Hegel als Dichter : „Dein Bild, Geliebter, tritt vor mich“

Mit „Eleusis“ widmete Hegel dem Freund Hölderlin sein einziges ernst zu nehmendes Gedicht. Über den Denker als Poeten.

Pädagogischer Eros. Hegel in einer Lithografie von Franz Theodor Kugler (1828).
Pädagogischer Eros. Hegel in einer Lithografie von Franz Theodor Kugler (1828).Foto: DLA-Marbach, www.dla-marbach.de

Kant und Hegel, schreibt Theodor W. Adorno in seiner „Ästhetischen Theorie“, seien die letzten Philosophen gewesen, die über Kunst schreiben konnten, ohne etwas von Kunst zu verstehen. Er selbst besaß sicher bessere Voraussetzungen, weil er als leidenschaftlicher Pianist und Komponist etwa die Philosophie der Musik mit einem sinnlichen Wissen betrieb, das seinen Gegenstand nicht in reiner begrifflicher Abstraktion erstickte.

Anders als Hegel, der sich in seinen durch Schülermitschriften überlieferten „Vorlesungen über die Ästhetik“ durch sämtliche Gattungen der Kunst arbeitete, um sie am Ende als bloße Steigbügelhalterin einer philosophischen Königsdisziplin hinter sich zu lassen, die auf ein absolutes Wissen zielt, dachte er aber gar nicht daran, die Künste zu überwinden.

Als Dichter wäre aus Hegel wohl auch nichts geworden. Das hymnische Poem „Eleusis“, das er im August 1796 als 26-Jähriger seinem Freund Hölderlin widmete, blieb, von wenigen poetisierenden Prosafragmenten abgesehen, nicht zufällig das einzige ernst zu nehmende Zeugnis seines lyrischen Schaffens.

Sehnsucht nach dem Abwesenden

Was Hegels Schüler und erster Biograf Karl Rosenkranz 1845 überlieferte, hat den Adressaten überdies wohl nie erreicht. Im Frühjahr wurde das vierseitige, in der Tübinger Universitätsbibliothek aufbewahrte Manuskript nun in der Reihe „Aus dem Archiv geholt“ im Hölderlinturm ausgestellt. Dazu erschien eine schöne Broschüre, die neben Faksimile und Text einen anregenden Kommentar von Richard Schumm enthält (in einer Online-Version unter hoelderlintum.digital).

Worum geht es? Ungefähr das erste Drittel ist eine sehnsuchtsvolle Mitteilung an den abwesenden Freund: „dein Bild, Geliebter, tritt vor mich, / und der entfloh’nen Tage Lust; doch bald weicht sie / des Wiedersehens süssern Hoffnungen – “. Diese wurden erfüllt. „In Frankfurt a. Main“, berichtet Rosenkranz, „sahen sich die Freunde wieder und lebten, wie aus Briefen Sinclairs an Hegel hervorgeht, herrliche Tage miteinander, welche von Bildungsreizen reichlichst geschwängert waren.“

Die übrigen zwei Drittel beschwören, als wär’s eine Klage von Hölderlin über die entgötterte Welt, die Mysterien von Eleusis, das antike Heiligtum unweit von Athen, und das Wirken der Göttin Ceres, „die du dort throntest“.

Vorlage für eurhythmische Rezitationen

„Eleusis“ ist ein von Grund auf misslungenes Gedicht. Metrisch klappert es hinten und vorn, weshalb es nicht nur verwunderlich ist, dass der griechenlandbegeisterte Anthroposoph Rudolf Steiner es 1906 in einem Vortrag in den Himmel lobte, sondern vor allem, dass er es seiner zweiten Frau Marie von Sivern später sogar zur eurhythmischen Rezitation empfahl.

Thematisch ist es epigonal und allem, was Hölderlin an Hellenismus in die deutsche Dichtung trug, hoffnungslos unterlegen. Die billige Genugtuung, Hegel beim Schreiben eines schlechten Gedichts erwischt zu haben, lässt sich noch entschuldigen, wenn man es als anrührendes Dokument einer Freundesliebe liest.

Über eines jedoch kommt man nicht so leicht hinweg. In Gegensatz zu Hegels philosophischen Texten hat „Eleusis“ nämlich nichts, was sich mit Geduld und gutem Willen nicht verstehen ließe. Und das ist der springende Punkt, der sich gegen seine spätere „Ästhetik“ wenden lässt: Man kann das Gedicht fast vollständig ins Gedankliche übersetzen.

Ekstatische Seligkeit versus prosaische Nüchternheit

Mit Hölderlins ins ureigene poetische Gewebe eingebettetem Denken gelingt das, wie hartnäckig Heidegger es auch versuchte, nur unter Verlusten. Darin liegt aber auch der Unterschied zwischen den Freunden. Hegel hatte, wie Rosenkranz schreibt, gelernt, den „Gegensatz zwischen der ekstatischen Seligkeit des contemplativen Moments“ und der „prosaischen Nüchternheit des gewöhnlichen Lebens“ zu überwinden. Von dieser klaren Auslegbarkeit her ist es vielleicht nicht erstaunlich, wie viele hochmögende Interpreten „Eleusis“ schon angezogen hat.

Mit dem Philosophen Dieter Henrich lässt sich darin ein Vorschein auf das Hegel und (dem wiederum im Philosophischen dilettierenden) Hölderlin zugeschriebene „Älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus“ sehen, mit dem dekonstruktivistischen Yale Critic Geoffrey Hartman durch den Verweis auf die Göttin Ceres ein Vorgriff auf die „Phänomenologie des Geistes“.

Der heilige Ernst, mit dem zuletzt der russische Germanist Ivan Boldyrev in den „Monatsheften“ der University of Wisconsin (108/1, 2016) über das Sagbare und das Unsagbare in Hegels „Eleusis“ nachdachte, spricht aber auch für eine übertriebene Ehrerbietung, die im vermeintlichen Herzstück nicht die Achillesferse erkennen will.

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