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Später Ruhm. Irmgard Keun 1981 bei den Dreharbeiten zur Verfilmung ihres Exilromans „Nach Mitternacht“. Bald darauf starb sie im Alter von 77 Jahren.

© Picture Alliance/dpa

Tagesspiegel Plus

Irmgard Keun in der NS-Zeit: Sie wollte schreiben, was wahr ist – also verließ sie Deutschland

Irmgard Keun ist berühmt für ihren Berlin-Roman „Das kunstseidene Mädchen“. Neue Briefe erzählen von ihrem Versteckspiel im NS-Staat und der Flucht ins Exil.

Weihnachten ist eine Katastrophe, ein „Dreck“. Den Heiligabend des Jahres 1931 verbringt Doris, die Heldin von Irmgard Keuns Roman „Das kunstseidene Mädchen“, einsam und wütend in einem Berliner Lokal, weil sie von dem Mann, auf den sie gewartet hat, sitzengelassen wurde. Die Gedanken, die ihr durch den Kopf schießen, sind kleine stachelige Aphorismen. „Von Schnee werden Menschen betrunken. Richtig betrunken wie vom Wein. Betrunken sein ist das einzige Mittel für nicht alt zu sein.“ Doris ist erst 18, fürchtet sich aber vor dem Älterwerden. „Viele Jahre kriechen auf mich zu.“

„Ich will so ein Glanz werden, der oben ist.“ Mit diesem Vorsatz war Doris aus einer Stadt am Rhein – unverkennbar Köln, obwohl der Name nicht genannt wird – nach Berlin aufgebrochen. Anfangs kommt sie aus dem Staunen nicht mehr heraus: „Der Westen ist vornehm mit hochprozentigem Licht – wie fabelhafte Steine ganz teuer und mit gestempelter Einfassung. Wir haben hier ganz übermäßige Lichtreklame. Um mich war ein Gefunkel.“ Sie genießt das Leben, hat Affären mit vielen Männern, tanzt in Swing-Palästen, feiert im „Haus Vaterland“, einem Vergnügungspalast am Potsdamer Platz. Aber dann verliert sie ihre Arbeit als Stenotypistin, weil sie die Zudringlichkeit ihres Chefs zurückweist. Am Ende übernachtet Doris auf Parkbänken. Ein Glanz wird sie nicht.

Übertriebene Anerkennung muss man meistens teuer bezahlen.

Imgard Keun

Für Irmgard Keun gilt das nicht. Die Schriftstellerin, die wie ihre Protagonistin aus Köln nach Berlin gezogen war, ist bis heute für „Das kunstseidene Mädchen“ berühmt. Der Roman war ein Bestseller, gehörte 1932 zu den meistverkauften Büchern in Deutschland. Bekannt geworden war Keun schon ein Jahr zuvor mit ihrem noch in Köln spielenden Debütroman „Gilgi, eine von uns“. Kurt Tucholsky lobte in der „Weltbühne“ die „Kleinmädchen-Ironie“ und „sehr gute Beobachtungen von der Straße“ und befand: „Hier ist ein Talent“. Eine „Gilgi“-Verfilmung kam 1932 in die Kinos, mit „Metropolis“-Star Brigitte Helm in der Hauptrolle.

Allerdings endet Keuns Höhenflug schon 1933 wieder. Die Nationalsozialisten, die ihre Bücher für „Asphaltliteratur mit antideutscher Tendenz“ halten, verhängen gegen sie ein Berufsverbot. Bei der „Säuberung der Volksbüchereien“ werden ihre Romane beschlagnahmt und teilweise vernichtet. Ihr Roman „Der Ernährer“ über den Niedergang einer Familie, den sie im Sommer 1933 abschließt, kann nicht mehr erscheinen. Das Manuskript ist bis heute verschollen.

