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Wozu der Mensch fähig ist: Conctanze Becker als Medea.

© Berliner Festspiele/Hupfeld

Interview mit Constanze Becker: „Ich bin auch in Komödie nicht schlecht“

Als „Medea“ eröffnet sie heute das Theatertreffen: Schauspielerin Constanze Becker über alte Griechen, die Geldstadt Frankfurt und das hippe Berlin.

Sie übergoss sich mit einem Kanister Blut, setzte sich vor die Wand, trank ein Dosenbier und aß eine Stulle. So war Constanze Becker 2006 als Klytaimnestra am Deutschen Theater zu erleben. Eine stille Wucht. Und sobald sie den Mund öffnete: eine Urgewalt. Dass sie für die griechische Tragödie wie geschaffen sei, hatte man ihr schon auf der Schauspielschule bescheinigt, bis heute gilt das Schwere als Spezialität der 35-Jährigen. Fachgebiet: Schmerzensfrau. Seither hat sie mit Regisseur Michael Thalheimer die Antike weiter durchforstet. Als Iokaste in „Ödipus“, als Antigone des Sophokles. Allerdings am Schauspiel Frankfurt, wohin sie zur Spielzeit 2009/2010 mit Intendant Oliver Reese wechselte. Umso schöner, sie zur Eröffnung des Theatertreffens als Medea wiederzusehen.

Frau Becker, nervt es Sie eigentlich, als geborene Tragödin bezeichnet zu werden?
Ich habe mich daran gewöhnt. Das ist offenbar die Nische, die man für mich gefunden hat. Besser eine Nische zu haben als keine. Aber ehrlich gesagt weiß ich oft gar nicht, was die Leute unter Tragödin eigentlich verstehen. Manchmal lese ich auch, ich sei eine Heroine. Damit kann ich noch weniger anzufangen.

Geborene Komödiantin liest man jedenfalls selten.
Ich werde immer wieder gefragt: Wollen Sie nicht auch mal Komödie spielen? Dabei spiele ich sehr viele Komödien. Und ich bin darin, glaube ich, auch gar nicht schlecht (lächelt). Keine Ahnung, warum das permanent ignoriert wird.

Wären Sie lieber mit einer anderen Arbeit als „Medea“ zum Theatertreffen eingeladen worden?
Nein. Ich habe gerade keine Arbeit, von der ich sagen würde, damit muss ich zum Theatertreffen fahren. „Medea“ war schon etwas Besonderes, eine wichtige Arbeit für mich. Ob die Inszenierung mehr als andere eine Einladung verdient hat, kann ich nicht sagen. Dafür kenne ich mich zu wenig aus im Theaterklüngel.

Ihr Auftritt als Klytaimnestra in Michael Thalheimers „Orestie“ am Deutschen Theater gilt als Ihr großer Durchbruch. Haben Sie das selbst so erlebt?
Was die Aufmerksamkeit der Presse betrifft, war das schon ein Durchbruch. So eine Inszenierung erreicht in Berlin natürlich eine andere Resonanz als in der Provinz. Mein komplettes Theaterspielen hat sich deshalb aber nicht grundsätzlich verändert. Ich habe auch in Düsseldorf und Leipzig schöne Arbeiten gemacht.

Als Ihnen unlängst der Eysoldt-Ring verliehen wurde, hielt Thalheimer die Laudatio Er nannte Sie „La Becker“. Eine Ehre!
Ach, das war doch nur ein charmanter Spruch. Ein Spiel damit, wie wir uns begegnen, allerdings normalerweise auf Probebühnen oder in Kantinen, nicht im öffentlichen Raum. Ich möchte jetzt nicht sagen, wie ich ihn manchmal nenne!

Stimmt es, dass Ihnen Lob und Auszeichnungen generell eher unangenehm sind?
Nein. Der Rummel und die Erwartungen, die daran hängen, sind mir manchmal unangenehm. Ich weiß nicht, wen ich zur rechten Zeit wie anlächeln muss, ich bin nicht so gern ein öffentlicher Mensch. Außer, wenn ich auf der Bühne stehe. Es freut mich, wenn jemand meine Arbeit würdigt, natürlich. Aber ich brauche es nicht so oft, in einem vollen Saal dem Bürgermeister die Hände zu schütteln.

Ihre Medea ist eine Sensation, Sie lassen ihr Handeln absolut zwangsläufig erscheinen. War es ein langer Weg dahin?
Es war ein sehr kurzer Weg. Wir haben fünfeinhalb Wochen probiert, auch nur einmal am Tag. Ich hatte nie eine Arbeit, die so leicht war. Weil sie konzentriert verlief und frei von unnötigen Irrwegen. Uns war von vornherein klar, was wir suchen, wie wir uns der Geschichte annähern wollen. Es gab viel weniger Zweifel, als sonst bei Thalheimer-Arbeiten auch dabei sind.

Es war Ihr erklärter Anspruch, über die Medea nicht zu urteilen. Ist das denn überhaupt möglich?
Wenn ich mit Abstand auf das Tun dieser Figur schaue, natürlich nicht. Aber während des Spiels geht das. Durch die antike Form kommt einem das Stück entgegen, es ist wenig psychologisch, es geht kaum um Befindlichkeiten. Medea und Jason giften sich ja nicht in der Art heutiger Beziehungsquerelen an. Wir haben lange darüber geredet, wie man den Jason aus der Ecke des miesen Machos rausbekommt. Das fand ich ein schönes Bestreben. Im Falle von Medea ist es so oft so, dass die Figur als Opfer angenommen wird, gerade wenn Frauen das Stück inszenieren. Aber dass ein Mann sie schlecht behandelt, ist für uns nicht der Auslöser. Jedenfalls nicht der alleinige. Es geht um eine Verkettung von Abhängigkeiten und Schuld.

