Komponistin Galina Ustwolskaja : Ein Meteorit schlägt ein

Die den Salzburger Festspielen vorgeschaltete „Ouverture spirituelle“ widmet sich der russischen Komponistin Galina Ustwolskaja.

Regine Müller
Radikale Einzelgängerin. Galina Ustwolskaja (1919 – 2006).
Radikale Einzelgängerin. Galina Ustwolskaja (1919 – 2006).Foto: Sikorski Musikverlage

Auf der Bühne der Kollegienkirche herrscht mystisches Halbdunkel: Nach der asketischen Interpretation von Heinrich Schütz’ „Musikalischen Exequien“ durch Philippe Herreweghe und seine famosen Ensembles betreten drei Musiker des Klangforum Wien die Bühne, um der gebändigten Emotionalität des frühbarocken Meisters einen maximalen Kontrast zu bescheren. Galina Ustwolskajas Komposition Nr.1 „Dona nobis pacem“ für Piccoloflöte, Tuba und Klavier ist ein monströs wuchtiges und zugleich ins Nichts versickerndes Stück Musik, dessen Schockwellen in der kristallinen Akustik des Kirchenraums körperlich erfahrbar werden. Der Tubist produziert machtvolle Tieftöne, die vom Grund eines Vulkans herauf zu dröhnen scheinen, die Piccoloflöten-Solistin setzt grelle Spitzen aus eisigen Höhen, und Marino Formenti bearbeitet den Flügel mit Unterarm und Faust als wummerndes Perkussionsinstrument. Eine Musik der Extreme, monumental, archaisch und ohne hörbare Bezüge zu Traditionen. Eine Musik, die aus der Zeit gefallen ist, jenseits der Zeit. Fordernd, beinahe erschlagend in ihrer Expression und Dringlichkeit.

Es ist das vierte Konzert der Reihe „Zeit mit Ustwolskaja“, die in diesem Jahr im Zentrum der den Festspielen vorgeschalteten „Ouverture Spirituelle“ steht. Neben der Reihe bietet die „Ouverture“ luxuriöse Konzerte wie etwa Pendereckis „Lukaspassion“ unter Kent Nagano und am Ende Mahlers Zweite mit den Wiener Philharmonikern und Andris Nelsons. Der heiße Kern aber ist die Ustwolkskaja-Reihe. Das erste Konzert beginnt mit ihrer letzten Symphonie Nr. 5 „Amen“, einem knapp 15-minütigem Wunderwerk an Konzentration für eine exotische Kammerbesetzung. Magische, in kargen Melodien kreisende Oboen-Soli werden konterkariert von harschen Interventionen eines Holzwürfels.

Hinterhäuser ist in Sachen Ustwolskaja Überzeugungstäter

„Passion“ lautet das Motto der „Ouvertur“", die Intendant Markus Hinterhäuser nicht als konzertante Abspaltung der Festspiele, sondern in innigem Zusammenhang denkt. „Zuerst war die Idee, ,Salome’ zu machen, ,Pique Dame’ und ,Die Bassariden’. Mich hat der Begriff der Passion interessiert, weil er von verschiedenen Seiten interpretiert werden kann. Die erste Assoziation ist ganz gewiss die Leidensgeschichte Christi, aber der andere Aspekt geht in eine andere Richtung. Das ist etwas, das aus einem herausbricht, das schwer zu zähmen ist, das mit Leidenschaft, mit Obsession zu tun hat.“

Im ersten Konzert folgt auf Ustwolskajas „Amen“ der Stummfilm „La Passion de Jeanne d’Arc“ von Carl Theodor Dreyer aus dem Jahr 1926. Das Orlando Consort singt dazu Musik aus dem 15. Jahrhundert. Das zweite Konzert kombiniert Franz Listzs „Via Crucis“ mit Werken für Violine und Klavier von Ustwolskaja – mit existentieller Intensität musiziert von Patricia Kopatchinskaja, begleitet vom Intendanten Hinterhäuser am Flügel. Das dritte zu später Stunde um 22 Uhr bietet das gesamte monolithische Klaviersonaten-Werk, wiederum mit Markus Hinterhäuser am Flügel, der am Schluss schweißnass beinahe vergisst, den donnernden Schlussapplaus des Auditoriums entgegen zu nehmen.

Hinterhäuser ist in Sachen Ustwolskaja Überzeugungstäter, er hat bereits vor langen Jahren eine legendäre Aufnahme ihrer Sonaten vorgelegt: „Das Werk und die Persönlichkeit von Galina Ustwolskaja stehen paradigmatisch dafür, was man Passion nennen kann.“

Musik, die dynamische Grenzen permanent überschreitet

Ustwolskaja komponierte stets ohne Auftrag, in einem ihrer raren Interviews sprach sie vom Zustand der Gnade, in dem sie komponiere. Hinterhäuser versteht das jedoch nicht konkret religiös: „Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, dass ich eine esoterische Spur verfolge. Aber Zustand der Gnade, was heißt das? Das ist etwas, das über einen hereinbricht, dem man sich ausliefert. Für mich ist diese Komponistin wie ein Meteorit, der auf der Erde eingeschlagen ist.“

Im vierten Konzert in der Kollegienkirche folgen auf das Tuba-Trio „Dies irae“ für acht Kontrabässe, Holzwürfel und Klavier und – attacca gespielt – „Benedictus, qui venit“ für vier Flöten, vier Fagotte und Klavier". Wiederum Musik, die dynamische Grenzen permanent überschreitet, wobei Ustwolskajas Fortissimo nicht durch Lautstärke, sondern durch Wucht ins Mark geht. Das Publikum durchlebt diese Passionen willig, fast euphorisiert, in der Kollegienkirche ist kein Mucks zu vernehmen. Die Frage, ob diese Musik nicht allzu harte Kost sei, verbietet sich eigentlich schon im Angesicht der Hingabe des Publikums. Auch Hinterhäuser winkt ab: „Ich weiß nicht, ob die Kindertotenlieder von Mahler oder das Streichquintett von Schubert weniger harte Kost sind? Es ist ja kein Wellnesszentrum, in dem wir uns befinden!“ In fünf Wochen werden in Salzburg 225 000 Karten unter die Leute gebracht. Dazu gehören viele, die das Rote-Teppich-Glamour-Klischee der Festspiele bestätigen. Aber eben auch sehr, sehr viele, die sich der Passion von Galina Ustwolskaja ausliefern.

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