Kent Nagano : Wie ein beglückender Besuch im Museum

Abend mit Gelinggarantie: Kent Nagano spielt Schubert, Mendelssohn und Mozart mit dem DSO in der Philharmonie.

Spektakulär. Maestro Kent Nagano.
Spektakulär. Maestro Kent Nagano.Foto: Christian Charisius/dpa

Schmal ist Kent Nagano geworden, eine fast ätherische Figur. Der ehemalige Chef- und derzeitige Ehrendirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters gibt in der Philharmonie eines seiner regelmäßigen Welcome-back-Konzerte, und er lässt Musik spielen, die in sehr ansprechender Weise die Jahrzehnte um 1800 umgreift – Schuberts „Italienische“ Ouvertüre, ein Klavierkonzert von Mozart und Mendelssohns „Italienische“ Symphonie. Es ist ein Abend mit Gelinggarantie, ein hübsch tönendes Klassik-Museum, geeignet, sich kurz mal wieder über den Kanon und die Musik im Allgemeinen zu verständigen.

Denn leider hat dieser Abend ja auch seine Mühen, es sind indessen hoch aufgehängte, schwierig zu greifende, die vor allem mit dem Repertoire zu tun haben und den Gepflogenheiten, auf die es zeigt. Schuberts Ouvertüre etwa, deren Sonderbarkeit Nagano in aller Ruhe ausstellt, ist weder Fisch noch Fleisch, weder frischer Franzl noch schwerblütige italienische Oper, schon gar nicht Belcanto-Amusement.

Kunstvoll kompakt

Wer an die ausgereifte Musiksprache von Schuberts Liedœuvre denkt, an seine Kammermusik und Symphonik, wird dieses Experiment einer Idiom-Aneignung ohnehin befremdlich, ja eigenartig parfümiert finden. Hinzu kommt, dass Nagano bereits den ersten Akkordzügen der Ouvertüre Zähigkeit und Druck gibt und den seinerzeit eben 20-jährigen Komponisten auch im Weiteren nicht errettet, sondern sich stattdessen gefallen lässt, was dieser so bietet an musikalischer Sprachverwirrung, einschließlich der Kadenzanläufe gegen Ende, die wiederum tönen wie die Schlussmauern einer dicken klassischen Symphonie.

In ein anderes Extrem treibt Mozarts Konzert G-Dur von 1784 mit Emanuel Ax am Klavier. Hier führt das Orchester jenen Reigen von Konventionen vor, den die Aufführungsgeschichte fabriziert hat, mit munter stampfenden Alberti-Bässen, unzähligen Schwer-leicht-Abphrasierungen und angesprungenen Vorhaltstönen, die sich immer freundlich lösen. Das klingt nun bloß nach Mozart, wie er leibt und lebt. Derweil zeigt Emanuel Ax im Andante dieses Konzerts (mit klarem, kühlem Zugriff, noch die Zugabe der Schumann-Arabeske op. 18 wird er nie ins Verträumte abrutschen lassen), wie neu selbst einfache Melodiegebilde klingen können, wenn man nicht gleich nach der ersten Interpretationslösung greift.

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Bleibt Mendelssohns „Italienische“ Symphonie. Spektakulär! Kunstvoll kompakt schon in der kompositorischen Anlage der Sätze, wunderbar mit Nagano am Pult. Ein herrlich verschrabbeltes Allegro vivace. Düster ziehendes Holz im Andante con moto, bezaubernde Lilliput-Fanfaren im Horn im dritten Satz. Und ein „Saltarello“, der, wie sich’s gehört, immer scharf an der Kante zum Auseinanderfliegen operiert.

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