Hat es Einfluss auf Ihr Spiel dieser Kindsmörderin, dass Sie selbst Mutter sind?
Schwer zu sagen. Bei gewissen Sätzen beeinflusst es sicher die Bilder, die in einem aufsteigen. Wenn von weicher Haut oder einer kleinen Hand geredet wird, dann sieht man natürlich nichts Abstraktes vor sich, sondern die kleine Hand, die man kennt von zuhause. Vielleicht wird man dadurch noch angreifbarer im Schmerz. Ich glaube aber, ich wäre nicht wesentlich anders an die Figur herangegangen, wenn ich nicht Mutter wäre.

Warum Constanze Becker von Berlin nach Frankfurt/Main wechselte

Die Hauptrolle in "Medea" spielt Constanze Becker. Für die überragend Darstellung wurde sie im März mit dem Gertrud-Eysoldt-Ring ausgezeichnet. Das Foto zeigt sie als Jelena Andrejewna in "Onkel Wanja" am Deutschen Theater Berlin, 2008.

© dpa

Beim Schlussapplaus vor vollbesetztem Frankfurter Haus haben Sie erstaunlich entspannt gewirkt. Andere Schauspieler lassen sich nach so einem Kraftakt anmerken, wie schwer es ihnen fällt, die Rolle wieder loszuwerden.
Bei der Frau John, die ich in Thalheimers „Ratten“ am Deutschen Theater gespielt habe, fiel mir das auch schwer. Weil sich die Figur emotional viel mehr ausliefert. Medea nicht. Nach den Morden ist sie ja wieder sehr geführt in ihren Äußerungen und Emotionen. Das überträgt sich auf mich als Schauspielerin.

Was hat eigentlich den Ausschlag für Sie gegeben, von Berlin nach Frankfurt zu wechseln?
Das waren sehr viele Gründe. Ich wollte gern die Zusammenarbeit mit Oliver Reese fortsetzen, auch die mit Michael Thalheimer. Gut, das hätte ich auch am DT machen können. Ulrich Khuon sagte mir damals, er führe zwei sehr prominente Häuser zusammen. Das kann ein Reiz sein, aber ich fand es interessanter, bei Null anzufangen.

Sie sagten damals: „Das DT hat mich geprägt, jetzt ist es vielleicht an der Zeit, dass ich ein Theater präge.“ Ist das geglückt?
Das klingt so hochtrabend und anmaßend. Ich meinte damit ja nicht, dass hier das neue Constanze-Becker-Theater entsteht. Ich wollte ein Teil der Menschen sein, die etwas Neues aufbauen. Und das haben wir in vier Jahren geschafft.

Theater sind bekanntlich nicht die sozialsten Betriebe. Gelingt es Ihnen gut, Familie und Beruf zu vereinen?
Ja. Bisher ging das ganz gut. Mein Mann Oliver Kraushaar ist ja auch Schauspieler im Ensemble, abgesehen von kurzen Überschneidungsphasen wechseln wir uns mit den Produktionen ab. Natürlich haben wir ab und zu beide abends Vorstellung, aber dafür finden wir eine Lösung. Ich zähle auch nicht zu den Schauspielern, die sagen: Mein Kind darf nicht mit ins Theater. Verstehe ich gar nicht. Also sitzt das Kind eben manchmal in der Maske und sortiert Lockenwickler.

Ihre Rollenvielfalt scheint jedenfalls nicht zu leiden. In Moritz Rinkes „Wir lieben und wissen nichts“ überzeugen Sie sogar als Betrunkene. Mit das Schwerste, oder?
Nicht für mich. Ich habe schon als Kind gern betrunken gespielt, auf Dorffesten. Weil ich es lustig fand, wie erschrocken die Erwachsenen dann geguckt haben. Darin habe ich eine gewisse Übung.

Sie arbeiten auch mit René Pollesch. Der größtmögliche Kontrast zu einer Inszenierung wie „Medea“, oder?
Pollesch – das ist so ein Gehirndurchputzen zwischendurch. Man sitzt ja in den ersten fünf Wochen eigentlich nur am Tisch und redet über die Sachen. Die letzten zwei Wochen sind dann das Grauen, weil man den Text, der immer noch geändert wird, in seinen Kopf kriegen und gleichzeitig irgendwas dazu erfinden muss. Aber ich finde diese Art Theater sehr befreiend. Und es ist wirklich lustig, die Panik in den Augen der Kollegen zu sehen. Ah, der weiß gerade nicht, wo er ist. Ich auch nicht. Aber irgendwas mit Kapitalismus war’s.

Wie passend, das im Schatten der Europäischen Zentralbank zu spielen, die direkt gegenüber vom Schauspiel Frankfurt liegt.
Nicht mehr lange, die EZB zieht ja um. Aber natürlich hören wir oft seitens der Presse, wir sollten doch mehr Stellung beziehen. Stichwort Occupy. Aber das finde ich schwierig. Was wird da genau erwartet? Ein politisches Theater, das irgendetwas anprangert? Ich finde es eher wichtig, dass es gegenüber von diesen Bankentürmen die Alternative gibt, sich mit anderem zu beschäftigen.

Was ist spürbarer in Frankfurt: das Geld oder Goethe?
Für den außerhalb des Theaters Stehenden, der hier arbeitet, ist es bestimmt das Geld. Bei mir hoffentlich Goethe.

Zieht es Sie nach Berlin zurück?
Nein. Nach einer Weile werde ich meist berlinmüde, dann zieht es mich in die Provinz. Mir geht der Rummel in Berlin auf die Nerven, das ist mir alles zu hip und zu groß. Ich komme immer wieder gern zurück, aber ich brauche Pausen zwischendurch.

Das Gespräch führte Patrick Wildermann.

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