Keun hat kein Archiv hinterlassen und kaum Geschriebenes aufbewahrt, das macht die Beschäftigung mit ihrer Biografie zu einer detektivischen Aufgabe. Doch jetzt sind Briefe aufgetaucht, aus denen hervorgeht, wie die Schriftstellerin versucht, sich nach Hitlers Machtantritt über Wasser zu halten. Sie scheitert dabei, geht ins Exil nach Belgien und Frankreich, lebt anderthalb Jahre mit Joseph Roth zusammen, taucht nach dem Einmarsch der Wehrmacht unter und kehrt unter abenteuerlichen Umständen und mit einem falschem Namen nach Deutschland zurück. „Man lebt von einem Tag zum andern“ lautet lapidar der Titel des Briefbandes, herausgegeben vom Germanisten und Kulturhistoriker Michael Bienert. Das Kernstück ist Keuns Korrespondenz mit dem Schriftsteller Franz Hammer, der aus seinem Nachlass in der Berliner Akademie der Künste stammt.

Protz und Prunk im Neuen Westen. Blick auf die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Dort wurde Keun 1905 getauft.

© Foto: mauritius images / Alamy / Shim

„Übertriebene Anerkennung muss man meistens teuer bezahlen“, schreibt Keun im Sommer 1935 an den drei Jahre jüngeren Autor, der sie um ein Exemplar von „Das kunstseidene Mädchen“ gebeten hatte. Sie lebt wieder in Köln, besitzt kein Buch mehr, das sie ihm schicken könnte, und will vom „Erfolgsrummel“ ihrer Berliner Zeit nichts mehr wissen. „Damals habe ich furchtbar viel Geld verdient – und bin fast kaum mehr zum Arbeiten gekommen.“ Nun ist es umgekehrt, sie schreibt viel, bekommt aber nur magere Honorare. Gebrochene Biografien haben beide. Der Arbeiterschriftsteller Hammer, der sich ihr als Mitarbeiter der „Weltbühne“ und Freund Tucholskys vorgestellt hatte, war 1933 in „Schutzhaft“ genommen worden und steht unter Beobachtung der Gestapo.

Keun spricht von „kameradschaftlichen Gefühlen“ für Hammer und flirtet trotzdem mit ihm. Obwohl sie verfemt ist, gelingt es ihr, Kurzgeschichten in der „Frankfurter Zeitung“ oder in „Velhagen und Klasings Monatsheften“ unterzubringen. Humoristische Gelegenheitsprosa, bei der sie es schafft, sich nicht bei der Blut-und-Boden-Ideologie der Nazis anzubiedern. „Von Scholle und dampfenden Pferdeäpfeln und anderen Konjunkturgegenständen braucht man da garnicht zu schreiben“, empfiehlt sie Hammer, für den sie sich in den Redaktionen einsetzen will, um ihm Publikationsmöglichkeiten zu verschaffen.

Keuns Unbekümmertheit bringt sie in die Bredouille. Texte veröffentlichen dürfen im NS-Staat nur Mitglieder des Reichsverbands Deutscher Schriftsteller, der ihre Aufnahme ablehnt. Wegen der Pressetexte, die sie mit ihrem Namen signiert hat, werden Ermittlungen eingeleitet, ihr droht eine Geldstrafe. „Ich bin rein arisch und es kotzt mich an“, empört sie sich. Nachdem ein Einigungsversuch gescheitert ist, verlässt sie Deutschland. Sie will schreiben, „was wahr ist“ und sich „Gehör verschaffen, solange man lebt“. 1937 wird ihr Buch „Nach Mitternacht“ – sie nennt es einen „richtigen Anti-Nazi-Roman“ – im Amsterdamer Exilverlag Querido erscheinen.

Ich hänge verbissen an einem Leben, das kommt – ohne Krieg und Flieger, und ich verspreche mir viel davon.

