Festtage der Staatsoper Unter den Linden : Rate deine Rolle

Dmitri Tscherniakov bringt Prokofjews selten gespielte Opernkomödie „Die Verlobung im Kloster“ auf die Bühne. Mit Daniel Barenboim am Pult.

Theaterflair. Regisseur Dmitri Tcherniakov ist auch sein eigener Bühnenbildner. Er verwandelt das Kloster in einen Probenraum mit Zuschauergestühl: Szene mit Stephan Rügamer als Don Jerome (im graublauen Anzug). Außerdem (v.l.): Aida Garifullina, Lauri Vasar, Goran Jurić, Anna Goryachova, Bogdan Volkov, Andrey Zhilikhovsky und Violeta Urmana.
Theaterflair. Regisseur Dmitri Tcherniakov ist auch sein eigener Bühnenbildner. Er verwandelt das Kloster in einen Probenraum mit...Foto: Ruth und Martin Walz

Diese Sittenkomödie läuft darauf hinaus, dass es keinen vergnüglicheren Ort gibt als ein Mönchskloster. Hier wird im Dreivierteltakt die Flasche als die Sonne des Lebens gefeiert, und die Geistlichen streiten darüber, ob sie besser auf eine blauäugige oder eine schwarzäugige Nonne trinken sollten. Aber hier gelangen auch drei Paare zu ihrem Glück, das sie sich in einem turbulenten Verwechslungsspiel erworben haben.

Das ganze Qui pro quo der „Verlobung im Kloster“ geht von der klassischen Situation aus, dass ein Alter ein junges Mädchen begehrt. Simpler Kleidertausch führt zur Wesenswahrheit der Komödie, dass Bruder und Schwester und Liebende einander nicht mehr erkennen. In Sergej Prokofjews lyrisch-komischer Oper findet sich Freude an der Satire ebenso wie Witz in sprühenden Dialogen.

In der Staatsoper lässt Dmitri Tscherniakov, Lieblingsregisseur von Daniel Barenboim, das Lustspiel so nun allerdings nicht spielen. Man befindet sich auch nicht im Sevilla des 18. Jahrhunderts, der Stadt des Barbiers Figaro, in der Prokofjew und Mira Mendelson das Libretto nach dem irischen Komödiendichter Richard Brinsley Sheridan angesiedelt haben. Bei Tscherniakov öffnet sich als Einheitsszenerie ein Probenraum mit Gestühl aus Zuschauersesseln in verschiebbaren Reihen, die Theaterflair verbreiten. Der Regisseur ist sein eigener Bühnenbildner, er hat das Ambiente in warmen Farben gestaltet. In großen Lettern lesen die Besucher, dass es sich um eine „Gemeinschaft anonymer Opern-Abhängiger“ handelt. Neun Personen suchen ihre Rollenbilder. Sie bleiben auf der Bühne und verteilen sich während der gesamten Aufführung als Truppe im Raum. Elena Zaytseva hat sie kostümiert, als schneiten sie aus dem Alltag herein.

Statt Übertitel gibt es den Libretto-Text auf der Bühnenwand. in großen Lettern

Der Adelige Don Jerome im Habit des Geschäftsmannes verspricht seine Tochter Luisa – es hübsches bebrilltes Mädchen, von dem es heißt, es habe für Jonas Kaufmann geschwärmt – dem reichen Fischhändler Mendoza. Der gefällt sich im grellen Blütenjackett. Natürlich liebt Luisa einen Anderen, nämlich Don Antonio, der aber arm ist. Eine sichtlich wohlhabende Adelige ist dagegen Clara, die meint, ins Kloster gehen zu müssen, weil Ferdinand, ihr Liebster und Luisas Bruder, sie beleidigt hat. Dessen Vergehen, mit kopiertem Schlüssel in ihr Zimmer einzudringen, kann die schamhafte Jungfrau bis knapp vor dem Happy-End nicht verwinden. Dass die Duenna, Luisas listige Amme, sich unwiderstehlich dünkt und damit auch prompt Erfolg bei dem eitlen Fischhändler hat, verrät ihr zirzensisch rotes Gewand.

