• Handke ist moralisch gesehen ein Würschtl: Die Kritik am Autor als Scheinaktivismus - und Ablenkung

Handke ist moralisch gesehen ein Würschtl : Die Kritik am Autor als Scheinaktivismus - und Ablenkung

Was bringt es, sich über Peter Handke oder die Nobelreis-Jury zu empören? Der Krieg in Syrien ist das drängendere Problem. Ein Gastbeitrag.

Angela Lehner
Bücher von Peter Handke, die bei Suhrkamp erschienen sind.
Bücher von Peter Handke, die bei Suhrkamp erschienen sind.Foto: Christian Mang / REUTERS

Angela Lehner lebt als Schrifstellerin in Berlin und Wien. Ihr Roman „Vater unser“ (Hanser Berlin) steht 2019 auf der Shortlist für den Österreichischen Literaturpreis und war auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis.

Ist der Handke jetzt super oder ist er ein Würschtl? Und was ist denn überhaupt Literatur? Darf sich eine Literaturpreis-Jury kommerziell orientieren? Wenn wir schon dabei sind, wollen wir noch schnell die Rolle der Literaturkritik durchexerzieren? Kommt, lasst uns doch ein bisschen unsere Germanistik-Diplome schwenken und unserer intellektuellen Überlegenheit fröhnen.

Um das Thema gleich am Anfang abzuschließen: Ja, freilich ist der Handke moralisch gesehen ein Würschtl. Aber das Problem liegt ja nicht bei ihm.
Das Problem liegt doch wohl bei einer Würschtl-Nobelpreis-Jury und bei einer internationalen Würschtl-Gemeinschaft, die nicht nur akzeptiert, dass jemand seine öffentliche Bühne für solche Geschmacklosigkeiten nutzt, sondern auch noch fröhlich Schulterklopfer dafür verteilt.

Da hat der Handke am Begräbnis von Milošević eine Grabrede gehalten - so ein Lausbub aber auch! Aber jetzt war er ja wieder brav und schreiben kann er außerdem auch.

Anscheinend haben wir dann doch noch was von unserer Großeltern-Generation gelernt; zum Beispiel, dass man mit einer guten Portion Vertuschen doch nach jeder Gräueltat verharmlosen und bis auf die höchste Sprosse der gesellschaftlichen Leiter klettern kann.

Das gesellschaftliche Kollektiv ist gestört

Noch einmal: Der Handke sollte nicht der Hauptgrund für die Empörung sein, unsere eigene fehlende strenge kollektive Hand ist es! Würde die Jury einer Beate Zschäpe den Friedensnobelpreis zuerkennen, würden wir ja auch nicht auf die Beate schauen, sondern doch zumindest einmal höflich in Stockholm anfragen, ob die Jury nach leichten Schlägen auf den Hinterkopf verlange, da diese doch angeblich das Denkvermögen erhöhen.

Und vielleicht wäre ein gemeinsamer Spiegelblick nicht schlecht. Der Blick nämlich auf ein offensichtlich moralisch verwirrtes gesellschaftliches Kollektiv, das dieses Vorgehen ermöglicht.

Die große Gemeinheit, die unterschwellige Perfidität in der Würdigung Handkes liegt nämlich in der potentiellen Richterfunktion von uns als zuschauende Gemeinschaft. Wir als entscheidungsunfreudige Masse, die zwischen Opfer und Täter dahinwabert und durch einen cäsarischen Daumendreh dem einen oder dem anderen die Rückkehr in die Gemeinschaft ermöglichen kann.

Wollen wir ein gerechter Menschenverbund sein, so ist es doch wohl unsere Pflicht, die Opfer zu stützen - oder zumindest doch Wahres mit Wahrem zu benennen - und idealerweise einmal uns selbst, unsere eigene Untätigkeit und ihre Konsequenzen in die Verantwortung zu nehmen.

Jammern über die Vergangenheit und die Gegenwart aus dem Blick verlieren

Gerne jammern wir über die Verbrechen unserer Großeltern-Generation. Aber was sind wir denn im Jahre 2019 selbst für eine völkerrechtliche Gemeinschaft an Würschtln, dass wir uns lieber einer kulturellen Bauchnabelschau widmen als politisch brennenden Themen?

Aber wir machen das ja, schreien wir jetzt auf! Wir sind doch ein kritisches Kollektiv! Wir echauffieren uns auf Social Media, wir gehen protestieren.

Wie das sein kann, fragen wir. Wie das sein kann, dass da so eine Genozid-Leugner so einen Nobelpreis bekommt. Und zeitgleich verleugnen wir selbst einen Genozid.

Schon wieder, möchte man fast sagen, wo der Name Srebrenica doch gerade noch so im inneren Ohr verklingt. Einen, der sich gerade jetzt abspielt, vor unserem erweiterten Schrebergartengrundstück sozusagen. Mimimi, schreien wir, der böse Handke, dieser Genozid-Leugner. Mimimi, schreien wir, diese böse Jury.

Aktuell sollten wir nach dem Volk der Kurden fragen

Und wir merken in unserem politischen Scheinaktivismus nicht einmal, wie wir selbst wieder wegsehen. Wie wir im Schlamm der Vergangenheit herumwaten, in der wir außer uns anständig zu Schämen eh nichts mehr ausrichten können. Wie wir selbst gekonnt verdrängen, wie es uns die Blauhelme schon vor 24 Jahren in Srebrenica vorgemacht haben.

Vielleicht sollte im Oktober 2019 die drängendste Frage, die unser Twitterherz zum Klopfen und unsere bösen Facebook-Emoticons zum vibrieren bringt, nicht die nach dem Volk der Serben sein, sondern die nach dem der Kurden.
Vielleicht sollte der Name, der uns in diesem Moment umtreibt, nicht Peter Handke sein, sondern Hevrin Khalaf. Trump wäre ein anderer interessanter Name, ein US-Präsident, der von einem Tag auf den anderen seine Truppen von der syrischen Grenze abzieht und wehrlose Familien einer bewaffneten Armee überlässt.

Heiko Maas wäre ein anderer, der Deutschlands Verantwortung in der ganzen Kakophonie damit abgegolten sieht, dass von der Bundesrepublik jetzt eh keine Waffen mehr fürs Gemetzel nachgeliefert werden.
Nächster Name in der Liste: Erdoğan, der einem Puppenspieler gleich die restliche Völkergemeinschaft damit in Schacht hält, im Falle einer Einschreitung einen neuerlichen Flüchtlingsstrom auf die eigenen Marktwirtschaften loszulassen.

Sie sollten uns umtreiben: Erdoğan, Maas, Le Pen, Gauland

Und wer eine Freude am Namen lernen hat, kann sich gleich noch einmal den Kurz ins Vokabelheftl schreiben, Le Pen, und Gauland und wie sie alle heißen. Denn sie werden ohne Zweifel bereitstehen, wenn wir später auf Weihnachtsmärkten, in U-Bahn-Stationen und auf Flughäfen den Preis für unser kollektives Wegsehen werden zahlen müssen.

Ausrichten kann man vielleicht nicht immer was, aber den Fokus zur entsprechenden Zeit auf die richtige Stelle zu setzen - das wäre doch ein Anfang. Zumindest Schauen, ob es ein Jetzt gibt, in dem man handeln könnte, als den Zeigefinger selbstgerecht in die Vergangenheit hineinzuschwenken. Aber freilich, wir müssen uns nicht damit beschäftigen. Kann mir stattdessen bitte noch einmal jemand erklären, warum Handke den Nobelpreis (nicht) verdient hat?

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