Georges-Arthur Goldschmidt zum 90. : In der Revolte geboren

Die französische Sprache rettete ihm das Leben: Zum 90. Geburtstag des Schriftstellers Georges-Arthur Goldschmidt.

Nicole Henneberg
Georges-Arthur Goldschmidt 2014 auf der Pariser Buchmesse
Georges-Arthur Goldschmidt 2014 auf der Pariser BuchmesseFoto: imago/Eastnews

Georges-Arthur Goldschmidt liebt die Sprache, und er liebt die Bilder, die sie beweglich machen. Kein anderer Schriftsteller hat so hart und klar über die Verwandlungskräfte der Literatur geschrieben, keiner erzählt so schmerzhaft präzise von ihrer lebensrettenden Rolle. Dabei hatte er als Kind allen Grund, der Sprache zu misstrauen, insbesondere der deutschen Sprache, „mittels derer entschieden wurde, dass es einen wie ihn nicht geben durfte, und doch hörte man in der anderen Sprache die Worte des Widerstandes und der Rettung“. So formulierte er es in der Dankesrede zum Ludwig-Börne-Preis 1999.

Mit zehn Jahren musste Goldschmidt, am 2. Mai 1928 in einer bürgerlichen Familie in Reinbek bei Hamburg geboren, aus Deutschland fliehen. Scham und Schuldgefühle über seine „verbotene Herkunft“, die er nicht verstand, begleiteten ihn. Seine Eltern waren protestantisch, erst die Nürnberger Gesetze erklärten sie zu Juden. Krieg und deutsche Besatzung überlebte Georges-Arthur Goldschmidt in den Pyrenäen in einem katholischen Internat, später versteckt bei Bauern.

Auf Deutsch schrieb er nur drei Bücher

Die Qualen des Heimwehs, die Demütigungen im Heim und sein damals erwachtes Selbstbewusstsein sind die bewegenden Kräfte seines Werkes geworden. Der schmerzhafte Alltag habe ihn überleben lassen, sagte er später, weil er Angst und Sehnsucht übertönte. Eindrucksvoll erzählt er in „Die Absonderung“, „Die Aussetzung“ und „Die Befreiung“, seinen einzigen auf Deutsch geschriebenen Büchern, von diesen Jahren. Die Trilogie bildet das Zentrum seines Werkes, bewusst in der Sprache der Mörder seiner Eltern geschrieben. Erst als er über jene Zeit schrieb, in der er 17 Jahre alt war, „wurde das Deutsche für mich unschuldig, weil das Französische mir das Leben gerettet hatte“, erklärte er 2001 in einem Interview und fügte hinzu, dass er keine weiteren Bücher auf Deutsch schreiben werde.

Nur drei autobiografische Erzählungen hat der Übersetzer von Goethe, Nietzsche, Kafka und Peter Handke später selbst ins Deutsche übersetzt – „Ein Wiederkommen“, das vom verstörenden Besuch im Elternhaus nach dem Krieg und seiner zweiten, endgültigen Flucht erzählt, schrieb er dabei neu.

Während der Abiturvorbereitungen in Paris, seiner neuen Heimat, entdeckte er in Jean-Jacques Rousseau einen Seelenverwandten, dem er seinen existenziellen Essay „Der bestrafte Narziss“ widmete. Wie schonungslos Rousseau über seine Sexualität und die Lust an der Unterwerfung Auskunft gibt, wie körperlich konkret er die Entwicklung des Selbstbewusstseins spürt, tröstet den aufbegehrenden Gymnasiasten zutiefst.
Anrührend schildert er, wie er sich scheu die Stadt erläuft, stundenlang hungrig die Speisekarten studiert und von dem weiten Himmel über den Boulevards ständig in die Pyrenäen zurückgeworfen wird. Traumbücher, wandernd zwischen Trance und Analyse, hat Goldschmidt geschrieben, sprachmächtig und präzise verwandeln sie den Schrecken in leuchtendes Staunen. Am heutigen Mittwoch feiert Georges-Arthur Goldschmidt in Paris seinen 90. Geburtstag.

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