Four Tet live in Berlin : Der Kreis macht die Musik

Zwischen Konzert und DJ-Set: Der britische Elektromusiker Four Tet spielt im großen Aufnahmesaal des Funkhauses Berlin.

Ken Münster
Der britische Musiker Four Tet alias Kieran Hebden.
Der britische Musiker Four Tet alias Kieran Hebden.Foto: Neon Tummy/Flickr

Ist es der riesige, holzverkleidete Saal mit seiner opulenten Klangarchitektur, von dessen einem Ende eine mächtige Orgel auf die Anwesenden herunterblickt? Oder sind es die knapp tausend Pilger, die, ekstatisch-meditativ ihrem Idol zugewandt, mal die Augen schließen, mal die Hände heben? Es hat etwas Majestätisches, wie Four Tet am Mittwochabend im großen Aufnahmesaal des Funkhauses Berlin in Oberschöneweide eines seiner Live-Sets spielt. Live heißt: Er interpretiert seine Stücke mit digitaler Software und Klangerzeugern, irgendwo zwischen Konzert und DJ-Set.

Kieran Hebden, wie der 40-jährige Londoner mit bürgerlichem Namen heißt, ist ein Tausendsassa: Nach Anfängen als Gitarrist der Post-Rock-Band Fridge widmet er sich unter dem Pseudonym Four Tet seit 20 Jahren der elektronischen Clubmusik. Als Kollaborateure dienten ihm unter anderem der verstorbene Jazzdrummer Steve Reid oder Hip-Hop-Revolutionär J Dilla. Wenige elektronische Künstler genießen genreübergreifend so viel Respekt wie Hebden, der sich auch als DJ mit seinen eklektischen Sets, in denen er von spirituellem Jazz, brasilianischen Klängen bis hin zu House und Techno alles abdeckt, eine treue Fangemeinschaft erspielt hat.

Die Soundgestaltung ist phänomenal

Four Tets Alben setzen unterschiedliche Schwerpunkte. So auch die letzten November erschienene, an melancholischen Ambient-Sounds orientierte Platte „New Energy“, deren Tracks die Grundlage für sein Set liefern. Hebden entwirft an Ort und Stelle ausgedehnte Intros, wandelt die Themen beliebig ab. Drumcomputer-Beats, Synthesizer-Fetzen und Samples werden zusammengeworfen und spontan rearrangiert.

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Ein Stück von seiner 2015 erschienen Platte „Morning/Evening“ taucht nach einem Vocal-Sample der indischen Sängerin Lata Mangeshkar urplötzlich in brachial-technoide Klangwelten ab, das Publikum ist überrascht, tanzt frenetisch, bis Hebden den Puls wieder woanders hinlenkt und das gewaltige Fußstampfen für einen Augenblick abklingen lässt. In genau diesen Augenblicken scheint seine Erfahrung als Producer und DJ durch. Das wichtigste Puzzleteil des Abends besteht aus vier Wänden und acht Lautsprechern: Die Soundgestaltung im großen Aufnahmesaal ist phänomenal. Um Hebden und die tanzende Menge sind vier Lautsprecherpaare kreisförmig angeordnet, und die Sounds, die er auf seinem modularen Synthesizer abschießt, schnellen im Raum umher, mal schleichend, mal blitzschnell. Insgesamt ergibt sich ein Klangbild, das trotz seiner kristallinen Transparenz unvergleichlich kraftvoll bleibt. Ein Meister der zeitgenössischen elektronischen Musik ist hier zwei Stunden lang am Werke.

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