Julian Nida-Rümelin über Künstliche Intelligenz : Konkurrenz für unsere Dummheit

Für Julian Nida-Rümelin ist die Kränkung des Menschen durch Künstliche Intelligenz eine Schimäre.

Marius Meller
Menschenblicke, Kamerablicke: Szene von der Pekinger Sicherheitskonferenz im Oktober 2018.
Menschenblicke, Kamerablicke: Szene von der Pekinger Sicherheitskonferenz im Oktober 2018.Foto: Thomas Peter/Reuters

Es wird höchste Zeit für eine neue Kränkung der Menschheit. Nach Sigmund Freud erfuhren die Menschen bisher drei narzisstische Kränkungen: Erstens ist die Erde nicht das Zentrum des Kosmos, zweitens hat sich der Mensch aus dem Tierreich entwickelt und ist keine originelle, gesegnete Kreation Gottes, und drittens ist der Mensch nicht Herr im Haus seiner Seele, sondern wird durch das Unbewusste kaum kontrollierbar hin- und hergeworfen.

Nun soll eine neue Technologie hinzukommen, die sogenannte Künstliche Intelligenz (KI), die kognitive Fähigkeiten des Menschen zunächst nachahmt, vielleicht einmal vollständig ersetzt. Aber nicht nur die Kränkung, dass die geistigen Möglichkeiten des Menschen durch eine Maschine simuliert werden können, steht ins Haus, sondern auch eine breit angekündigte gesellschaftliche Umwälzung, die in der Bundesrepublik mit dem Lockwort „Industrie 4.0“ angepriesen wird. 15 bis 25 Millionen Arbeitsplätze sollen in den nächsten 20 Jahren durch automatisierte Produktionstechniken überflüssig werden. Neben positiv denkenden Utopisten denken deshalb neuerdings sogar bürgerliche Parteien öffentlich über ein „bedingungsloses Grundeinkommen“ öffentlich nach.

Philosophischer Humanismus fürs digitale Zeitalter

Der Philosoph und ehemalige Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin hat mit seiner Frau, der Kulturwissenschaftlerin Nathalie Weidenfeld, nun zur Kritik, Prognose und Moderation dieser Entwicklung einen Essay mit dem selbstbewussten Titel „Digitaler Humanismus“ vorgelegt. Sein Gegenstand ist die Überführung des bewährten philosophischen Humanismus in die avancierte Welt des Digitalen - und das in einer neu-realistischen Version. An meist überzeugenden Beispielen aus der Science-Fiction- und Filmliteratur werden die einschlägigen Probleme der Philosophie des Digitalen eingeführt, analysiert und ethisch beurteilt. Etwa das Verhältnis zwischen Geist und Körper, das daraufhin befragt wird, ob es der Dichotomie von Hard- und Software entspricht.

Tröstlich am Digitalen Humanismus ist die Unhintergehbarkeit des Menschen durch jede noch so raffinierte Simulation. Die Kränkung ist im Grunde überflüssig, wenn man einsieht, dass es sich nur um die immer noch ziemlich ungeschickte Nachahmung von Kommunikationsvorgängen handelt. In zwei Fällen experimentieren die Autoren mit KI-Maschinen – die Ergebnisse sind unfreiwillig komisch bis grotesk. Die sogenannte „starke KI-These“, derzufolge komplexe Softwarestrukturen einmal von sich aus so etwas wie Bewusstsein ausbilden, hält Nida-Rümelin für eine alberne Projektion der prometheischen Fantasie des Menschen.

