Kultur in den Nordischen Botschaften Berlin : Sound des Nordens

Zwischen Moos und Mythen: Das Felleshus in Tiergarten zeigt zehn künstlerische Interventionen aus Norwegen.

Fantasiegeschöpf. Filmstill von Ingrid Torvund & Jonas K. Mailand.
Fantasiegeschöpf. Filmstill von Ingrid Torvund & Jonas K. Mailand.Foto: J. Mailand

Weiß wie Schnee, grün wie Wald und dunkel wie nordische Mythenwelt: Mit der kürzestmöglichen Anreise lässt sich im Felleshus der Nordischen Botschaften eine Stippvisite in die Kultur- und Naturräume Norwegens unternehmen. Zehn Künstlerinnen und Künstler sind mit Videos, Installationen, textilen und plastischen Arbeiten zu Gast. Sie bringen Erinnerungen und magische Wesen mit, huldigen der Natur und stellen deren Unvergänglichkeit infrage. Sie werfen politische Fragen auf und erzählen von bedrohten Lebenswirklichkeiten.

Schon auf der Treppe zur Schau „The White, the Green and the Dark“ zirpt und surrt, schnarrt und knarzt es. Plötzlich ein ferner Vogelschrei. Bis unter die Rinde der Bäume im letzten Regenwald-Biotop an Norwegens Westküste hat Frank Ekeberg seine Mini-Mikrofone geschoben. Sie zeichneten auf, was das menschliche Ohr nicht wahrnimmt: Insektengeräusche – und deren Verschwinden. Im Laufe des Tages überlagern Drohnengebrumm und technoide Störgeräusche den Sound der Natur.

Wuchtig wabern Klangteppiche

Der subtilen Installation kommen allerdings andere Höreindrücke in die Quere. Wuchtig wabern Fantasy-Klangteppiche aus einer Videokoje herüber. Drei 20-Minüter von Ingrid Torvund und Jonas K. Mailand entführen in deren versponnene Mythenwelt.

Sie drehten in den Nadelwäldern von Telemark, bastelten irrwitzige Requisiten, technoid-fantastische Kostüme. Zwischen Moos und Farnkraut schleichen Protagonisten mit blinkenden Lichtaugen. Kristalle schimmern, ein blutiges Herz wird verspeist.

Schamanistisch geprägte Vorstellungen einer Welt, die von Göttlichem durchdrungen ist, prägen auch das Denken der Sami. Ihr angestammter Lebensraum Sapmi kennt eigentlich keine Grenzen, egal ob heute dort Schweden, Russland oder Norwegen regiert.

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Gleich vier samische Künstlerinnen sind vertreten. Als politisches Statement versteht Máret Ánne Sara ihre Arbeiten. Wie Galgenschlingen lässt sie rote und blaue Kunststoffseile in ihrer Installation „Gefangen“ von der Decke baumeln: Rentierlassos, von Sami-Hirten.

Bedroht ist die traditionelle Lebensweise des indigenen Volkes, nicht nur vom Klimawandel. Gegen das Verschwinden sammelt Inger Blix Kvammen mit ihren „Tundra Archives“-Objekten an. Sie häkelt und verwebt hauchdünne Metalldrähte mit Relikten der Volksstämme zu fragilen Gespinsten. Sie gleichen versponnenen Colliers, gespickt mit Erinnerungen.

Zittern wie Espenlaub

Nur Blätterrauschen dringt von der Videoarbeit „Psithurism“ herüber. Sami- Künstlerin Synnøve Persen zeigt zitterndes Espenlaub. Mal geht Wind durch die zierlichen Stämme, dann herrscht Stille im Unterholz. Die Poesie der Natur, in zehn meditative Minuten gefasst. Andere Künstler formen Ton zu organischen Röhrengebilden oder gießen das Salz des Meeres in archaische Formen.

[Nordische Botschaften, Rauchstr. 1; bis 3. 10.; Mo–Fr 14–19 Uhr]

Wo bleibt das städtische Norwegen? Diese Gegenwelt findet sich in den Stickbildern von Kari Steihaug aus Oslo. Ihr Großformat „Rue de Fourly“ allerdings entstand in Paris. Aus lose herabhängenden Fäden und zart gestickten Linien deutet sich eine Straßenszene an: ein Hauseingang, davor die Gestalt eines schlafenden Obdachlosen in Pappkartons.

Textilkunst hat in ihrem Land, so Victoria Benecke von der norwegischen Botschaft, eine lange Tradition. Auch die Sami-Künstlerin Britta Marakatt-Labba nutzt sie. Mit ihrem 20 Meter langen Bildteppich „Historjá“ sorgte sie auf der letzten Documenta für Beachtung. Hier nun entfaltet das Opus Magnum als Videoscreening meditativen Sog. Gestickte Rentiere, Bären, Birkenwälder, endlos weiße Weiten ziehen vorbei. Einzelne Menschenfiguren tauchen auf, dann Gruppen. Sie erzählen die Geschichte der Sami. Im Ohr bleibt der Soundtrack: Es ist der leise, raue Gesang ihres Vaters, in eintönigen Litaneien: ein Joik, wie ihn die Rentierzüchter seit Urzeiten anstimmen.

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