Friedenspreis für Jan und Aleida Assmann : Kulturen gibt es nur im Plural

Plädoyer für eine befreiende Erinnerung: Aleida und Jan Assmann erhalten den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Das goldene Ehepaar Aleida und Jan Assmann bei der Verleihung in der Frankfurter Paulskirche.
Das goldene Ehepaar Aleida und Jan Assmann bei der Verleihung in der Frankfurter Paulskirche.Foto: Arne Dedert/dpa

Genau genommen gab es vor Aleida und Jan Assmann nur ein einziges Paar, das mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde. Das waren 1970 die Schweden Gunnar und Alva Myrdal. Er ein Wirtschaftswissenschaftler, der schon damals vor einer nationalistischen „Milieuvergiftung“ warnte, sie eine Soziologin, die den modernen Wohlfahrtsstaat mitentwickelte – beide vereint im Kampf gegen die atomare Bedrohung im Kalten Krieg.
Wenn die Assmanns noch vor den Myrdals des Philosophen Karl Jaspers und seiner Laudatorin Hannah Arendt gedachten, die im Preisjahr 1958 in der Frankfurter Paulskirche standen, war dies eine bloße Wahlverwandtschaft – allerdings eine lohnende. Denn Jaspers entwickelte mit dem Begriff der Achsenzeit jene Theorie einer weltkulturgeschichtlichen Blüte um 500 v. Chr., an die der Ägyptologe Jan Assmann in seinem jüngsten Buch anknüpft. Ein neuerlicher Appell, mit Blick auf Zarathustra, Buddha, Laotse und Konfuzius allen europäischen Hochmut fahren zu lassen. Und mit Jaspers’ Schülerin Arendt stand eine lebenslange Freundin am Rednerpult, die noch weitaus mehr als er an politischen Interventionen interessiert war.

Verunsicherung des eigenen kulturellen Blicks

Was Jan und Aleida Assmann im Jahr ihrer Goldenen Hochzeit zusammen mit ihrem Freund und Laudator Hans Ulrich Gumbrecht zustande brachten, könnte man demnach getrost als Triumph einer kulturwissenschaftlichen Dreifaltigkeit bezeichnen. So ruhig wie entschieden erhob das Paar bei seiner im Wechsel vorgetragenen Dankesrede Einspruch gegen jedwede Form identitärer Verirrung. Aber es war dies eben kein bloßes Moralisieren, sondern ein Plädoyer für die Erkenntnis, dass nur aus einer anfänglichen Verunsicherung des eigenen kulturellen Blickwinkels eine Sicherheit entstehen kann, die es erlaubt für universale Menschenrechte einzutreten – im Fall der Anglistin Aleida Assmann auch für die zugehörigen Menschenpflichten. Der Literaturwissenschaftler Gumbrecht erinnerte überdies daran, dass darum nicht erst im politischen Raum gestritten wird, sondern Geistes- und Kulturwissenschaften unverzichtbares Material für die Bewertung divergierender Positionen zur Verfügung stellen.
Das Lebenswerk der beiden wurzelt dabei, wie er erklärte, nicht in zeitlosen Abstraktionen. Es bildet „die Welt einer deutschen Generation“, die in besonderem Maß an der deutschen Schuld trägt. Obwohl Jan Assmann, Jahrgang 1938, zu jung war, um sie sich selbst unmittelbar aufzuladen, und Aleida Assmann, Jahrgang 1947, von der Gnade der späten Geburt profitierte, spielt sie eine enorme Rolle. Für Jüngere wie ihre fünf Kinder heißt das: Das Assmannsche „An-denken“ (Gumbrecht) im Doppelsinn von kultureller Gedächtnisbildung und Widerstand gegen trügerische Gewissheiten lässt sich nicht einfach nachmachen. In der ständigen Überprüfung von Verfestigungen können es nachfolgende Generationen höchstens produktiv beerben.

Eine neue Empörung in Richtung Rechtspopulismus

Zugleich stellen sich viele Fragen angesichts der unübersehbaren Schubumkehr einer Empörung in Richtung Rechtspopulismus – in der Art von Stéphane Hessels Kapitalismuskritik – quälender denn je. Aleida Assmann wies darauf hin, dass die Nation kein heiliger Gral sei, der vor Befleckung und Entweihung zu retten sei. Unter Bezug auf Alexander Gaulands „Vogelschiss“-Diktum ermahnte sie zu einer wichtigen Unterscheidung: „Beschämend ist allein diese Geschichte, nicht aber die befreiende Erinnerung an sie, die wir mit den Opfern teilen.“
Gumbrecht wiederum brachte einen exemplarischen Dissens zwischen ihr und ihm zur Sprache, der die gemeinsame Freundschaft doch nicht beschädigen konnte. Ohne den Namen seines Lehrers Hans Robert Jauß zu nennen, den Vater der Rezeptionsästhetik und hochphilosophischen Kopf einer Konstanzer Schule der Literaturwissenschaft, hielt er an seiner „damnatio memoriae“ fest. Jauß hatte bis zu seinem Lebensende verschwiegen, dass er über Jahre Mitglied der Waffen-SS war. Erst kürzlich hat sich seine Beteiligung an verbrecherischen Einsätzen erhärtet. Aleida Assmann verteidigt demgegenüber seine theoretische Lebensleistung. Andernfalls müsse man noch ganz andere literaturtheoretische Paradigmen entsorgen.

Die Bibliotheken werden anfällig für Manipulationen

Eine Haltung dazu lässt sich immer nur im konkreten Fall entwickeln. Es geht dabei nicht um ein stillgestelltes, zu Tode objektiviertes Wissen, sondern um ein Gedächtnis, das sich nur in unablässiger kultureller Arbeit bildet. Dieses Prozesshafte, so die Assmanns, mache das Leben in einer Res Publica Litteraria, einer Gelehrtenrepublik, aus – auch wenn ihre Bibliotheken zusehends manipulationsanfällig werden. Aleida Assmann berichtete vom Video eines Google-Mitarbeiters, das einen digital animierten Barack Obama zeigt, dem man mimisch-artikulatorisch täuschend echte Dinge in den Mund gelegt hat, die er niemals sagte. Wie wichtig seien daher Wahrheit, Glaubwürdigkeit und Verantwortlichkeit im Miteinander der Menschen.
„Die Menschheit“, lernt man bei den Assmanns, „gibt es im Singular, aber Kulturen, Sprachen, Religionen gibt es nur im Plural.“ Aus dieser Erfahrung speist sich der Widerspruch zur Versuchung jedweden Essentialismus. Wie Jan Assmann schrieb: „Der Mensch, durch ein Zuviel an Wissen aus den Ordnungen der Natur herausgefallen, muss sich eine künstliche Welt erschaffen, in der er leben kann. Das ist die Kultur.“
Sie hat auch eine politische Seite: Das Preisgeld von 25000 Euro geht an drei deutsche Initiativen, die Migranten unterstützen.

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