Händels „Theodora“ bei der Potsdamer Winteroper : Wenn der Mob tobt

Die Potsdamer Winteroper feiert mit Händels szenischem Oratorium „Theodora“ Premiere. Musikalisch ein Genuss, aber warum stirbt die Heldin so früh?

Jonas Zerweck
Im Glauben fest. Theodora (Ruby Hughes) in der Potsdamer Friedenskirche.
Im Glauben fest. Theodora (Ruby Hughes) in der Potsdamer Friedenskirche.Foto: S. Gloede

Ist der sauer! Didymus wirbelt um die eigene Achse. Erbost ruft er seinen Gott an „Verbiete es, Himmel!“ – und er hat jeden Grund dazu. Nicht nur, dass seine Geliebte, die er tapfer zu retten versuchte, in seinen Armen gestorben ist. Nein, jetzt erscheint sie ihm auch noch als Engel und fordert, dass er sie bitte umbringt. Der Erlösung wegen. Didymus versteht die Welt nicht mehr.

Händels Oratorium „Theodora“ erzählt die Geschichte einer Christin, die sich ihrem unbarmherzigen, römischen Herrscher widersetzt, indem sie unbeirrt an ihrem Glauben festhält, und dafür hoffnungsvoll den Tod akzeptiert. Eigentlich. In der Potsdamer Friedenskirche jedoch wird Theodora bereits mitten im Stück vom Mob totgeprügelt. So klaffen im weiteren Verlauf der Geschichte immer Lücken zwischen Text und Bühnengeschehen, wenn ihr anstehender Tod zum Thema wird. Welchen Mehrwert diese Umstellung ergibt, erschließt sich leider bis zum Schluss nicht.

Regisseurin Sabine Hartmannshenn und Lukas Kretschmer, der für Konzept und Choreographie zuständig war, ignorieren phasenweise das Libretto, bleiben allerdings ihrem selbst abgesteckten Weg treu. So entwickeln sie Symbole, wie das Abnehmen der Sonnenbrille als Akt der Befreiung aus ihrem repressiven System, und beziehen nach und nach die Friedenskirche als Spielstätte explizit mit ein. Besonders gut gelingt das, wenn gegen Ende Didymus in einem Moment der Stille stirbt und hoch oben im Kirchturm leise die Glocken läuten.

Ein anmutiger Abgang

Statt in antiken Römerklamotten treten die Solisten sowie der fein artikulierende und wunderbar klar singende Chor in leicht dystopisch anmutenden Kostümen auf, die teils rockig, teils glitzerkitschig die Heterogenität der Masse wiederspiegeln. Denn während bei Händel der Chor mal Christen, mal Römer darstellt, bleibt das hier lange unklar. Erst allmählich bekehren sich alle zum Christentum. Hartmannshenn und Kretschmer stellen hier angesichts spaltender Kräfte in unserer Gesellschaft eine brandaktuelle Entwicklung dar. Wem sollen die Menschen folgen, was sollen sie glauben? Sich der tyrannischen Unterdrückung ihres Herrschers hingeben oder Nächstenliebe walten lassen? Gespalten attackieren sich die Chorsänger immer wieder gegenseitig. Antworten finden sie letztlich nur, ganz im Sinne des Stücks, im Glauben an Gott – und ein bisschen in der Liebe, wenn die beiden Protagonisten einem Brautpaar ähnlich aus der Kirche schreiten.

So einen anmutigen Abgang haben sie sich verdient. Ruby Hughes drückt all das Leiden der Theodora in ihren weichen, oft unfassbar leisen Tönen aus. Sie riskiert viel, wenige Mal bleibt die Stimme in der Höhe kurz weg, doch das ist angesichts ihres facettenreichen Ausdrucks unerheblich. Dazu spielt sie authentisch und packend: Bis zu ihrem Tod wirkt Theodora noch wie ein geschundenes Wesen, danach strahlt sie als erlöster Engel größte Präsenz aus. Neben ihr agiert der Countertenor Christopher Lowrey zwar etwas hölzern, doch seine wunderbar flexible Stimme führt er virtuos durch die Koloraturen. In tiefen Lagen bleibt seine Stimme voll, in den höchsten klingt sie immer noch herrlich rund und wohlgeformt. Auch Hugo Hymas als innerlich zerrissener Septimius, Ursula Hesse von den Steinen als leidende und kampfeslustige Irene sowie Neal Davies als furchteinflößend böser Valens füllen ihre Partien mit viel Persönlichkeit und Stimmkraft aus.

Konrad Junghänel dirigiert die Kammerakademie Potsdam energisch, mit historisch informiertem, schlankem Klang, lässt fließende Melodien auf spitze Akzente folgen und balanciert den Gesamtklang immer stimmig aus. Den Sängern zaubert er verlässlich die passenden atmosphärischen Rahmen, instrumentale Stellen lässt er ausdrucksstark aufblühen. Musikalisch ein großer Genuss.

Wieder am 24., 29. und 30.11. sowie am 1.12. in der Friedenskirche Potsdam

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