Harald Jähners „Wolfszeit“ : Die Euphorie des Anfangs

Ausgezeichnet mit dem Preis der Leipziger Buchmesse: Der Journalist Harald Jähner schildert in seinem Buch „Wolfszeit“ die Nachkriegsjahre.

Zwei Männer gönnen sich im Dezember 1948 in den Ruinen Berlins eine Zigarette. Nikotin war damals nicht leicht zu bekommen.
Zwei Männer gönnen sich im Dezember 1948 in den Ruinen Berlins eine Zigarette. Nikotin war damals nicht leicht zu bekommen.Foto: Jean Manzon/AFP

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren nicht nur die deutschen Städte, sondern auch die alten Gewissheiten zertrümmert. Die Phrasen der nationalsozialistischen Propaganda hatten in den Untergang geführt, ganz zu schweigen vom millionenfachen Mord. Keiner hat die Gefühlslage, bei der sich Todesnähe, Trotz und Scham mischten, besser beschrieben als Wolfgang Borchert. Geschwächt von Verwundungen an der Front, Internierung wegen „Wehrkraftzersetzung“ und Flucht, war er ans Krankenbett gefesselt und starb 1947 am Vorabend der Uraufführung seines Heimkehrerdramas „Draußen vor der Tür“.

Doch der Schmerzensmann der Trümmerliteratur feierte das Leben, den Übermut und Exzess. „Der erregte hektische Jazz ist unsere Musik“, schreibt er in in seinem Text „Das ist unser Manifest“. „Unser Juppheidi und unsere Musik sind ein Tanz über dem Schlund, der uns angähnt.“ Man war mit dem Leben davongekommen, das galt es auszukosten. „Wer konnte, tanzte“, so bringt Harald Jähner die Euphorie der so genannten Stunde Null auf den Punkt. „Tanzwut“ lautet der Titel des schönsten Kapitels seines Buches „Wolfszeit“, einem Panorama der deutschen Nachkriegsjahre von 1945 bis 1955, das auf der Leipziger Buchmesse mit dem Preis für das beste Sachbuch ausgezeichnet wurde.

Jähner ist ein spätes Kind der Zeit, über die er schreibt

Diese demonstrative Daseinsfreude passt nicht in unser Bild vom gespenstischen Ernst der Ära, von den Hungerwintern 1946 und 1947, vom Bekanntwerden der Verbrechen in den Konzentrationslagern und den besetzten Ländern. Die Erinnerung an die Nachkriegszeit, konstatiert Jähner, wurde „im Rückblick immer düsterer“. Irgendwann begannen die Deutschen, so scheint es, sich dafür zu schämen, wie ausgelassen sie inmitten der zerbombten Vergangenheit gewesen waren. Sie sahen sich als Opfer und verdrängten die Momente von Glück und Lachen, so wie sie auch ihre Beteiligung an den Gräueltaten des NS-Regimes verdrängten. Vom Holocaust wollten sie nichts wissen, erst mit den Auschwitz-Prozessen begann eine neue Form der Auseinandersetzung, die manchen späteren Achtundsechziger politisierte.

Jähner ist ein spätes Kind der Zeit, über die er schreibt, er wurde 1953 geboren. Der ehemalige Feuilletonchef der „Berliner Zeitung“ hat keine neuen Quellen erschlossen, fügt aber zeitgenössische Tagebuchnotizen, literarische und journalistische Dokumente zu einer dichten Beschreibung deutscher Mentalitätsgeschichte zusammen. Schwerpunkte sind dabei Westdeutschland und Berlin. Zum Tempo der Veränderung passt die Rasanz, mit der die Zitate mitunter arrangiert sind. „Ich ging monatelang jeden Abend zum Tanzen, obwohl es selbstverständlich keinen Alkohol und nichts zu essen gab“, erinnert sich ein Münchner.

Es folgen die Aufzeichnungen einer 18-jährigen Berliner Sekretärin, die bereits Ende Mai 1945, 17 Tage nach der Kapitulation, wieder auszugehen beginnt. Die Liste der Tanzschuppen und Kellerkaschemmen, die sie mit Freundinnen besucht, ist lang, sie tragen funkelnde Namen wie Piccadilly-Bar, Robin Hood, Roxy, Royal Club oder Grotta Azura. Anschließend ist sie zum nächtlichen Wachdienst vor ihrer Haustür am Prenzlauer Berg eingeteilt. Es grassiert die Angst vor Angriffen krimineller Banden.

