Gendern in deutschen Verlagen : Das Kreuz mit dem Sternchen

Verfolgen deutsche Verlage beim Gendern von Sprache eine Hauspolitik? Und unterscheiden sie dabei nach Belletristik und Sachbuch? Eine Umfrage.

Das Gendersternchen sorgt für Furore. Wie halten es Verlage mit dem Gendern von Sprache?
Das Gendersternchen sorgt für Furore. Wie halten es Verlage mit dem Gendern von Sprache?Foto: imago/Steinach

Daniel Beskos, Mairisch, Hamburg

Wir bemühen uns, das Gendersternchen zu nutzen, wo es elegant einsetzbar ist. Zum Beispiel kann man „die Autor*innen“ zu einer Veranstaltung einladen. Nicht so gut ist es, „mit dem/r Autor*in zum Veranstaltungsort“ zu gehen. Da greifen wir eher auf „mit der Autorin oder dem Autor“ zurück. Ansonsten liegt die Frage, ob und wie zu gendern ist, komplett im Ermessen der Autor*innen. Persönlich kann ich die Sorge um die Eleganz der Sprache verstehen, stimme jedoch sowohl den politischen als auch den sprachtheoretischen Begründungen, wie sie Katja Lange-Müller vor Kurzem im „Tagesspiegel“ vortrug, nicht immer zu. Ich glaube nämlich sehr wohl, dass Sprache Auswirkungen auf unser Handeln hat. Es trägt entscheidend zu einer gleichberechtigten Position der Frau bei, wenn wir jedes Mal, wenn Personen angesprochen werden, die Leser*innen eines Textes zum Nachdenken über das Geschlecht bzw. die Zuweisung (Ist es ein Autor? Sind es Autoren? Sind da auch Frauen dabei und gemeint?) bringen. Einfach, weil die Sprache ja schon immer so strukturiert ist, dass der Mann der Regelfall und die Frau der Sonderfall ist. Das gilt es zu ändern.

Wolfgang Hörner, Galiani, Berlin

Bei uns wollte bisher noch kein Autor gendern. Wäre dies aber der Fall, wäre es sicher möglich. Eine Vorgabe dazu gibt es nicht. In Anschreiben des Verlages wenden wir uns in aller Regeln an „Autorinnen und Autoren“, „Kolleginnen und Kollegen“ bzw. „Buchhändlerinnen und Buchhändler“. Sternchen oder Unterstriche verwenden wir aus ästhetischen Gründen nicht. Meiner persönlichen Meinung nach schließt jede dieser Lösungen wieder so viele Untergruppen aus, dass keine wirklich gerecht ist. Und ich persönlich fühle mich als Leser davon im Lesefluss und -rhythmus gestört. Ich nehme es zwar hin, mag es – wie jeden Versuch, Sprache zu normieren – aber nicht

Britta Jürgs, AvivA Verlag, Berlin

Bei AvivA wird gegendert. Wie, das wird jedoch flexibel gehandhabt und in Absprache mit den Autorinnen und Autoren, Übersetzerinnen und Übersetzern. Für die Bücher gilt nur, dass nicht die männliche Form alleine stehen soll. Entweder wird das Binnen-I verwendet oder die männliche und weibliche Form. Das gilt natürlich nur für die „neuen“ Texte, während „alte“ Texte in der Schreibweise der Zeit wiedergegeben werden. Die Besprechungen in der Virginia Frauenbuchkritik, erscheinen immer mit Binnen-I, dürfen aber auch ein Gendersternchen haben, wenn die Rezensentin das wünscht. Wer nicht genannt wird, wird leider nicht automatisch mitgedacht. Daher finde ich die Umsetzung einer geschlechtergerechten Sprache wichtig und sehe dies als eine Bereicherung an, nicht als Beschneidung.

Annette Knoch, Droschl, Graz

„Liebe alle und allinnen“ ist mir für mich ein schönes Beispiel für die Schwierigkeit im Umgang mit geschlechtsparitätischen Anreden. Das Gendern ist uns wichtig, aber es hat sich immer noch keine wirklich schöne Schreibvariante durchgesetzt. In allgemeinen Verlagstexten und Schreiben verwenden wir immer die voll ausgeschriebenen Formen, also „unsere Autorinnen und Autoren“, „Liebe Leserinnen und Leser“ etc. Das Binnen-I verwenden wir nicht, denn Sätze mit Binnen-I oder Sternchen lesen sich immer noch nicht flüssig. In den Büchern selbst liegt es tatsächlich im Ermessen der Autorin oder des Autors, wobei in der Belletristik meist nicht gegendert werden muss, weil klar ersichtlich ist, ob von einer Frau oder einem Mann die Rede ist. Bewusst zu gendern scheint uns eine Frage der Generation und der politischen Haltung zu sein.

