Französische Doku „12 Tage“ : Wo Justiz auf Psychatrie trifft

Raymond Depardon dokumentiert in „12 Tage“ Anhörungen, in denen Richter über die Rechtmäßigkeit von Zwangeinweisungen in die Psychatrie entscheiden müssen.

Elena Meilicke
Hoffnungslos. Die Verzweiflung steht den Patienten in die Gesichter geschrieben.
Hoffnungslos. Die Verzweiflung steht den Patienten in die Gesichter geschrieben.Foto: Grandfilm

Es ist nicht leicht, diesen Film zu sehen. Zehn Anhörungen hat der französische Fotograf und Filmemacher Raymond Depardon gefilmt. Anhörungen, in denen Psychiatriepatienten einem Richter vorgeführt werden, der über die Rechtmäßigkeit ihrer Zwangseinweisung entscheidet – das muss, so will es das französische Gesetz, binnen zwölf Tagen geschehen. In immer gleicher Anordnung sitzen sich Richter und Patient in einem kahlen Raum an einem Tisch gegenüber, ein Anwalt ist auch dabei. Die Kamera filmt die Gespräche in langen, statischen Einstellungen, es gibt keinen Kommentar, dafür viel Zeit, um die Gesichter, Gesten und Sprechweisen zu studieren: starre Augen, die nie blinzeln, ein Atem, der vor Aufregung schneller geht, verwaschenes Sprechen und rastlose Unruhe. Angst, Aggression und Traurigkeit lassen sich ablesen, großes Leid.

Obwohl dieses Kammerspiel in den engen und abgeschlossenen Räumen einer Lyoner Psychiatrie abläuft, hat Depardon sich für Breitwandbilder entschieden – ein Format, das eher ans Hollywoodkino erinnert, an die weiten Landschaften im Western. Hier unterstreicht das Format dagegen die Enge und Abgeschlossenheit der Institution. In keinem der zehn Fälle erklärt der Richter die Zwangseinweisung für unrechtmäßig, keiner der Patienten darf die Psychiatrie verlassen.

Bedrückend ist nicht nur das Elend der Patienten, sondern auch das unverhüllte Hervortreten des Wahns: Eine Trinität sei er, erklärt einer der Angehörten. Ein anderer erzählt, die Stimmen des elektrischen Stuhls sprächen zu ihm. In den Anhörungen prallen unvereinbare Sprechmuster aufeinander, die formelle Sprache der Justiz trifft auf Halluzinationen und Wahnvorstellungen. Zusammen ergeben sie ein absurdes Theater, das stellenweise komischen Charakter hat.

Die Richter heben ratlos die Augenbrauen

Die Anhörungen erweisen sich als Sujet, das faszinierend, aber auch unendlich vertrackt ist: ein psychiatrisch-juristisches Hybrid (über das Zusammenspiel der beiden Disziplinen hat Michel Foucault, der zu Beginn des Films zitiert wird, viel geschrieben), eine Anordnung, die weder Prozess noch Tribunal sein will. Dennoch sieht es in Depardons Film oft so aus, als säße ein Angeklagter vor Gericht. Dabei ist die Anhörung eigentlich zum Wohle des Patienten gedacht, sie soll die Rechtmäßigkeit der Zwangseinweisung überprüfen, die Macht der Psychiater begrenzen und kontrollieren, Willkür verhindern. Egal, wie sehr jemand deliriert, hier wird er angehört, als Staatsbürger adressiert und am Ende um seine Unterschrift gebeten.

Auch die Macht der Richter ist alles andere als einfach oder eindeutig. Zwar repräsentieren sie das Gesetz und besitzen enorme Entscheidungsgewalt über den Patienten, andererseits erscheint ihre Autorität in den Anhörungen oft untergraben und fast lächerlich. Immer wieder müssen sie ihre medizinische Unkenntnis und beschränkte Expertise betonen, sie machen Fehler, verstehen nicht richtig, wirken irritiert und verunsichert vom deliranten Sprechen. Ihre Lippen sind zu schmalen Strichen zusammengepresst, sie heben ratlos die Augenbrauen.

Keine platte Psychatriekritik

Letztlich zeigt „12 Tage“ ein Verfahren, in dem die Rollen und Motive, die Interessenslagen und Allianzen aller Beteiligten unscharf, wechselnd und ungeklärt bleiben. Die Patienten wollen raus aus der Psychiatrie, während sie im eigenen Interesse vielleicht lieber drinbleiben sollten. Der Richter soll dem Patienten einen rechtmäßiges Verfahren garantieren und wirkt doch oft so, als habe er einen Angeklagten vor sich. Und die Anwälte sollten Fürsprecher des Patienten sein, erscheinen aber immer wieder als Verbündete des Richters, dessen Sprache und Denken sie teilen.

Depardons nüchterne und kommentarlose Beobachtung lotet die Widersprüche und Aporien, die dem Verfahren innewohnen, in all ihrer Komplexität aus. Sein Film erlaubt keine vorschnellen und einfachen Schlüsse, keine platte Psychiatriekritik. Und doch scheint es, als sei sich letztlich auch Depardon über seine Rolle und Position nicht ganz klar, als misstraue er dem eigenen Blick, dem filmischen Registrieren und Sezieren. Manchmal hat man den Eindruck, er fühle sich bemüßigt, Stellung zu beziehen oder selbst ein Plädoyer zu halten. Voneinander abgesetzt sind die zehn Anhörungen durch Psychiatrie-Stillleben – Gänge, Zimmer, Außenansichten –, deren Tristesse zu komponiert, zu elegisch daherkommt, um nicht Kitsch zu sein. Dreimal setzt dabei schmachtende Filmmusik ein, komponiert von Oscarpreisträger Alexandre Desplat, die die Bilder mit klebrigem Pathos überzieht. Das hätte es nicht gebraucht.

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