In der Wolfszeit war sich jeder selbst der Nächste

Die Wolfszeit war eine Niemandszeit, in der sich jeder selbst der Nächste war. Die alte Macht war verschwunden, eine neue musste sich erst noch etablieren, das Gesetz war faktisch außer Kraft gesetzt. Anarchische Zustände in einem Land, in dem neun Millionen Ausgebombte und Evakuierte, zehn Millionen entlassene Zwangsarbeiter und Häftlinge, 14 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene unterwegs waren. Dass aus Volksgenossen allmählich Bürger wurden und zumindest die drei Westzonen sich zu einer funktionierenden, freien, bald auch prosperierenden Gemeinschaft vereinten, ist, so Jähner, ein „ganz und gar unverdientes Glück“.

Auf dieses Happy End in einem „Paradies des Mittelmaßes“ hatte lange nichts hingedeutet. Denn die Deutschen begegneten nicht nur den überlebenden Juden feindselig, mit neu-altem Antisemitismus, auch gegenüber ihren Landsleuten aus den verlorenen Ostgebieten, die eine neue Heimat suchten, waren sie hartherzig. Die Zuzügler wurden als „Polacken“ und „Zigeunerpack“ beschimpft, Quartier bekamen sie oft nur durch polizeiliche Zwangsmaßnahmen. Westdeutschland hatte 1950 zehn Prozent mehr Einwohner als vor dem Krieg. Am größten waren die Verteilungskämpfe in Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein, wo der Anteil der Vertriebenen an der Gesamtbevölkerung bei 33 und 21 Prozent lag. Die Alliierten warnten bereits vor einem Bürgerkrieg.

Die Scheidungsrate verdoppelte sich nach dem Krieg

Deutschland war nach 1945 in Frauenhand. Viele Männer waren gefallen oder noch in Kriegsgefangenschaft, die Frauen hatten ihre Arbeitsplätze übernommen und den Alltag organisiert. Manche bandelten mit Besatzungssoldaten an, die erzwungene Unabhängigkeit führte zu einem „Schub erotischer Aktivitäten“, die Jähner mit den zwanziger Jahren vergleicht. Wenn der Ehemann dann nach Jahren abgemagert und ausgebrannt vor der Tür stand, war die Enttäuschung oft groß. Ein ehemaliger Angehöriger der Marine-SA beschrieb, warum er nicht mehr mit seiner Frau zurechtkam: „Es hat lange gedauert, bis ich begriffen habe, dass sie gelernt hat, ,Ich’ zu sagen.“ Die Scheidungsrate verdoppelte sich, nach 1950 setze ein Hochzeitsboom ein.

Mit der Niederlage hatte die Männlichkeit gelitten. Beate Uhse, seit 1947 auf dem Feld der „Ehe-Hygiene“ tätig, hat Potenztropfen und pneumatische Penisprothesen im Angebot ihres Versandhandels. Die Pilotin steigt zur heimlichen Heldin des Wirtschaftswunders auf, Jähner stellt ihr als Kontrastfigur Heinrich Nordhoff gegenüber, den Generaldirektor der Volkswagen AG. Als 1955 der millionste Käfer die Wolfsburger Fabrikhallen verlässt, herrscht der einstige Wehrwirtschaftsführer dort als „König Nordhoff“, was laut Jähner noch untertrieben ist. „Die Arbeitsgruppen im Werk ähneln der Kampfgemeinschaft im Felde“, befand ein Beobachter.

Am Berliner Winterfeldtplatz existierte bis in die frühen siebziger Jahre hinter einem weggebombten Vorderhaus eine Kneipe, die Ruine hieß. Die Deutschen hatten 500 Millionen Tonnen Trümmer aus ihren Städten weggeschafft, aber hier sah es aus, als ob der Krieg gerade erst aufgehört hätte. Die Gäste genossen die Untergangsstimmung.

Harald Jähner: Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945–1955. Rowohlt Berlin 2019. 477 S., 26€.

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