Anders als sonst gibt es keine Übertitel. Der gesamte Text erscheint vielmehr in weißer Farbe auf der Rückwand der Bühne, quasi mitten im Spiel, was einem den Blickwechsel zwischen oben und unten erspart. Die Personenregie favorisiert die Andeutung; als einziges werkgerechtes Requisit fungiert ein Schleier, mit dessen Hilfe die Darstellerinnen ihre Identität wechseln.

Regisseur Dmitri Tcherniakov.
Regisseur Dmitri Tcherniakov.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Fischmarkt, Tanz der Masken, Hausmusik bei Don Jerome mit Trompete und Klarinette, Adagio der Liebe, Fasane, Forellen und alter Wein, feiern, feiern, feiern: So überschlägt sich die Handlung des heiteren Werkes.

Dmitri Tscherniakov lässt die Figuren ihren oft heftigen Emotionen folgen und Tanzschritte proben, ohne dass in den dreieinhalb Stunden des Opernabends die Dialoge zünden könnten. Die Inszenierung plant sogar ein Nickerchen für die Akteure selbst ein, auf offener Bühne. Ein weitgehend stummer „Moderator“ (Maxim Paster) hält Kopfhörer bereit, damit das Marktgetümmel von draußen auch von den Protagonisten vernommen werden kann.

Unter Barenboims Leitung schmeicheln besonders die Lyrismen der Partitur

Das Ganze bleibt gleichsam eingekerkert, szenisch eintönig, bis es endlich zum großen Tableau kommt: riesige Blumensträuße und Bühnenmusiker im Frack, dazu massenhaft die geliebten Opernfiguren, von Salome mit Prophetenkopf unterm Arm über Lohengrin mit dem Schwan bis zur Königin der Nacht.

Unter der Leitung von Daniel Barenboim, dem das Publikum spürbar seine Ehrerbietung bereitet, schmeicheln besonders die Lyrismen der Partitur. Das Buffoneske, das hektische Treiben auf den Straßen, welche optisch ausgespart bleiben, die motorischen Rhythmen der Musik werden von der Staatskapelle nicht besonders pointiert. Ein der Lyrik zum Trotz antiromantisches Musikbewusstein, die Angriffslust der Partitur sind weniger Barenboims Sache.

Stephan Rügamer führt das großartige Ensemble an, ein agiler Don Jerome in der seltenen Tenorrolle einer Vaterfigur. In ihren Soli erblühen Aida Garifullina (Luisa), Anna Goryachova (Clara), Violeta Urmana (Duenna), Goran Juric (Mendoza), Lauri Vasar (Don Carlos, sein Freund), Andrey Zhilikhovsky (Don Ferdinand) und Bogdan Volkov (Don Antonio).

In der Stalin-Zeit wurde Prokofjews Werk nach der Premiere verboten

Prokofjews musikalisch so reichem Werk hat die Politik des 20. Jahrhunderts gleich doppelt Schaden zugefügt. Die Moskauer Uraufführung im Jahr 1941 war durch Hitlers Überfall auf die Sowjetunion so gut wie vereitelt worden. Auf die Premiere 1946 am Leningrader Kirow-Theater folgte zwei Jahre später dann das Aufführungsverbot. Westlicher Formalismus, lautete der Vorwurf. Erst nach Stalins Tod kehrte das Stück auf die Bühne zurück. Die Berliner Erstaufführung Unter den Linden findet 1958 statt, mit Gerhard Stolze als Don Jerome.

Jetzt bietet die Staatsoper zu ihren Festtagen eine Aufführung der kostbaren Rarität an, mit Längen, die jedoch vom Premierenpublikum weitgehend akzeptiert werden. Ein paar Buhrufe gegen Regie und Ausstattung gehen unter, die Begeisterung steigert sich sieghaft. Der Beifall will nicht enden.

Weitere Vorstellungen am 17. und 22. April, dann wieder im Dezember

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