• Krisenszenarien und Untergangsängste: Warum Kunst unser kulturelles Frühwarnsystem ist

Krisenszenarien und Untergangsängste : Warum Kunst unser kulturelles Frühwarnsystem ist

Künstler haben von jeher ein seismografisches Gespür. Ein Blick auf die letzte Biennale in Venedig und ihren Kommentar zu aktuellen Krisen.

Carlotta Wald
Leuchtskelett. Ein Werk des Künstlers Tavares Strachan von den Bahamas.
Leuchtskelett. Ein Werk des Künstlers Tavares Strachan von den Bahamas.Foto: AFP/Tiziana Fabi

„May you live in interesting times“, mahnte der Kurator Ralph Rugoff letztes Jahr mit dem Titel der wohl wichtigsten Kunstausstellung der Welt. Die 58. Biennale von Venedig sollte auf die herausfordernden oder gar bedrohlichen Zeiten hinweisen und dazu einladen, mithilfe der Kunst Komplexität zu begrüßen und in ihr auszuharren.

Der politische Diskurs sei von einer zu starken Vereinfachung beherrscht, die ihren Ursprung im Konformismus oder der weit verbreiteten Angst findet.

Mittels der Kunst, könne man lernen, Ambiguität auszuhalten, das Schwarz-Weiß-Denken abzulegen und die Graustufen wahrzunehmen, die der Realität eigentlich entsprechen.

Bei dem Titel handelte es sich um einen chinesischen Fluch, der nicht etwa der Kulturgeschichte Asiens entspringt, sondern auf ein Missverständnis des britischen Abgeordneten Sir Austen Chamberlain zurückgeht.

Übernommen von einem Diplomaten, der in Asien gedient hatte, zitierte er jenen Fluch in der Öffentlichkeit, der in Wirklichkeit gar nicht existierte. Inzwischen ist der Spruch im allgemeinen Sprachgebrauch angekommen und existent, wenn auch nicht in China.

Apell mittels Ästhetik

Makaber wirkte die Wahl des Ausstellungstitels schon im Sommer 2019. Schließlich erfreut sich die Kunst bereits seit einigen Jahren an tagespolitischen Themen. Der Biennale-Titel klingt heute in Anbetracht aktueller Geschehnisse wie eine groteske Prophezeiung und kommt seiner zusammenfantasierten Bedeutung damit ziemlich nah.

Kunst als Frühwarnsystem? Ein gutes Kunstwerk weist über das visuelle Formen- oder Klangspiel, das es inszeniert, hinaus. Ebenso die Literatur. Ob Film, Bild, Installation, Theater oder ein Roman, sie alle appellieren mittels der ästhetischen Erfahrung an unser Vorstellungsvermögen.

Wir imaginieren und erfahren eine Welt, die ähnlich und dennoch anders ist als die, in der wir leben. Wir beobachten irritiert die Strukturen dieser anderen Welt, die Verhaltensmuster ihrer Akteure, das emotionale Repertoire und vergleichen sie mit unserer Realität und dem aktuellen Zeitgeschehen.

Distanz gewinnen

Dadurch gewinnen wir etwas Distanz gegenüber uns selbst und den gesellschaftlichen Strukturen, die uns dominieren. Gelingt dieser Irritationsversuch, kann die Kunst unseren Erfahrungsschatz umschreiben und bereichern. Sie kann uns in Szenarien versetzen, die außerhalb unseres Vorstellungsvermögens liegen und uns vor Augen führen, wohin der Weg führt, den wir eingeschlagen haben.

Viele Künstler haben in ihrer Zeit ein seismografisches Gespür entwickelt für das, was sich gesellschaftlich abzeichnet. Ob expressionistisch zugespitzte Untergangsvisionen im 20. Jahrhundert oder sozialkritisch grundierte Ahnungen kommenden Unheils. Auch die Biennale von Venedig hat mit ihrem Titel ja letztlich nichts prophezeien können, das sich nicht schon 2019 ankündigte.

Der seit den 1980er Jahren faktisch festgestellte Klimawandel und die Auswirkungen eines globalen Wirtschaftssystems, das stets Gewinnmaximierung vor soziale Fragen stellt, waren schon letztes Jahr Blindgänger, deren Explosion nicht unwahrscheinlich schien.

Man fühlt sich an apokalyptische Narrative erinnert

Eine Pandemie kann natürlich niemand wirklich vorhersehen. Den gesellschaftlich-politischen Umgang mit ihr aber schon. Wer fühlt sich gerade nicht an die surrealen, apokalyptischen Narrative erinnert, die Film und Literatur längst ausgespielt haben.

Endzeit-Klassiker wie „12 Monkeys“ (Kampf gegen eine Pandemie), „IO - Last on Earth“ (unbewohnbare Welt durch Umweltverschmutzung) oder auch die zehn Plagen der Bibel (darunter Seuche und Heuschrecken) bekommen einen ganz neuen Referenzrahmen.

Von der Kreativ-Industrie wird sich ein erfinderischer Geist versprochen, der „out of the box“ denken kann, also innovativ Neues in die Welt und auf ihre Märkte bringt. Es wird spannend zu sehen sein, wie die Kunst auf den Corona-Shutdown reagiert. Auch auf ihrem eigenen Feld wird nun sichtbar, wie prekär, kurzfristig und unsozial die Arbeitsbedingungen gestrickt sind. Das alles wird Spuren hinterlassen. Impulse und Aufrufe werden folgen und sich hoffentlich Wege bahnen, die der Schließung der Institutionen zu trotzen wissen. Denn mit schwindendem kulturellen Angebot geht eine essenzielle Ebene unserer gesellschaftspolitischen Teilhabe verloren.

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