Kinofilm "The Domestics" : Die Hölle heißt Wisconsin

Mike P. Nelson präsentiert in seinem Debütspielfilm „The Domestics“ ein apokalyptisches Amerika.

Till Kadritzke
Nina (Kate Bosworth) und ihr Mann Mark (Tyler Hoechlin, M.) in einem Unterschlupf.
Nina (Kate Bosworth) und ihr Mann Mark (Tyler Hoechlin, M.) in einem Unterschlupf.Foto: Alfonso Bresciani

„Miss Milwaukee“ antwortet nicht, sooft „Eagle“ es auch versucht. Selbst als die verzweifelte Nina (Kate Bosworth) die Codenamen schließlich beiseitelässt und ein „Mom?“ ins Funkgerät haucht, kommt keine Reaktion. Es hilft nichts: Sie und ihr Mann Mark (Tyler Hoechlin) müssen die eigentlich schon gescheiterte Ehe ins Auto packen und die 200 Meilen nach Milwaukee fahren, um bei Ninas Eltern nach dem Rechten zu sehen. Früher ging das in gerade mal fünf Stunden, seit der Apokalypse ist die Sache aber nicht nur langwieriger, sondern auch lebensgefährlich.

Weil Regisseur Mike P. Nelson die visuellen Details der Zukunftswelt von „The Domestics“ mehr am Herzen liegen als die Ursachen ihrer Entstehung, bleiben die Hintergründe dieser Apokalypse angenehm in der Schwebe. Es ist anfangs nur die Rede von einem breit angelegten Giftgasanschlag durch die eigene Regierung, dem ein Großteil der US-Bevölkerung zum Opfer fiel. Die Überlebenden versuchen nun entweder die Normalität so gut es geht aufrechtzuerhalten (die titelgebenden „domestics“), oder sie schließen sich einer jener Gangs an, die im Endzeit-Amerika um Territorien kämpfen. Nina und Mark zählen sich zwar zu ersteren, müssen jetzt aber einmal quer durch Wisconsin und damit durch die Hölle.

Auf ein totgesagtes Medium ist dabei noch Verlass: Ein Radio-DJ names Crazy Al sagt „für all die Zivilisierten da draußen“ die aktuellen Gang-Bewegungen im Mittleren Westen in der gleichen nervigen Tonlage an wie in einem früheren Leben wohl mal das Wetter. Die „Plowboys“ sind mit ihren Schneepflügen wieder von Osten unterwegs, die „Gamblers“ erweitern gerade ihren Radius und laut Gerüchten treibt auch eine der gemeingefährlichen Männerhasserinnen von den „Cherries“ irgendwo da draußen ihr Unwesen.

Dass ein Mitglied letzterer Gruppe (Sonoya Mizuno) weniger als fertige Figur denn als radikalfeministische Fluchtlinie mitten durch den Plot von „The Domestics“ ziehen darf – ohne Dialogzeile, aber mit umso mehr Munition –, gehört zu den vielen kleinen Freuden des Films. Eine andere ist die Ausstattung der Gangs, die mit ihren vierzylindrigen Panzerfahrzeugen, benagelten Lederwesten und riesigen Tierköpfen an den Heavy-Metal-Barock von „Mad Max“ erinnern. Und irgendwie ist da auch noch Platz für einen sadistischen Cineasten, der geradewegs aus „Pulp Fiction“ reingestolpert zu kommen scheint, „Clockwork Orange“ zitiert und mit seinen Opfern „Augen ohne Gesicht“ nachspielen will.

Ein Schraubenzieher mit Symbolkraft

Filmzitate, klassische Horror-Schauwerte und politischer Subtext stehen sich hier zum Glück kaum im Weg. Der Schraubenzieher ist zugleich Symbol fürs obsolet gewordene Heimwerkeln wie Werkzeug, um einem Widersacher die Hand an den Augapfel zu tackern. Und nicht zuletzt aktualisiert Nelson die vertraute Genre-Tradition, die Mittelklasse mit ihrem verdrängten Außen zu konfrontieren. Vom Ideal des bürgerlichen Heims sind hier jedenfalls nur ein paar tote Inseln in einem zum Dauerzustand arretierten Bürgerkrieg übrig, mit dem man möglichst wenig zu tun haben will.

Etwa auf der Hälfte der Strecke werden die beiden Eheleute von dem Afroamerikaner Nathan (Lance Reddick) gerettet, der sie mit breitem Grinsen zum Dinner in sein Heim einlädt. Eine Wohlfühloasen-Szene: Die Männer quatschen im Hobbykeller, die Frauen im Kinderzimmer, während das Töchterchen die Staaten der USA in einem Puzzlespiel zusammenbaut. Da darf noch ein letztes Mal die farbenblinde Fantasie des liberalen Amerikas genährt werden, in die Kernfamilien-Form doch noch alles und jeden reinzuintegrieren – bevor dann doch wieder ein „Nailer“ die Ruhe stört.

Nelsons handwerklich sauberer und in seinem Innersten herrlich dreckiger Debütfilm ist übrigens nur ein Anfang. Die im vergangenen Jahr wiederbelebte Produktionsfirma Orion, in den Achtzigern für Action-Klassiker wie „Terminator“ und „Robocop“ verantwortlich, bringt „The Domestics“ als ersten Film seit fast zwanzig Jahren unter dem Label „Orion Classics“ in die Kinos – acht bis zehn weitere pro Jahr sollen folgen. Für die derzeitige Filmlandschaft ist das nicht die schlechteste Nachricht.

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