"Fake-News" als Schwundstufe der Postmoderne

Grundiert ist diese Spielart des Humanismus von Nida-Rümelins speziellem Realismusbegriff. In einem Manifest hat er diesen „unaufgeregten Realismus“ als die Summe seiner philosophischen Überlegungen vor einigen Monaten veröffentlicht. Vor allem gegen die Postmoderne, aber auch gegen die traditionellen Disziplinen der Erkenntnis- und Wahrheitstheorie ist dieses Manifest gerichtet. Es plädiert für einen pragmatischen, lebensweltlichen Realitätsbegriff, der unangekränkelt ist von allen Subtilitäten der idealistischen Transzendentalphilosophie oder von den umstürzlerischen Behauptungen der Konstruktivisten in Anschluss an Wittgensteins und Gödels logische Analysen. Tatsachen seien unhintergehbar wie auch die zweiwertige Aussagenlogik. Gäbe man Logik oder Tatsachenbegriffe auf, so Nida-Rümelin, ende man in der theoretischen „Psychose“. Die Heisenbergsche Unschärferelation wird etwa erkenntniskritisch neutralisiert, in der Hoffnung auf Lösung auch des Welle-Teilchen-Problems in einer Zukunft, die über bessere Messgeräte und kreativere Theorien verfügt. Das Entweder-Oder gilt nach Nida-Rümelin ewig. Aber auch die Verwirrung, die die postmodernen Philosophen in die Lebenswelt injiziert hätten, und deren Schwundstufen nun all die „alternative facts“ und „fake news“ sind, die auf höchster politischer Ebene salonfähig geworden sind, könne man leicht durch eine Art Sprung zurück in die Tatsachen entzaubern und entschärfen.

Wenn Nida-Rümelins Digitaler Humanismus aus dieser neorealistischen Perspektive so einfach und ohne große theoretische Bemühung mit den Bedrohlichkeiten der Virtualität zurechtkommt, möchte man ihm gerne folgen. Man kann ihm auch mehr oder weniger erleichtert darin folgen, dass unsere Lebenswelt auf einem Realitätsverständnis beruhen sollte, das selbst begründete Zweifel an der Freiheit des Menschen, Tatsachenkonstitution und Wahrheitsbildung zugunsten unserer Verständigung und dem Funktionieren der gesellschaftlichen Institutionen relativiert oder zurückstellt.

Nida-Rümelin riskiert Errungenschaften der Denkgeschichte

Man kann Nida-Rümelin nichts platt Reduktionistisches oder gar Falsches nachsagen. Aber geht nicht durch seinen „umfassenden Realismus“, der umfassend ist, weil er die mannigfaltigen Zweifel der Philosophietradition „ernst nimmt“, nicht doch etwas überaus Wertvolles der Denkgeschichte verloren, nämlich die beharrliche „Hinterfragung“ (Nietzsche) der Selbstverständlichkeiten und damit die Horizonterweiterung in Richtung des Subtilen und damit auch des Erhabenen? Leben asiatische Kulturen nicht schon Jahrtausende mit komplett anderen Logiken und Wahrheitsbegriffen, ohne deshalb auf Jurisdiktion, Wahrhaftigkeit und geglückte Kommunikation zu verzichten? Sollen wir wirklich angesichts Jahrhunderten westlicher Kritik rituell immer wieder zurück zu Parmenides und seinem Satz vom ausgeschlossenen Dritten zurückkehren?

Nida-Rümelins/Weidenfelds Ethik ist in der Debatte um die Digitalisierung wertvoll und rechtschaffen. Es bleibt die Frage, ob Nida-Rümelin die Komplexität unserer philosophischen Tradition letztlich doch viel zu rabiat beschneidet, sodass die quasireligiösen Ideologen des Virtuellen, die Nida-Rümelin zu Recht bekämpft, irgendwann einmal beginnen werden, selbstbewusst mit Kant zu argumentieren, während der realistische Philosoph diesen schon als verkappten Konstruktivisten voreilig zum alten Eisen der Theorie gelegt hat? Den Weg der Wahrheit rückwärts zu gehen, verspricht vergangene Zustände von Klarheit. Ungefährlicher als der Weg voran ist er nicht.

Julian Nida-Rümelin, Nathalie Weidenfeld: Digitaler Humanismus. Eine Ethik für das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz. Piper, München 2018. 220 Seiten, 24 €.

Julian Nida-Rümelin: Unaufgeregter Realismus. Eine philosophische Streitschrift. Mentis Verlag, Paderborn 2018. 141 S., 19,90 €.

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