Filmregisseur Ottokar Runze gestorben : Das Blut in der Donau

Sein Film "Die Standarte" ist ein vergessenes Meisterwerk, er drehte mit Elisabeth Bergner und Marius Müller-Westernhagen: zum Tod des Regisseurs Ottokar Runze.

Kino-Außenseiter. Ottokar Runze wurde 93 Jahre alt.
Kino-Außenseiter. Ottokar Runze wurde 93 Jahre alt.Foto: dpa

Der Krieg ist verloren, doch die Truppen sollen noch einmal zur Schlacht antreten. Oktober 1918, aus dem Hintergrund dringt Geschützdonner, ein k. u. k. Kavallerie-Regiment überquert einen Donauarm. Die Offiziere reiten voran, aber die Soldaten bleiben mit ihren Pferden auf der Brücke stehen. „Vorwärts!“, brüllt der Major. Die ruthenischen, polnischen und galizischen Soldaten erwidern: „Deutsche und österreichische Befehle gelten für uns nicht mehr.“ Sie meutern, der Major lässt Maschinengewehre in Stellung bringen. Ein letztes Ultimatum, dann folgt das Gemetzel. Sterbende in Großaufnahme, Männer und Pferde stürzen, die Donau färbt sich blutrot.

Untergang und Trauerspiel

Ottokar Runzes Film „Die Standarte“, 1977 als deutsch-österreichisch-spanische Koproduktion nach dem Roman von Alexander Lernet-Holenia entstanden, zeigt den Untergang des Habsburger Reiches als absurdes Trauerspiel. Denn wichtiger als Menschenleben ist hier ein Fetisch aus Stoff, die Standarte des Regiments, die ein desillusionierter Fähnrich am Ende nach Wien trägt, wo der Kaiser gerade abdankt. Der Film mit Stars wie Siegfried Rauch, Peter Cushing und Lil Dagover, eine Parabel auf die Vergeblichkeit, gehört zu den übersehenen Meisterwerken des deutschen Nachkriegskinos.

Runze, 1925 in Berlin geboren, verfilmte die Memoiren eines wilhelminischen Berufsverbrechers („Der Lord von Barmbeck“ mit Martin Lüttge, 1974) und Romane von Georges Simenon („Der Mörder“ mit Gerhard Olschewski und Marius Müller-Westernhagen, 1979) und Klaus Mann („Der Vulkan“ mit Nina Hoss, 1999). Sein klassisches Erzählkino war für den Neuen Deutschen Film zu konventionell und für den Kassenerfolg zu sperrig. „Ich habe mich daran gewöhnt, mit meinen Außenseiter-Filmen ein am Rande Stehender zu sein“, hat der Regisseur gesagt.

Schuld und Sühne

Seine Karriere begann Runze an Berliner Theatern, bevor er 1950 eine erste Filmrolle bekam. Später erlernte er das Regie-Handwerk als Assistent des Ufa-Veteranen Josef von Báky. Die Rias-Kriminalhörspielreihe „Es geschah in Berlin“ adaptierte er fürs Fernsehen, für „Im Namen des Gesetzes“, Teil einer Filmtrilogie über Schuld und Sühne, wurde er 1974 mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet. Runze wollte „unspekulativ“ erzählen, verstand sich als Partner seiner Schauspieler und mühte sich, ihre „verlorenen Kräfte“ freizulegen. So holte er die legendäre Diva Elisabeth Bergner in seinen Film „Feine Gesellschaft – beschränkte Haftung“ und verschaffte den Altstars Ilse Werner und Gisela May als „Hallo-Sisters“ ein Schlager-Comeback.

Hamburg und Berlin

Sein größter kommerzieller Erfolg war die Kriminalkomödie "Der Schnüffler", in der Dieter Hallervorden im geteilten Berlin unfreiwilligerweise zum Doppelagenten aufsteigt. Der Film startete mit 130 Kopien, drei- bis viermal soviel wie sonst bei Runzes Werken. Schon 1963 gründete der Regisseur seine eigenen Produktionsfirmen, die "aurora-television" in Hamburg und die "Ottokar Runze Filmproduktion" in Berlin. Als Produzent förderte er Regisseure wie Matti Geschonek und Hans-Christoph Blumenberg. Seine letzte Produktion war 2001 der Kinderfilm "Newenas weite Reise". Danach arbeitete er wieder als Theaterregisseur, zuletzt veröffentlichte er seine Jugenderinnerungen unter dem Titel „Vom Glück zu Trauern“. Ottokar Runze ist am Samstag in Neustrelitz gestorben. Er wurde 93 Jahre alt.

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