Jan Lisiecki in der Philharmonie : Chopin-Träumereien am rauschenden Bach

Zeit der Empfindsamkeit: Pianist Jan Lisiecki begeistert mit dem Royal Philharmonic Orchestra in der Philharmonie.

Neuer Meister. Der 1995 geborene Kanadier Jan Lisiecki.
Neuer Meister. Der 1995 geborene Kanadier Jan Lisiecki.Fotos: Universal

Jan Lisiecki ist einfach fantastisch. Und was fast sogar noch besser ist: Er ist dabei auch noch fantastisch einfach. Denn der kanadische Pianist stellt sich bei seinen Auftritten nicht in den Vordergrund. Stets strebt er danach, den Komponisten, die er spielt, möglichst nahe zu kommen, die Seele der Stücke zu ergründen.

Dazu passt, dass die Fotografie sein Hobby ist. Mit offenen Augen durch die Stadt zu streifen, seine Umwelt bewusst wahrzunehmen, das hilft dem 23-Jährigen auch bei seinen Interpretationen. Indem er die Werke nicht als Solitäre betrachtet, sondern auch das musikgeschichtliche Drumherum anschaut, sie in den geistigen Kontext ihrer Entstehungszeit einordnet. Erst im Dezember hat er in Berlin alle Klavierkonzerte von Beethoven gespielt – und dabei das Klangbild absolut überzeugend aus der Tradition entwickelt, in der sie entstanden sind, also aus dem Geiste Mozarts. Wo Beethoven allerdings von den Konventionen seiner Zeit abweicht, vermochte Jan Lisiecki das für den Hörer akustisch nachvollziehbar zu machen. Eine reife Leistung.

Flink flitzende Finger

Am Dienstag nun spielt er beim Berlin-Gastspiel mit dem Royal Philharmonic Orchestra in der Philharmonie Chopins 2. Klavierkonzert – und entführt seine Zuhörer in eine ganz andere Welt, nämlich in die Zeit der Empfindsamkeit. Mit einer tollen dramatischen Geste steigt Jan Lisiecki spektakulär in das Stück ein, macht den Kopfsatz aber nicht zum Egotrip, sondern nimmt sofort gedanklich Kontakt zu seinen Mitmusikern und -musikerinnen auf. Ja, fast scheint es, als ob ihn die Entwicklungen im Orchester erst inspirieren zu seinem eigenen Spiel, das immer wieder wie eine spontane Improvisation wirkt, geboren aus der Atmosphäre des Augenblicks, als fantaisie romantique von höchster Virtuosität.

Im anschließenden Larghetto wird der Pianist zum zartfühlenden Jüngling, der seinem übervollen Herzen erst durch die vielen, in den Melodiefluss eingestreuten Trillern Luft macht, im Mittelteil dann pathetisch leidet wie ein junger Werther, um schließlich sanft seufzend in die Sphären seines Liebestraums zurückzugleiten. Ein melancholischer Schatten hängt darum über dem Finale, dessen hüpfendes Thema unter Jan Lisieckis faszinierend flink flitzenden Fingern klingt, als zwinge sich hier ein emotional Verwundeter zur Heiterkeit, zum Lächeln unter Tränen.

Mit dem 1986 geborenen Lionel Bringuier steht Jan Lisiecki ein Dirigent aus seiner Generation zur Seite. Als sensibler Begleiter des Solisten kann der Franzose überzeugen, der erst einmal in Berlin zu erleben war, 2013 nämlich, als er bei einer Tournee für den Musikchef des Zürcher Tonhalleorchesters David Zinman einsprang, dessen Nachfolger er kurze Zeit später wurde.

Die sinfonischen Stücke geraten zu geradlinig

Bei den beiden sinfonischen Stücken, die Bringuier am Dienstag mit dem Royal Philharmonic Orchestra anbietet, geht er sehr geradlinig und zielstrebig zu Werke. Festlich entfaltet sich die Ouvertüre zu Otto Nicolais „Die lustigen Weiber von Windsor“, doch von dem buffonesk Gewitzten, dem Augenzwinkernden, das eben auch zur deutschen Spieloper gehört, ist wenig zu spüren. Nicht mehr als oberflächlichen Glanz bietet auch Rimski-Korsakows „Scheherazade“, weil sich der Dirigent hier ausschließlich auf die jeweils führende Stimme fixiert. Leider denken auch die Londoner zu hierarchisch, jede Stimmgruppe gibt alles, wenn sie dran ist, und duckt sich sonst weg. Die schillernde Üppigkeit und das betörende Parfum dieser Tondichtung können sich aber nur dann entfalten, wenn auch der Spieler der scheinbar läppischsten Begleitfigur seinen Teil zum Ganzen beiträgt. Weil Lionel Bringuier das aber nicht zu vermitteln weiß, fehlt es den von Konzertmeister Duncan Riddell mit süffigem Violinton angeführten Scheherazade-Erzählungen an Tiefe, an Binnenspannung, bleibt es bei einer Aneinanderreihung von schönen Momenten aus 1001 Nacht.

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