Irmgard Keun

Mit Keun, sagt Michael Bienert, könne man „viel Zeit verbringen, ohne dass es langweilig wird“. Neben dem Briefband hat er auch ein üppig bebildertes Buch veröffentlicht, das ihren Spuren in Berlin nachgeht. Langweilig ist Keun schon deshalb nicht, weil sie, so Bienert, gerne „Nebelkerzen hochgehen ließ“. Keuns Auskünften ist nicht immer zu trauen. Sie liebte das Geschichtenerzählen, ließ manche Details ihres Lebens gern im Dunklen, andere schmückte sie immer weiter aus.

So machte Keun sich im Briefwechsel mit Hammer vier Jahre jünger und malte ihre finanzielle Lage schwärzer, als sie wirklich war. Sie konnte zwar vom Schreiben nicht mehr leben, wurde aber von ihrem Ehemann, dem Schriftsteller Johannes Tralow, und ihrem Geliebten, dem aus Berlin in die USA geflohenen jüdischen Arzt Arnold Strauss, unterstützt. Von Tralow wurde sie 1937 geschieden, 1938 besuchte sie Strauss, kehrte aber nach acht Wochen zurück nach Europa. An einem Leben als Arztgattin in Virginia war sie nicht interessiert.

Der Krieg zermürbt sie

Anders als ihr Brieffreund Franz Hammer entstammte Irmgard Keun nicht dem Proletariat. Ihr Geburtshaus an der Meinekestraße 6 in Berlin, ein prachtvolles, mit Märchen-Fresken geschmücktes Gebäude, steht noch. „Damals gehörte die Gegend zu den reichsten in Deutschland“, sagt Michael Bienert bei einem Rundgang. Keuns Vater arbeitete als Kaufmann in einer Importfirma und stieg in Köln zum Teilhaber einer Benzinraffinerie auf.

Bienert veranstaltet auch Keun-Stadtspaziergänge. Der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, in der Keun 1905 getauft wurde, wirft Doris im „Kunstseidenen Mädchen“ vor, dass sie „eigentlich lügt“. „Aber sie hat eine Bedeutung und Tilli sagt, sie hält den Verkehr auf.“ Die meisten Schauplätze des Buches sind längst verschwunden, wie das Romanische Café an der Gedächtniskirche oder das Haus Vaterland am Potsdamer Platz, der größte Vergnügungspalast der Stadt, in dem bis zu 8000 Gäste gleichzeitig bewirtet werden konnten. Doris amüsiert sich dort eher nicht. Sie klagt über die Kleider der Mädchen, die „nicht bezahlt“ aussehen und Männer, die sich den Wein „gar nicht leisten können“ und fragt: „Wo ist denn mein helles Berlin?“,

Als Keun 1940 nach Deutschland zurückkehrte, nannte sie sich Charlotte Tralow. Die britische Zeitung „Daily Telegraph“ hatte fälschlicherweise ihren Selbstmord gemeldet, das half ihr unterzutauchen. Sie pendelt zwischen Köln und dem Weinörtchen Moselkern, wo sie sich schon früher zum Schreiben in eine Pension zurückgezogen hatte. „Dauernd ist Alarm, dauernd kommen Tiefflieger“, schreibt sie im Herbst 1944 einer Freundin. „Züge, Autos und Rheinkähne werden immerzu beschossen. Es ist kaum noch zu zählen, wie oft man am Tag in den Keller rennt.“

Der Krieg zermürbt die Schriftstellerin, aber sie will sich nicht unterkriegen lassen. „Ich glaube, ich habe noch nie so am Leben gehangen“, stellt sie fest, vielleicht auch, um sich Mut zu machen. „Ich hänge verbissen an einem Leben, das kommt – ohne Krieg und Flieger, und ich verspreche mir viel davon.“ An den Erfolg ihrer beiden ersten Romane kann Keun nach dem Krieg nicht mehr anknüpfen, aber bevor sie 1982 in Köln stirbt, erlebt sie noch, wie ihr Werk wiederentdeckt wird. Einen letzten, floskelhaften Brief an Hammer, der später als Lektor und Dramaturg in der DDR arbeitete, hat sie 1946 geschrieben. Leibhaftig begegnet sind sie einander nie.

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