Helge Malchow, KiWi, Köln

Grundsätzlich unterscheiden wir hinsichtlich der Rechtschreibung nicht zwischen Prosa und Sachbuch. Wir richten uns nach den Regeln im Duden, die letzte Instanz aber ist immer der Autor, die Autorin. Grundsätzlich finde ich, dass hinter der ganzen Diskussion ein falsches Bild von Sprache steckt. Sie wird als Schlachtfeld benutzt. Es ist ein Irrtum zu glauben, man könne sie von heute auf morgen durch ein paar neue moralisch oder politisch begründete Interventionen verändern. Sprachveränderungen sind ein zäher Prozess.

Nikola Richter, Mikrotext, Berlin

Mikrotext hat keine Hauspolitik, aber versucht, möglichst einschließend und konkret zu kommunizieren. Also gehen Mailings an „Journalisten und Journalistinnen“, bald sicher auch an „Journalist*innen“, und wenn Autorinnen am Stand sind, sind es eben Autorinnen. Auch unsere Verträge sind angepasst, sodass ich nicht „der Autor“ lesen muss, wenn der Vertrag mit einer Autorin abgeschlossen wird. Wenn eine Autorin in ihrer Biografie, das kam schon vor, lieber Autor heißen will und generische Bezeichnungen stärken will als das Sternchen oder den Unterstrich, ist es auch in Ordnung. Ich selbst greife gar nicht ein, jeder Titel hat seine eigene innere Politik und Logik. Wenn aber durchgängig nur das generische Maskulinum verwendet wird, aber deutlich werden soll, dass Frauen mitgemeint sind, ergänzt das Lektorat schon mal die weibliche Form. Sprache ist Ausdruck und Spiegel unseres Zusammenlebens, daher verändert sie sich mit uns, siehe Kiezdeutsch und Neudeutsch. Oder siehe die Österreicherin Puneh Ansarim, die wir unter dem anglisierend anmutenden Titel „Hoffnun’ “ veröffentlicht haben. Wir sollten, wenn deutlich wird, dass Sprachgewohnheiten ausschließend wirken, in der Folge anders formulieren. Vor allem sollten wir uns aber auch anders verhalten. Vielleicht ist Diversität für Verlegerinnen einfacher wahrzunehmen, da sie schon aus einer Marginalisierung heraus verlegen, bisher gab es ja noch nicht so viele Verlegerinnen. Und ich bin mit Stolz eine Verlegerin.

Andreas Rötzer, Matthes & Seitz, Berlin

Wir verfolgen keine Hauspolitik, zumal wir dann auch einen katholischen Polemiker wie Léon Bloy (1846–1917), dessen Tagebücher, Briefe und Prosa wir demnächst veröffentlichen, gendern müssten. Das wäre komisch. Grundsätzlich entscheidet bei uns ansonsten der lebende Autor, wobei der Wunsch zu gendern in der Belletristik selten vorkommt, im Sachbuch dagegen immer häufiger. Persönlich finde ich es gut, dass sich gerade alle über das Pro und das Contra des Sternchens aufregen, das bringt Aufmerksamkeit für die Sache.

Susanne Schüssler, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin

In Texten des Verlags gibt es ein Binnen-I nur in unserer Reihe DaCapo, in der etwa thematisch zusammengestellte Gedichte von Erich Fried erschienen sind. Sternchen und Unterstriche sind nicht vorgesehen. Dann wird es eben manchmal ein wenig länger, liebe Leserinnen und Leser! Grundsätzlich entscheiden aber unsere Autorinnen und Autoren, ob nur die Leser oder auch die Leserinnen genannt werden. Ansonsten wird unsere schöne deutsche Sprache den Gender-Angriff schon überstehen. Die neue Rechtschreibung ist ja auch ohne allzu große Sturmschäden über uns hinweggefegt.

Jörg Sundermeier, Verbrecher Verlag, Berlin

In unserem Verlag halten wir es so: All unsere Autor*innen dürfen auf die Weise gendern, die sie bevorzugen, also mit Gendersternchen, mit Gendergap, mit Binnen-I, oder sie sprechen von Autorinnen und Autoren. Manche der Älteren benutzen auch das generische Maskulinum. Auch das ist ihnen freigestellt.

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