• Forum Berlinale 2020: Jeden Tag herrscht Notstand: „Eyimofe – This is my Desire“

Forum Berlinale 2020 : Jeden Tag herrscht Notstand: „Eyimofe – This is my Desire“

Mit ihrem Debüt „Eyimofe – This is my Desire“ über Migrationsperspektiven knüpfen Arie und Chuko Esirie an die Tradition afrikanischer Autorenfilme an.

Jan-Philipp Kohlmann
Rosa (Temi Ami-Williams) und Grace (Cynthia Ebijie) im Film "Eyimofe".
Rosa (Temi Ami-Williams) und Grace (Cynthia Ebijie) im Film "Eyimofe".Foto: Eyimofe LLC

25.2., 19.30 Uhr (Colosseum 1), Fr 28. 2., 18.30 Uhr, (Delphi Filmpalast), So 1. 3., 19 Uhr, (Cubix 9)

Immer wieder steht Geld im Mittelpunkt dieses Films, der anhand zweier Geschichten vom Leben in der nigerianischen Megacity Lagos erzählt. Fast in jeder Szene wechseln Scheine den Besitzer, Zahlungsaufschub wird erbeten und ständig werden Summen genannt: Die Bearbeitungsgebühr für einen Ausreiseantrag nach Europa zum Beispiel kostet 50 000 Naira (knapp 127 Euro), eine vergleichsweise hohe Summe. Um dieses Ziel der Migration kreist „Eyimofe – This is my Desire“. Die Dialoge über den Wert von Waren und Dienstleistungen zeigen an, dass die Protagonisten Mofe und Rosa in ständiger Geldsorge leben, doch die repetitive, nüchterne Inszenierung dieser Szenen hat einen antidramatischen Effekt. Das ist deshalb markant, weil es eigentlich um menschlich bewegende Schicksale geht.

Mofe, eine Koseform des titelgebenden Namens, ist ein Mann mittleren Alters. Tagsüber arbeitet er als Elektrotechniker in einer Druckerei, nachts als Sicherheitsmann in einer Gated Community. Nicht nur sein Lohn scheint mäßig zu sein, auch sein Arbeitsplatz ist prekär: Mofe holt sich mehrfach einen Schlag an einem schrottreifen Sicherungskasten, den die Geschäftsführung partout nicht erneuern lässt. Wie zum Hohn steht auf einem Schild: „The best safety tool is a safe worker“. Verständlich, dass Mofe sehnsüchtig auf ein Visum für Spanien wartet. Die deutlich jüngere Rosa will hingegen in der zweiten Episode, die Mofes Geschichte nur beiläufig streift, nach Italien.

Die stilsichere Regie ist für einen Debütfilm bemerkenswert

Mofe teilt sich mit seiner Schwester und deren Söhnen eine Wohnung, bis sich ein furchtbarer Unfall ereignet. Als er von einer Nachtschicht nach Hause kommt, findet er seine Angehörigen regungslos im Bett. Ein defekter Generator hat Benzinvergiftungen verursacht. Statt um die Ausreise muss sich Mofe nun um Bestattungsformalitäten kümmern. Tragische Szenen wie diese werden sonst oft sentimental inszeniert oder verlieren durch Overacting ihre Wirkung – nicht hier. Ein Schwenk registriert behutsam den Raum, respektvolles Timing, keine Musik. Kaum hat die Kamera Mofes Blick auf die leblosen Körper nachvollzogen, folgt ein Schnitt auf die vergebliche Ankunft eines Rettungswagens. Die stilsichere Regie ist für einen Debütfilm bemerkenswert.

Arie und Chuko Esirie kommen aus Nigeria und sind in New York als Filmemacher ausgebildet worden. Mit „Eyimofe“, gedreht auf 16-Millimeter-Film, knüpfen die Geschwister an die afrikanische Autorenfilm-Tradition der 1960er und 70er Jahre an. Das analoge Material und der stilistische Oldschool-Realismus treffen auf ein gegenwärtiges Setting, in dem class, race und gender auch über Migrationsperspektiven entscheiden. So hübsch die Millionenstadt Lagos in Szene gesetzt wird, verliert dieser kluge, bescheidene Film doch nie den Blick für die feinen Unterschiede.

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