Georg Quanders Buch „Opernland“ : Festung für Feingeistiges

In seiner Dichte weltweit einmalig: Georg Quander erzählt in seinem Buch „Opernland“ die Musik- und Bühnengeschichte von Nordrhein-Westfalen.

Spektakulärer Neubau 1966. Das Opernhaus in Dortmund.
Spektakulärer Neubau 1966. Das Opernhaus in Dortmund.Foto: F. Vinken/Theater Dortmund

Auf rund 200 Bühnen wird weltweit regelmäßig Oper gezeigt. Fast die Hälfte davon befindet sich in Deutschland - und innerhalb der Bundesrepublik ist wiederum Nordrhein-Westfalen Spitzenreiter: 13 Musiktheaterensembles gibt es hier, die 15 Städte bespielen: Aachen, Bielefeld, Bonn und Detmold, Dortmund, Essen, Gelsenkirchen, Hagen und Köln, Münster, Wuppertal sowie Düsseldorf-Duisburg und Krefeld-Mönchengladbach.

Auch wenn Fans von Verdi, Puccini, Wagner und Co natürlich eher an Mailand, New York, Salzburg oder Bayreuth denken, wenn von der teuersten und aufwendigsten aller Kunstformen die Rede ist, belegt den Spitzenplatz in Sachen Opernvielfalt ausgerechnet eine Region, die im allgemeinen Bewusstsein nicht gerade als Festung des Feingeistigen gilt. Die Versorgungsdichte ist in NRW genauso hoch wie in Berlin: Auf je 1,16 Millionen Bewohner kommt statistisch ein Musiktheater-Haus. Und das Angebot ist dort sogar noch breiter als in der Hauptstadt, das Publikum strömt zudem zahlreicher. Jährlich kommen in NRW mehr als 100 Neuinszenierungen heraus, eine Million Menschen besuchen an die 1000 Opernvorstellungen. Die Berliner Opernstiftung registrierte 2018 dagegen an 800 Abenden nur rund 770 000 zahlende Gäste.

Erst chronologisch, dann Haus für Haus

Georg Quander, von 1991 bis 2002 Intendant der Berliner Staatsoper und anschließend bis 2013 Kulturdezernent in Köln, kennt beide Welten. Und bricht in seinem Buch „Opernland Nordrhein-Westfalen“ eine Lanze für eine Kulturlandschaft, die traditionell im Schatten der Feuilletonberichterstattung liegt. Die nordrhein-westfälischen Theater sind nicht das Erbe einer adligen Repräsentationskultur, sondern in den allermeisten Fällen echte Bürgerbühnen. Regenten, die mit anderen Fürsten und Herzögen darum wetteiferten, wer sich den prächtigsten Hofstaat leisten konnte, gab es auf dem Gebiet des heutigen NRW nur in Detmold, Düsseldorf und Bonn. Erst die industrielle Revolution brachte die Kunstform in die aufstrebenden Kohle- und Stahlzentren. Zwischen 1872 und 1911 wurden an Rhein und Ruhr neun Theater neu erbaut und fünf bestehende Bühnen vergrößert und verschönert.

Nach dem Zweiten Weltkrieg allerdings lagen sie alle in Trümmern, nur die Hofbühne im abgelegenen Detmold hatte den Bombenhagel überstanden. Doch wie überall war der Kulturhunger gerade in diesen Jahren der Not besonders groß. Bald waren die Theater wiederaufgebaut oder durch architektonisch oft spektakuläre Neubauten ersetzt, wie in Dortmund, Münster und Köln. 1959 gab es in Gelsenkirchen sogar noch eine Neugründung: Für die Foyers des „Musiktheater im Revier“ schuf der Maler Yves Klein mehrere Großgemälde, in seinem später so legendär gewordenen Ultramarinblau.

Auf 504 Seiten arbeitet sich Georg Quander zuerst chronologisch durch die Musikgeschichte der Region, bevor er in einem zweiten Teil dann Haus für Haus beschreibt, detailliert bis hin zu den Sitzplänen der Zuschauersäle. Vieles ist da vor allem von lokalpatriotischem Wert und also praktischem Nutzen für die örtlichen Besucher und Besucherinnen. Zugleich aber spiegelt die Operngeschichte im Rheinland wie im Ruhrpott natürlich auch die gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen in Deutschland wieder, von der Selbstvergewisserung des Bürgertums durch die Bühnenkunst im späten 19. Jahrhundert bis hin zu den brutalen Kultur-Sparrunden der Nachwendezeit.

Hoffnung auf Überlebenschance

Eindringlich warnt Georg Quander davor, dass die klammen Kommunen mit der Finanzierung des Opernlands Nordrhein-Westfalen längst hoffnungslos überfordert sind. 350 Millionen Euro bringen die Städte pro Jahr unter Schmerzen auf, rechnet er vor. Und dennoch müssen viele Institutionen dauerhaft an der Grenze des Zumutbaren arbeiten. Nur eine Erhöhung der Beteiligungsquote des Landes könne hier helfen, findet Quander. Die lag in NRW mit durchschnittlich gerade mal neun Prozent in der Tat bislang beschämend niedrig. In Hessen steuere die Landesregierung 33 Prozent zu den Etats der Bühnen bei, betont Quander, in Baden-Württemberg 43 Prozent und in Bayern gar 64 Prozent.

Und wie in einem Singspiel mit Happy End gab es nach dem Abschluss der redaktionellen Arbeiten an dem Buch tatsächlich noch eine überraschende positive Wendung: Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Pönsgen gab bekannt, dass die Betriebskostenzuschüsse des Landes für die 15 Mehrspartenhäuser, die drei reinen Sprechtheater und die 15 Orchester in NRW bis 2022 um jährlich 30 Millionen Euro angehoben werden. Damit lebt die Hoffnung wieder auf, dass diese weltweit einmalig dichte Opernlandschaft doch noch eine Überlebenschance hat. Glück auf!

Georg Quander: Opernland Nordrhein-Westfalen. Wienand Verlag Köln 2018, 504 Seiten, 36 €

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