König gekrönten Landanwalt trotzdem nicht einzuschätzen. So kann sie einfach nicht glauben, dass er die Mapuche-Region alleine betreten konnte, ohne von den „Wilden“ getötet zu werden. Einerseits wird er als selbst ernannter „König von Araukanien und Patagonien“ verspottet und verlacht. Andererseits traut man ihm durchaus zu, ein französischer Spion zu sein, der eine Invasion vorbereitet haben soll und die Indianer gegen die Regierung aufzuhetzen versuchte.

Im Verlauf der fünf Kapitel, auf die ein Epilog folgt („Apokalypse“), lösen sich Geschichte und Form immer mehr auf. Szenen wiederholen sich in leichten Variationen. Und das analoge Material zeigt sich in immer verrotteteren Erscheinungsformen. Zudem schmuggeln sich alte Found-Footage-Aufnahmen hinein: Luftaufnahmen von Gletschern, schlüpfende Vögel und zauberhaft schöne Knospen, die vor den eigenen Augen erblühen. Kaleidoskopartige Bildeffekte deuten schließlich darauf hin, dass „el Rey“ nun endgültig nicht mehr ganz bei Sinnen ist.

So faszinierend Attalahs Texturexperimente auch sind: Mitunter muten sie eine Spur überzüchtet an. Im Vergleich etwa zu Ann Carolin Renningers und René Frölkes unaufgeregtem Einsatz von Super-8 und 16mm in ihrem Alltags- und Zeitporträt „In einem Jahr der Nichtereignisse“ geht es auf vordergründige Weise ums Material, und was man damit Tolles anstellen kann. So wirkt „Rey“ streckenweise wie eine Leistungsschau für Zelluloid.

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