Konzerthaus Berlin : Die Mehrgenerationen-WG

Ivan Fischer, Christoph Eschenbach und Juraj Valcuha: Künftig teilen sich drei Dirigenten die Leitung des Konzerthausorchesters. Und die Musiker wagen Technikspielereien.

Tutti. Bei den „Mittendrin“-Konzerten von Ivan Fischer sitzen Musiker und Publikum zuammen im Parkett.
Tutti. Bei den „Mittendrin“-Konzerten von Ivan Fischer sitzen Musiker und Publikum zuammen im Parkett.Foto: Frank Löschner

Man braucht ein Smartphone oder ein Tablet. Und natürlich die „Konzerthaus Plus“-App. Dann kann man das verrückteste Quartett spielen, das derzeit auf dem Markt ist. Genauer genommen kann man es spielen lassen. Denn es handelt sich bei dieser technischen Innovation um eine Anwendung der augmented reality. Und in dieser erweiterten Realität erweckt man das Konzerthaus-Streichquartett zum Leben. Das dann einen Ausschnitt aus Franz Schuberts Komposition „Der Tod und das Mädchen“ darbietet.

Man hält Tablet oder Smartphone über vier scheinbar konventionelle Spielkarten aus Pappe – und plötzlich wachsen auf dem Bildschirm die Spieler aus den Karten, als kleine Filmfigürchen. Durch einen Klick beginnen sie mit ihrer Interpretation. Der Benutzer kann während der Aufführung die Karten umdrehen, wodurch dann jeweils nicht nur die betreffende Person verschwindet, sondern auch seine Tonspur. So lassen sich beispielsweise die Geigen ausblenden und lediglich Schuberts Cello- und Bratschenstimme anhören.

Die Sache ist eine Spielerei, mit enormem technischen Aufwand hergestellt vom Konzerthaus, dem Fraunhofer Heinrich-Hertz-Institut und der Hochschule für Technik und Wirtschaft. Doch die Generation der digital natives dürfte diese Form der Klassik-Vermittlung ziemlich cool finden. Und sich dadurch im Idealfall zu einem Besuch des echten Konzerthausorchesters anregen lassen, live und analog im Musentempel am Gendarmenmarkt. Das zumindest hofft Intendant Sebastian Nordmann, der bei der Kommunikation mit seinem potenziellen Publikum schon seit Jahren auf die neuesten Trends setzt, die er sich gerne aus Innovationsbranchen abschaut, beim Marketing großer Unternehmen oder eben auch in der Welt der Computerspiele.

Mit der Virtual-Reality-Brille mitten unters Orchester

Als Präludium zur Präsentation der Saison 2018/19 wurde am Donnerstag neben dem Augmented-Reality-Quartett auch noch die neue „Virtuality Reality“- Brille des Konzerthauses vorgestellt, mit der sich Neugierige mitten ins spielende Orchester begeben und während der Aufführung sogar noch ihren Standpunkt auf dem Podium verändern können. Zusammen mit einem 3-D-Modell des Hauses und einem digitalen Blick in dessen Geschichte stehen die Technik-Gadgets ab sofort zum Ausprobieren bereit, im auch tagsüber geöffneten Vestibül, das man über die große Freitreppe erreicht.

Ungewöhnliche Wege geht das Konzerthausorchester außerdem in künstlerischen Dingen: Gleich drei Maestri werden nämlich in den kommenden Jahren die Programme prägen. Der scheidende Chefdirigent Ivan Fischer, sein designierter Nachfolger Christoph Eschenbach sowie der Erste Gastdirigent Juraj Valcuha. Passend zur Taktik des Intendanten, neben dem Senioren-Stammpublikum auch alle anderen Altersgruppen in sein Haus zu locken, entsteht eine musikalische Mehrgenerationen-WG nun also auch auf der Bühne: der Tscheche Juraj Valcuha wurde 1976 geboren, Ivan Fischer 1951 und Christoph Eschenbach 1940.

Vier Programme wird Valcuha in der kommenden Saison leiten, Ivan Fischer sogar sechs, denn er dirigiert im Rahmen eines Strawinsky-Festivals auch noch das Amsterdamer Concertgebouworkest und das Budapest Festival Orchester. Vor seinem Amtsantritt im Herbst 2019 zeigt Eschenbach bereits in diesem Sommer Präsenz, vom 22. bis 24. Juni mit einer Dvorak-Rachmaninow-Kombination sowie am 18. August, wenn er mit dem Konzerthausorchester bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern im Park von Schloss Bothmer gastiert.

Eine Hommage für die Wiener Philharmoniker

Artist in Residence wird 2018/19 der Pianist Andras Schiff sein, die jährliche Hommage ist den Wiener Philharmonikern gewidmet, die mit Riccardo Muti und Franz Welser-Möst nach Berlin kommen und hier auch die ganze Breite ihrer Kammermusikformationen zeigen. Murray Perrahia und die Academy of St. Martin in the Fields führen alle Beethoven- Klavierkonzerte auf, Geigerin Patricia Kopatchinskaja kommt mit dem Ensemble Il Giardino Armonico, die tolle New Yorker Truppe The Knights tritt mit dem Mandolin-Virtuosen Avi Avital auf.

Ganz kulinarisch konzipiert hat Juraj Valcuha das Programm, das er am Donnerstagabend dirigierte: Üppigste Klangpracht entfaltet das Orchester unter seinen Händen in Ottorino Respighis Tondichtungen „Fontane di Roma“ und „Pini di Roma“. Sinnlich-schwelgerisch zeichnet Valcuha den dramaturgischen Bogen der „Fontane“ vom Morgen- bis zum Abendrot nach, noch suggestiver geraten die vier Stationen der „Pini“, mit dem hyperrealistisch aus der Ferne herannahenden Triumphmarsch auf der Via Appia als Höhepunkt, bei dem sogar die Staubwolken mitkomponiert scheinen.

Ravels delikate „Ma mère l’oie“-Suite spielt das Orchester zu Beginn angemessen feingliedrig, mit rhythmischer Geschmeidigkeit und edlen Soli der Konzertmeisterin wie der Holzbläser, allerdings auch ein wenig duftneutral, ohne das charakteristische französische Parfüm.

Als Solist in Karol Szymanowskis Violinkonzert schließlich singt Christian Tetzlaff hingebungsvoll auf seiner Geige, bewegt sich mit betörender Reinheit in höchsten Höhen. Warum eine Erregungswelle auf die nächste folgt, wohin der Komponist mit dieser hypernervösen Musik will, bleibt allerdings auch bei dieser fantastischen Aufführung rätselhaft.

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