zum Hauptinhalt
Das Wiener Jeunesse Orchester musiziert bei Young Euro Classic.

© Mutesouvenir/Kai Bienert

Young Euro Classic: Wiener Jeunesse Orchester: Im Reich der Feen

Ein Wiener Orchester bei Young Euro Classic.

Fangen spielen zwischen klassizistischen Säulen, das Bild kommt einem schnell in den Sinn beim Young-Euro-Classic-Konzert mit dem Wiener Jeunesse Orchester. Die österreichischen Festivalgäste unter Leitung von Herbert Böck können beides ganz vorzüglich, die Leichtigkeit und das mühelose Abdriften durch alle Lagen, ebenso die Wucht eherner Akkordschichtungen.

Ihre Tutti haben mitunter die Anmutung eines Orgelregisters. Die erlesene, austariert harmonische Art, Schubert, Prokofjew und das 2. Violinkonzert des Wieners Kurt Schwertsik zu spielen, fügt sich kongenial zum Klassizismus des Konzerthauses mit seinen funkelnden Kronleuchtern und den hoch oben auf ihren Wandpilastern tänzelnden Statuen.

In den Geigen sitzt kein Mann, nur beim Blech

Die jungen Musikerinnen – ja, es sind weit überwiegend Frauen; in den ersten und zweiten Geigen sitzt kein einziger Mann, nur das Blech ist traditionell in Männerhand – pflegen eine exquisite Klangkultur, bei der sich jedes Auftrumpfen verbietet.

Hingetupfte Schlüsse schon bei Sergei Prokofjews „Symphonie classique“ zum Auftakt des Abends, Wiener Süße und feine Verhaltenheit auch bei Schuberts Unvollendeter: Wenn Klarinette, Oboe und Querflöte sich im Andante con moto die Melodien weiterreichen, tun sie es so behutsam, als handele es sich um zerbrechliche Kostbarkeiten.

Herbert Böck am Pult beharrt auf Präzision, lässt die Zügel aber auch mal schießen. Spätestens bei der Zugabe, der „Fledermaus“-Ouvertüre von Johann Strauss jun., sitzt auch ihm der Schalk im Nacken.

[Behalten Sie den Überblick über die Entwicklung in Ihrem Berliner Kiez. In unseren Tagesspiegel-Bezirksnewslettern berichten wir über Ihre Nachbarschaft. Kostenlos und kompakt: leute.tagesspiegel.de.]
Das dreisätzige Violinkonzert des heute 85-jährigen Schwertsik, der auch als ehemaliger Hornist der Wiener Symphoniker einen Namen hat, trägt den Titel „Albayzin und Sacromonte“; das im Jahr 2000 uraufgeführte Werk zeichnet sich ebenfalls durch raffinierten Humor aus.

Ein Ausflug nach Andalusien mit gestopften Trompeten, chromatischen Girlanden und apart verfremdeten Orientalismen: Die Schlagzeuger klatschen Flamenco-Rhythmen, die Alhambra lässt grüßen. Schwertsik, ein Stockhausen- Schüler, der sich später einem freundlichen Traditionalismus verschrieb, komponiert verwunschene Musik, sein Feenreich ist von Mischwesen bevölkert.

Virtuosität? Ein Kinderspiel

Daniel Auners beseelte, auch glutvolle Violine entführt auf der Stelle in allerhöchste Lagen, auch er ein Meister der Balance und der Mühelosigkeit. Virtuosität? Ein Kinderspiel. Bei der Kadenz fällt er sich mit kurzen Pizzicati selber ins Wort, am Schluss des Finalsatzes entfleucht er erneut himmelwärts.

Schön auch an diesem Abend, wie das Orchester zunehmend zu sich selbst findet. Bei Prokofjews Symphonie Nr. 1 zerfasert die Textur mitunter noch, wackelt die Intonation. Nichts mehr davon am Ende des zweistündigen Programms bei Prokofjews kurzer Suite zu seiner Oper „Die Liebe zu den drei Orangen“.

Die Musiker entfesseln die Elemente, mit stürmischen Winden, wahren Sturzbächen von rasanten Tonleitern und grotesk tapsigen Blechbläser-Passagen. Eine herrlich teuflische Raserei. Jetzt ist endgültig klar, dass das Orchester weit mehr vermag, als nur Kaffeehaus-Atmosphäre heraufzubeschwören wie bei der vergnüglichen Fritz-Kreisler-Zugabe zwischendrin mit Daniel Auner.

Zur Startseite

showPaywall:
false
isSubscriber:
true
isPaid:
showPaywallPiano:
false