Friedrich Hölderlin auf der Spur : Die göttlichen Funken des Schönen

Kultfigur und Rätselgestalt: Karl-Heinz Ott und Rüdiger Safranski beleuchten das Nachleben des schwäbischen Genius Friedrich Hölderlin.

In Textgebirgen. Eine Handschrift des späten Hölderlin in der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart.
In Textgebirgen. Eine Handschrift des späten Hölderlin in der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart.Foto: Imago/Horst Rudel

Die Rätselgestalt Hölderlin ist nach wie vor die am innigsten umschwärmte Kultfigur der deutschen Dichtung. Als „le pauvre Holterling“ und Märtyrer der Poesie ist er von seinen Bewunderern gefeiert worden – und bis heute die am stärksten bespielte Projektionsfläche für ästhetische Erlösungsfantasien geblieben.

Als „großer Seher, der für sein Volk ins Licht tritt“, hat ihn der „Meister“ Stefan George bejubelt, als „Sänger der nationalrevolutionären Befreiung“ adoptierte ihn der Kommunist Johannes R. Becher. Martin Heidegger adelte ihn schließlich zum Dichter-Messias und Künder einer „Ursprache“: „Die Ursprache aber ist die Dichtung als Stiftung des Seins.“

Bei so viel Adoration blieb der nüchterne Blick auf den poetischen Einzelgänger Friedrich Hölderlin Mangelware. Über viele Jahrzehnte kam es zu großen Feldschlachten um die Deutungshoheit über den Dichter. Auf die von Friedrich Beißner verantwortete „Große Stuttgarter Ausgabe“ seiner Werke, die 1941 begonnen und erst 1985 abgeschlossen wurde, antwortete ab 1977 der Autodidakt Dieter E. Sattler in seiner „Frankfurter Ausgabe“ mit einer eigenen Form der Hölderlin-Hagiografie, indem er alle Gedichte des Meisters inklusive der Vorstufen als Faksimile der Handschrift präsentierte.

Und auf den „vaterländisch“ interpretierten Hölderlin, der von den Nazis missbraucht wurde, die Hölderlin-Bändchen im Tornister der Wehrmachtssoldaten deponierten, folgte nach 1968 die durch Pierre Bertaux und Peter Weiss befeuerte Rezeption Hölderlins als waschechter Jakobiner und Revolutionär.

Das „göttliche Feuer“, das im Dichter loderte, ließ bei fast allen Exegeten die nötige Distanz zum Objekt der Verehrung dahinschmelzen. Aber gerade die „ins Maßlose gesteigerte Ehrfurcht vor Hölderlin“ hatte schon der selbst dem Pathos nicht abgeneigte Adorno als „Betrug“ am Dichter bezeichnet.

Lebensgeschichte abseits gängiger Heiligsprechungen

Anlässlich seines nahenden 250. Geburtstags haben nun einige passionierte Leser und erfahrene Biografen Anlauf genommen, um eine Lebensgeschichte Hölderlins abseits der einschlägigen Hagiographien zu schreiben. In diesem Feld der neuen Hölderlin-Biographik stellt Rüdiger Safranski, Deutschlands erfahrenster Dichter-Porträtist, jene Frage, die bislang nur idealisierende Antworten hervorgebracht hat: „Was also ist das für ein Feuer, das in Leben und Poesie Hölderlins brennt?“ Die Antworten, die Safranski auf 320 Seiten vorlegt, sind ebenso faktengesättigt wie unspektakulär und von einem etwas leidenschaftslosen biografischen Positivismus getragen.

Safranski zeigt uns einen Hölderlin als Muttersohn, der den Vater und Stiefvater früh verlor und sich erst spät von den mütterlichen Mahnungen und vom schwäbischen Milieu bürgerlicher „Ehrbarkeit“ emanzipierte. Früh hatte das 1770 in der Kleinstadt Lauffen geborene „Hölderle“ vom großen Dichterruhm geträumt, aber es lange nicht gewagt, die mütterlichen Wünsche hinter sich zu lassen und kompromisslos den dichterischen Königsweg einzuschlagen. Erst als er nach Zwischenstationen in den Klosterschulen Denkendorf und Maulbronn im legendären Tübinger Stift einen Freundschaftsbund mit den Jungphilosophen Schelling und Hegel schloss, war der Weg in den poetischen Absolutismus nicht mehr aufzuhalten.

Reich Gottes, das ist das Tübinger Losungswort

Das Losungswort der Tübinger Freunde, die sich in einer „unsichtbaren Kirche“ verbunden sahen, war „Reich Gottes“. Alles, was Hölderlin seither unternahm, war geprägt vom Glauben, die Dichter und vor allem er selbst, könnten die Götter wieder zum Leben erwecken. Freilich nicht in einem christlichen Sinn, sondern im Blick auf den polytheistischen Kosmos der griechischen Mythologie, die für ihn zeitlebens der Maßstab blieb für die Herstellung einer künftigen schöneren Welt. Das sogenannte „Älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus“, das – glaubt die Forschung – 1797 entstandene Gemeinschaftsprojekt von Hegel, Schelling und Hölderlin, ist das eindrücklichste Dokument für die Überhöhung der Dichtung: „Die Poesie wird am Ende wieder, was sie am Anfang war – Lehrerin der Menschheit“, heißt es da.

