Krimi von George Pelecanos : Washington kann sehr kalt sein

„Das dunkle Herz der Stadt“ von George Pelecanos ist ein in fiebriger Sprache geschriebenes Kriminal-, Stadt- und Sozialdrama.

Zentrum der Macht. Das Kapitol in Washington.
Zentrum der Macht. Das Kapitol in Washington.Foto: picture alliance / Evan Golub / dpa

Als er die Augen aufschlägt, ist der Himmel grau, morgengrau. Nick Stefanos liegt zwischen Müll, Gras und seinem eigenen Erbrochenen am Anacostia River, dem heruntergekommenen Hafengebiet von Washington. Er ist buchstäblich abgestürzt, volltrunken versackt und nun, umgeben von leeren Bierdosen und Fast-Food-Überresten, blitzt in seinem schmerzenden Schädel die Erinnerung an „etwas sehr Falsches“ auf. Das Gefühl täuscht nicht, denn im Wasser schwimmt die Leiche eines jungen schwarzen Mannes. Klebeband ist um das graue Gesicht des Toten gewunden und bedeckt den Mund. Stefanos wurde in der zurückliegenden Nacht Zeuge eines Mordes. Aber er erinnert sich an fast nichts.

Nick Stefanos ist der Held von drei Kriminalromanen von George Pelecanos, taucht aber als Nebenfigur auch in anderen seiner Bücher auf, etwa in „King Suckerman“. Wie im Genre des Hard-boiled-Thrillers üblich, hat Stefanos seine besten Tage hinter sich, ihn umweht die Aura von Melancholie und Einsamkeit. Ex-Cop und eigentlich auch schon Ex-Privatdetektiv, steht er nun am Tresen einer Bar namens „Spot“, und wenn nach Feierabend die Abrechnung gemacht ist und die Gläser gespült sind, schließt er sich ein, um sich volllaufen zu lassen. Der Whiskey beißt ihm in die Kehle, aber nach dem ersten Schluck wird alles „weich wie Samt“.

Allerdings lässt ihn der tote Teenager aus dem Fluss nicht los, auch wenn der Fall für die Polizei schon nach ein paar Tagen kalt ist, also ungeklärt erledigt. Ein erschossener Junkie mehr, na und?! Stefanos fühlt sich mitschuldig und glaubt nicht an die Drogentheorie, schließlich wurde der Junge mit Schalldämpfer hingerichtet. Der derangierte Schnüffler muss die Wahrheit herauskriegen, so wie er trinken muss. Neugier ist für den Sohn griechischer Einwanderer, eine schöne Macho-Maxime, „wie ein knackiger Arsch, von dem man besser die Finger lassen sollte“. Natürlich fasst er trotzdem zu.

Trost spendet Popmusik

„Das dunkle Herz der Stadt“ ist, wie alle Bücher von Pelecanos, ein Washington-Roman. Allerdings kommen die Pracht und der Glamour der amerikanischen Hauptstadt hier nicht vor, auch nicht die Aufsteiger, Aufschneider und Agenten aus den Politthrillern von Ross Thomas. Unerträgliche Sommerhitze liegt über allem, auf dem Gehweg glitzert das Quarz, vom Asphalt steigen Dampfschwaden „wie eine urbane Fata Morgana“ auf. Die Recherchen führen immer tiefer in die Finsternis, ins trostlose Mietskasernenabseits, wo der Erschossene zwischen Spirituosengeschäften und ausgebrannten oder abgefackelten Ladenlokalen aufwuchs. Und zu einem Lagerhaus am Stadtrand, wo er zusammen mit einem Leidensgenossen als Porno-Darsteller ausgebeutet wurde.

Wer aus den „Projects“ stammt, den bröselnden Betonburgen der Sozialhilfeempfänger, entkommt ihnen nicht, auch wenn die Mutter als Anwaltsgehilfin bereits auf dem Sprung zum Aufstieg war. Eine Lehre, die sich auch aus der genial multiperspektivischen Fernsehserie „The Wire“ ziehen lässt, für die Pelecanos Drehbücher lieferte. „Das dunkle Herz der Stadt“, im amerikanischen Original schon 1995 erschienen, ist ein in fiebriger Sprache geschriebenes Kriminal-, Stadt- und Sozialdrama. Aus vielen kleinen Beobachtungen setzt sich das Bild einer gnadenlosen Gesellschaft zusammen, in der Menschen an ihren übergroßen Träumen zugrunde gehen und dann „einfach ausgelöscht“ werden, „begraben in den Meldungen vom Tage“.

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Genauso schlimm wie die Verbrechen ist das Vergessen. Trost spendet allenfalls Pop, als Soundtrack läuft die ganze Zeit die Musik mit, die Stefanos im Auto, in seiner Bar und beim Ausgehen hört. Deltablues, der Soul von Curtis Mayfield und Isaac Hayes, einmal besucht er ein Konzert der Punkband Mekons. Als der Detektiv beschließt, sich von seiner Freundin zu trennen, schießt ihm eine Zeile von Johnny Thunders durch den Kopf: „You can’t put your arms around a memory“. Es gibt keinen Ausweg aus dem Hier und Jetzt, Erinnerungen helfen nicht weiter. Washington kann sehr kalt sein.

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