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"Was will ich mehr": Amour fou

In Silvio Soldinis Erotikdrama „Was will ich mehr“ bricht die Leidenschaft wie eine Katastrophe über den Alltag herein.

Silvio Soldini ist ein Spezialist für das Glück der einfachen Leute. Vor zehn Jahren wurde seine Melokomödie „Brot und Tulpen“, die Venedig-Romanze einer einfachen Ehefrau und Mutter, zum Hit. Auch in seinem Mailand-Film „ Was will ich mehr“ bricht die Leidenschaft wie eine Katastrophe über den Alltag herein. Oder genauer: der Heißhunger auf Sex.

Die Buchhalterin Anna (Alba Rohrwacher) lebt zufrieden mit dem gutmütigen Alessio zusammen. Der repariert unermüdlich Sachen in der Wohnung, die beiden albern herum, kuscheln, denken übers Kinderkriegen nach, er liest im Bett mit Buchklemmlampe und ist überhaupt der praktische Typ. Eines Tages stolpert Domenico (Pierfrancesco Favino) in Annas Leben, ein schöner, scheuer Mann, der als Caterer jobbt. Es ist Begierde auf den ersten Blick.

Eine amour fou, die keinen Raum hat und keine Zeit: Domenico ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er habe, so Soldini, an Patrice Chéreaus „Intimacy“ gedacht, den Berlinale-Sieger von 2001. Aber Soldinis Film fehlt dessen Drastik. Die Rendezvous im Stundenhotel: verschlungene Körper, in Rotlicht getaucht, hastige Zärtlichkeiten – Obsession sieht anders aus.

Alba Rohrwacher ist ein ungewöhnlicher Star. Blasses Gesicht, unscheinbare Gestalt. Wenn da nicht diese tiefschwarz geschminkten Augen wären und jene Flattrigkeit, die auf das Kindchenschema spekuliert. Kleine, tapfere Frau: Ständig ist sie den Tränen nahe.

Wenigstens passt ihre Schmächtigkeit zur dokumentarischen Anmutung des Films. Domenicos Geldsorgen, der Stadtrand, wo Annas Eltern eine Wäscherei betreiben, die ruppige Tante als Komplizin – für Schauplätze und Nebenfiguren hat Soldini ein gutes Auge. Auch für die Erschöpfung der Liebe vor lauter Heimlichkeit und Gewissensbissen.

Gut, dass der Film keine Lösung weiß in diesem Liebesdilemma; selbst Annas begriffsstutziger, aber treuherziger Lebensgefährte bleibt einem sympathisch. Für sein eigentliches Sujet, die Spannung zwischen Alltag und sexueller Ekstase, findet Soldini allerdings keine eindrücklichen Bilder. Erst recht nicht für die radikale Ausweglosigkeit seiner Helden.

Cinemaxx, Kurbel, Moviemento; OmU im fsk am Oranienplatz

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