Kinderopernhäuser in Berlin : Musiktheater für alle

Der erste Kontakt zur klassischen Musik: Wie sich die Staatoper Unter den Linden mit ihrem Kinderprogramm um das Publikum von morgen bemüht.

Hans Ackermann
Szene aus „Die Liebe zu den drei Orangen“ mit Daniel Arnaldos (Prinz) und dem Ensemble des Kinderopernhauses Unter den Linden.
Szene aus „Die Liebe zu den drei Orangen“ mit Daniel Arnaldos (Prinz) und dem Ensemble des Kinderopernhauses Unter den Linden.Foto: Pascal Bünning

„Alle werden weitermachen.“ Matthias Schulz, der Intendant der Berliner Staatsoper, freut sich über die rund 200 Kinder, die an den vier Kinderopernhäuser in Berlin auch in der nächsten Spielzeit wieder dabei sein werden. „Finta mit Finten“ lautet dann das Motto. Frei nach Mozarts Oper „La finta semplice“, die sich die Kinder in einer eigenen Fassung erarbeiten werden, unterstützt von einem guten Dutzend Mitarbeitern der Staatsoper. In etwa einem Jahr wird dann an den verschiedenen Standorten Premiere gefeiert: Unter den Linden sowie in den Kinderopernhäusern Lichtenberg, Marzahn und Reinickendorf.

„Die Kinderopernhäuser sind für uns eine gigantische Vernetzung in die Stadt hinein, eine Möglichkeit, niederschwellig Kinder und Jugendliche mit dem Musiktheater in Verbindung zu bringen“, erklärt Schulz den Grundgedanken, der im Kinderopernhaus Lichtenberg schon vor zehn Jahren zum ersten Mal umgesetzt wurde. Die anderen drei Standorte sind erst jüngst dazugekommen. Zehn Arbeitsgruppen mit jeweils rund 20 Kindern sind an sechs verschiedenen städtischen Musik- und Grundschulen angesiedelt – eine „hervorragende Unterstützung durch die Bezirke“, lobt Schulz.

Doch allein mit der staatlichen „Grundversorgung“, die sein Haus bekomme, könnten die Kinderopernhäuser ihre besondere Qualität nicht entwickeln. Der Intendant freut sich deshalb über eine gerade beschlossene Partnerschaft mit der Liechtensteiner Hilti Foundation. Der soziale Anspruch dieser Firma, so Schulz, komme schon in der Überschrift des Projekts „Musik für eine bessere Zukunft“ zum Ausdruck. „Ohne Sponsor könnte das Kinderprogramm nicht diese Kraft entwickeln, und es ist auch in Ordnung, dass wir dafür Drittmittel auftreiben!“

"Man muss Berge überschreiten"

Ein kostbarer, aber eben auch kostspieliger Bestandteil des Kinderprogramms ist das Kinderopernorchester. Jede Stimmgruppe – erste und zweite Geigen, Bratschen, Celli, Bläser und Schlagwerker – wird im „Tandem“ unterrichtet: Jeweils ein Musiker aus der Staatskapelle und ein Lehrer aus einer bezirklichen Musikschule teilen sich die Ausbildung der Kinder. Besondere Voraussetzungen müssten die jungen Musikerinnen und Musiker nicht erfüllen, versichert Schulz. „Wir nehmen auch sehr viele, die nicht hochbegabt sind. Es sind vielleicht zehn bis 20 Prozent höher begabte Kinder im Orchester, Kinder, die vielleicht später eine Musikerkarriere machen könnten. Beim ganz großen Teil aber ist das nicht so.“

Matthias Schulz, Intendant der Berliner Staatsoper.
Matthias Schulz, Intendant der Berliner Staatsoper.Foto: Thilo Rückeis

Zusätzlich zur künstlerischen Arbeit werden die Kinder in den Kinderopernhäusern auch sozialpädagogisch begleitet. Als „zusätzliche Ansprechpartner“ üben diese Mitarbeiter mit den Kindern unter anderem, wie man pünktlich und regelmäßig zur Probe gelangt. Denn die kontinuierliche Probenarbeit sei für die ambitionierten Projekte der Kinderopernhäuser eine Grundvoraussetzung – ohne dass dadurch Druck entstehen soll, wie Schulz betont.

Am Ende, „wenn die Aufführung gut war“, haben die Kinder dann aber auch gelernt, dass es sich lohnt, konzentriert auf ein Ziel hinzuarbeiten. „Zu vermitteln, dass die Vorbereitung auf so einen Punkt hin Anstrengung braucht und auch Momente der Frustration dabei sind, dass man Berge überschreiten muss – all das ist bei uns sehr wichtig.“

Das Kinderprogramm stellt den ersten Kontakt zu Oper her

Der 1977 in München geborene Intendant, durch dessen Initiative die Berliner Kinderopernhäuser gerade einen enormen Aufschwung erleben, hat selbst fünf eigene Kinder im Alter zwischen sieben und 19. Alle spielen ein Instrument, denn er selbst habe erlebt, wie wichtig es für die Entwicklung sei, täglich mit einem Instrument zu tun zu haben – „bis das Musizieren so selbstverständlich wird wie Zähneputzen“.

Das Kinderprogramm der Staatsoper stellt den ersten Kontakt zur Oper her – angefangen vom kostenlosen Probenbesuch über die Kinderkonzerte bis hin zur aktiven Mitwirkung in den Kinderopernhäusern. „Ziel ist, dass jedes Berliner Schulkind zumindest einmal hier war und die Faszination des Hauses kennengelernt hat.“ Schulz geht es darum, zu zeigen, „dass man hier etwas erleben kann – auch wenn man keinen großen Rucksack an Wissen hat“.

Die Staatsoper, so der Intendant, habe geradezu die „Verantwortung“, den Schulunterricht mit einem umfangreichen Kinderprogramm zu ergänzen. „Wenn die Kinder dann vom Alltag enthoben eine Begeisterung entwickeln, dann profitieren auch wir davon, indem wir später junge Leute haben, die Oper lieben und Oper sehen wollen.“

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