Iris Hanikas Roman "Echos Kammern" : Fleck im Selfie

Ein Klang von Fremdheit und lauter literarische Querverweise und Spiegelungen: Iris Hanikas schön verspielter Roman „Echos Kammern“.

Anja Kümmel
Die Berliner Schriftstellerin Iris Hanika, 58
Die Berliner Schriftstellerin Iris Hanika, 58Foto: Villa Massimo/Alberto Novelli/Verlag

Wer bereits über Auschwitz geschrieben hat, dem bleibt nichts anderes übrig, als sich an New York heranzuwagen: „Als wären das die beiden Grenzpfosten, zwischen denen die deutsche Befindlichkeit sich spannt“. So flapsig formuliert es die nicht mehr ganz junge Schriftstellerin Sophonisbe, die schwer gejetlagt durch die Straßenschluchten von Manhattan streift, um dort Inspiration für ihr neues Buch zu finden.

Iris Hanika, 1962 in Würzburg geboren und seit Ende der siebziger Jahre in Berlin wohnhaft, kann sich den nonchalanten Tonfall ihres literarischen Alter Egos leisten, hat sie doch selbst vor bereits zehn Jahren mit „Das Eigentliche“ auf gelungene Weise ihre Sicht auf die deutsche Vergangenheitsbewältigung vorgelegt. Ihr jüngster Roman „Echos Kammern“ (Droschl, Graz 2020, 240 Seiten, 22 €.) springt nun munter hin und her zwischen New York und Berlin und den zwei komplementären Hauptfiguren, der nomadischen Lyrikerin Sophonisbe und der erfolgreichen Ratgeber-Autorin Roxane.

Dabei durchziehen Querverweise, Spiegelungen und Echos aus den Asservatenkammern der Hoch- und Popkultur dieses Werk. Rilke, Goethe oder John Dos Passos’ „Manhattan Transfer“, natürlich Ovids „Metamorphosen“, speziell die Geschichte rund um den schönen Jüngling Narziss und die Nymphe Echo. Doch nicht nur literarische Klassiker und antike Mythen unterfüttern den Plot, auch Beyoncé, „die aktuelle Königin der Popmusik“, hat einen impliziten Auftritt.

Erst New York nehmen, dann Charlottenburg

Auf deren Soiree nämlich im ehemals versifften, heute kaum mehr bezahlbaren Tribeca begegnet Sophonisbe ihrem persönlichen Narziss, einem jungen Mann mit jüdischen Wurzeln und überaus schönen Gesichtszügen, der an einer Doktorarbeit über die ukrainische Nationalbewegung im 19. Jahrhundert schreibt.

Sophonisbe ist fasziniert und abgestoßen zugleich: So diszipliniert und zuvorkommend dieser Josh wirkt, so leer wirkt er, wenn ihm gerade keine Aufgabe obliegt. An einer Stelle wird er gar als „schwarzes Loch“ bezeichnet: „Ich kann alles in ihn hineinwerfen, es kommt nichts zurück.“ Kurz gesagt lässt Hanika an ihm all ihre wenig schmeichelhaften Reflexionen über Millennials, deren naive Selbstoptimierungsstrategien und Technologie-Ergebenheit aus, die bereits ihre vorigen Werke prägten.

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Ist es verwunderlich, oder vielmehr konsequent, dass sich im zweiten Romanteil, der uns schnurstracks nach Berlin führt, die Mittfünfzigerin Roxane, in deren Charlottenburger Wohnung Sophonisbe unterkommt, in den jungen Mann verguckt? Nicht nur trennt sie ein Vierteljahrhundert, auch wird schnell klar, dass zwischen Roxane und Josh kein wirkliches Gespräch zustande kommen kann – eine Ironie am Rande, da Roxane aktuell an einem Kommunikations-Ratgeber mit dem Arbeitstitel „communicado, incommunicado“ schreibt.

Aber nun ja – Joshs innere Leere lässt immerhin viel Raum für eigene Fantasien. „Dass du dich auf ihn projizierst und darum in Wirklichkeit gar nicht ihn siehst, wenn du ihn anschaust, sondern dich“, bemerkt Sophonisbe treffend, was nicht nur die Geschlechterverhältnisse des griechischen Mythos verkehrt, sondern letztendlich auch Roxane/Sophonisbe als wahre Narzisstinnen offenbart.

So weit, so gut. „Echos Kammern“ ist unterhaltsam, zeitgeistig und intellektuell stimulierend, mit genau der richtigen Prise Humor, um nicht übermäßig belehrend zu wirken.

Die Fülle der Themen wie Gentrifizierung, Älterwerden, (Miss-)Kommunikation, Technologiekritik sowie der Metaphern, die das Buch bedeutungsschwanger durchziehen (Spiegel, allen voran), strengt auf Dauer allerdings an, da sie nur angeschnitten, selten aber vertieft werden.

Hanika schreibt auch in einer gebrochenen Kunstsprache

Beim Flanieren durch Manhattan respektive Kreuzberg gelingen Roxane/Sophonisbe immer wieder pointierte Bemerkungen über die Verwüstungen des Geldes („Ein renovierter Slum ist nun aber genau die Art von Coolness, die die Reichen mögen“) oder soziale Vereinzelung, etwa wenn sie die immer gleichen digitalen Bohemiens, die in den immer gleichen Coffeeshops auf ihre Bildschirme starren, als „asoziale Plastik“ beschreibt. Letztendlich aber gehen diese Betrachtungen selten übers Kolumnenhafte hinaus, während der Plot eher unentschlossen vor sich hinmäandert.

Bemerkenswert sind indes Sophonisbes Experimente mit einer von ihr erfundenen Kunstsprache, die das Gefühl ausdrücken soll, „aus freiem Entschluss eine Fremde geworden zu sein“, und sich zum Beispiel so anhört: „Ich kann vermitteln realistische Bild von mein Aufenthalt: dort ich habe gesprochen falsch und mit Akzent – wenn ich habe gesprochen überhaupt“.

Das erinnert ein wenig an Tomer Gardis „Broken German“, auch an lyrische Experimente mit digitalen Übersetzungsprogrammen, wie sie etwa Hannes Bajohr vornimmt. In Einsprengseln rettet Hanika diese gebrochene Kunstsprache in den zweiten Romanteil hinüber, wo sie nicht mehr für Sophonisbes Fremdsein in den USA, sondern vielmehr für Roxanas durcheinandergerüttelte Wahrnehmung im (Neu-)Land der Liebe steht – hier allerdings verliert das Experiment zunehmend an Reiz, da es nicht konsequent durchgezogen wird.

Unklar bleibt ferner, ob es der Rollenprosa oder aber den blinden Flecken der Autorin geschuldet ist, wie sehr die Erzählstimmen in ihren je eigenen Echokammern gefangen wirken. Anstatt sich der Verhältnisse, die sie stören, anzunehmen, ziehen sie sich zurück in ihre Schneckenhäuser aus Kulturpessimismus, Romantik und Mythologie. Hier hätte man sich eine gewisse Offenheit und, wenn schon nicht Veränderungswillen, wenigstens produktive Kritik gewünscht.

Erfrischend immerhin, dass Roxane, die eben noch Spiegel als „Geißel der Menschheit“ bezeichnete, sich ihren Liebeswahn ausgerechnet dadurch auszutreiben versucht, dass sie an allen Orten Manhattans, an denen Josh mit Sophonisbe war, Selfies davon macht, „wie blöd und hässlich“ sie aussieht. Etwas mehr (selbst-)ironische Brechungen dieser Art hätten dem Roman gutgetan.

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