Auf diesem Weg der idealisierenden Überhöhung wandelt Hölderlin auch später, wenn er in dem Fragment gebliebenen Briefroman „Hyperion“ die „große Vereinigung alles Getrennten“ beschwört, wobei er einzig der Poesie die Aufgabe zuweist, die große Seins-Verbundenheit zu stiften.

„Er hat eine heftige Subjektivität und verbindet damit einen gewissen philosophischen Geist und Tiefsinn. Sein Zustand ist gefährlich.“ So urteilte bereits 1797 Schiller, der treueste Förderer, über „seinen liebsten Schwaben“.

Aber für pragmatische Appelle war Hölderlin nicht zu erreichen. Die von seiner Mutter erträumte Pfarrerslaufbahn trat er nie an, stattdessen schlug er sich als Hofmeister und Privatlehrer durch, wobei er sich immer wieder unglücklich verliebte, zuletzt in Susette Gontard, die Frau eines Frankfurter Bankiers.

Geistig verwirrt, wird Hölderlin eingewiesen

Nach dem Scheitern dieser unglücklichen Liebe und einem misslungenen Neuanfang in Bordeaux zeigte sich Schelling, der alte Freund aus dem Stift, schockiert, als er Hölderlin 1803 wiedersah: „… ich überzeugte mich bald, dass dieses zart besaitete Instrument auf immer zerstört sey.“ Nach seinem Zusammenbruch wurde der geistig verwirrte Hölderlin 1806 zunächst in das Autenriethsche Klinikum eingewiesen und 1807 als unheilbar entlassen. Den Rest seiner Lebenszeit, immerhin 36 Jahre, verbrachte er bis zu seinem Tod am 7. Juni 1843 im legendären Turmzimmer des Schreinermeisters Zimmer in Tübingen, wo er noch einige anrührende Gedichte schrieb, meist unter Pseudonymen wie „Scardanelli“ oder „Buonarotti“.

„Erst mit dem gelungenen Gedicht kommt er richtig zur Welt“, resümiert nun Safranski. Die Stärke seiner Biografie liegt in der panoramatischen Ausleuchtung des philosophischen Kraftfelds, in dem sich Hölderlins Poetik ausbildete, während er bei der Deutung der großen Elegie „Brod und Wein“ oder des Hymnus „Friedensfeier“ sich auf etwas kraftloses Paraphrasieren beschränkt.

Was bei Safranski fehlt, die kritische Profanierung des Dichtergenies, führt nun Karl-Heinz Ott in seinem mitreißenden Essay über „Hölderlins Geister“ vor – mindestens ebenso ein Buch über die Instrumentalisierung des Dichters durch den Seins-Philosophen Heidegger. Ott bleibt stets auf Abstand gegenüber den Schwärmereien des Dichters und entziffert dessen Sehnsucht nach „kosmischem Aufgehobensein“ als dauerhaftes Verharren in einem „narzisstischen Kokon“.

Kluge Konterbande zum verklärten Bild

Anstatt als philologischer Messdiener die „heilige Theokratie des Schönen“ zu feiern, liefert Ott eine ganze Menge kritischer Ernüchterungen, kluge Konterbande zum verklärten Hölderlin-Bild. Zur Gräkomanie des Dichters vermerkt er trocken: „Hölderlins griechische Welt ist eine Fata Morgana, nicht anders als die kommunistische Urgesellschaft von Rousseau und Marx.“ Und zur Nobilitierung Hölderlins als Jakobiner und Revolutionär: „Man muss eine ganze Menge ausblenden, um ihn sich politisch gefügig zu machen.“

Wenn Rüdiger Safranski das problematische Gedicht „Der Tod des Vaterlandes“ als „Kampflied für die Republik“ lesen will, ist Ott mutiger und widmet ein ganzes Kapitel dem „bräunlichen Hölderlin“, der zahllose nationalistische Interpreten auf den Plan gerufen hat, bei denen ätherische Entrückung einhergeht mit martialischem Geraune.

Sind wir dennoch im 21. Jahrhundert auch als intellektuell zerstreute Gegenwartsnarren noch „ein Volk Hölderlins“, wie es einst sein Wiederentdecker, der Stefan George-Jünger Norbert von Hellingrath verkündet hat? Karl-Heinz Ott hat mit seinem lehrreichen Essay einige elementare Fragen gestellt, die das vertraute Hölderlin-Bild ins Wanken bringen. Eine künftige Hölderlin-Philologie wird ohne dieses Buch nicht auskommen.

[Rüdiger Safranski: Hölderlin. Komm! Ins Offene, Freund! Biografie. Carl Hanser Verlag, München 2019. 336 Seiten, 28 €. Karl-Heinz Ott: Hölderlins Geister. Carl Hanser Verlag, München 2019. 240 S., 22 €.]

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