Kunstform Essay : Denken in Bewegung

Zwischen Nischenformat und Massenphänomen: Blogger und Dichter geben dem Essay konträre Gesichter. Die Zeitschriftenkolumne.

Protagonistin des zeitgenössischen Essays. Die New Yorker Schriftstellerin Zadie Smith.
Protagonistin des zeitgenössischen Essays. Die New Yorker Schriftstellerin Zadie Smith.Foto: imago/ZUMA Press

Über Jahrhunderte war der Roman der Allesfresser schlechthin. Er verschlang Märchen und Briefe, theologische und anthropologische Traktate, Listen, Kochrezepte und dramatische Monologe. Sein unersättlicher Magen hat auch vor dem Essay nicht haltgemacht.

Der Berliner Dichter Steffen Popp weist in der Leipziger „Edit“ (Nr. 80, Frühjahr 2020, 9 €, editonline.de) zurecht darauf hin, dass Essayistisches im Roman seit dessen Anfängen gang und gäbe ist: von Laurence Sternes „Tristram Shandy“ über Gustave Flauberts „Bouvard und Pécuchet“ bis zu Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“, der die Gefühle seiner Figuren einer konsequent versachlichenden Betrachtung unterwirft.

Dass Popp nun den Essay als neuen Allesfresser hinstellt, der das Zeug hat, sich auch noch die Poesie einzuverleiben, ist gewagt. Denn wenn über eines Einigkeit herrschte, dann darüber, dass der Essay in Prosa abgefasst ist. Schon über das Kriterium des Nichtfiktionalen lässt sich streiten. Der Essay schillert gerne „auf vertrackte Weise semi- oder kryptofiktional“ und zeigt sich als „freidrehende Form der Sachliteratur“.

Ausweitung des Begriffs ins Uferlose

Man kann mit Popp also „Vom Sprengen der Prosa im Essay“ träumen, wie die Unterzeile seiner Keynote zum letzten „Edit“-Essaypreis lautet. Doch Elke Erbs Mammutgedicht „Winkelzüge“ aus dem Jahr 1991 im Reich des Essayistischen anzusiedeln, neben Monika Rincks „Honigprotokollen“ oder Ann Cottens „Jikiketsugaki Tsurezuregusa“ entleert den Begriff bei allem, was die genannten Texte an poetischem Denken leisten, jeden Inhalts.

Das „Edit“-Editorial tut auch der Chinesin Can Xue keinen Gefallen, wenn es ihre befremdlichen, keiner Kultur zuordenbaren Rätselgeschichten dem Essays zuschlägt. Immerhin bekommt die heute in Peking lebende Schriftstellerin, die seit Jahren als Nobelpreiskandidatin gehandelt wird, smit der Erzählung „Staub“ hierzulande überhaupt einmal ein Forum. Was ist dann ein Essay?

Die Frage scheint eine neue Aktualität gewonnen zu haben. Für Juni haben die Zürcher „Figurationen“ ein Themenheft angekündigt – nicht ohne von Theodor W. Adornos kanonischem Aufsatz „Essay als Form“ auszugehen, der als „das innerste Formgesetz des Essays die Ketzerei“ sieht. Was das im Zeitalter des hemmungslos subjektiven Bloggens bedeutet, soll eine zentrale Frage sein.

Selbstentblößung und Provokation pur

Das Wiener „Wespennest“ ist dem zu seinem 50-jährigen Jubiläum im November bereits ausführlich nachgegangen (Nr. 177, 12 €, wespennest.at). John Palatella erklärt, wie sehr der „personal essay“ in den USA auf den Hund gekommen ist. Er beschreibt seine Verbreitung aus dem „in einer Aufmerksamkeitsökonomie herrschenden Zwang zu publizieren“ heraus: „Das Modell ist einfach. Eine Zeitschrift oder eine Website bezahlt Autoren ziemlich schlecht, damit sie anklickbare Stückchen in der ersten Person abliefern, die vor Selbstentblößung und Provokation übersprudeln“.

Diese Texte, klagt Palatella, hätten mit der kompromisslosen creative nonfiction von James Baldwin oder Marilynne Robinson nichts zu tun. Andrea Roedig nennt in ihrem online zu lesenden Text „Frauen“ in Gestalt von Zadie Smith, Maria Stepanova und Enis Maci weitere herausragende Autorinnen.

„Man wittert eine bestimmte Wahrheit, aber hat sie noch nicht; man umkreist sie in immer wieder ansetzenden Schlussketten, anschaulichen Wendungen und vielleicht ausschweifenden Reflexionen, um Lücken, Konturen, Kerne, Sachverhalte zu entdecken“: So hat Max Bense 1952 im „Merkur“ dieses Denken in Bewegung charakterisiert.

Eigentlich muss man mit ihm auch ein Stück körperlicher Wendigkeit verbinden. Der Wiener Franz Schuh, ein Meister der Gattung, muss sich im „Wespennest“ indes eingestehen: „Ich bin alt, müde, gehbehindert, werde also niemals mehr zum Vergnügen spazieren gehen können. Eine späte Karriere als Peripatetiker fällt in meinem Fall aus. Ich denke – wie kontraproduktiv! – nur noch im Sitzen.“

Er sollte sich nicht zu sehr grämen: Auch schwer beleibt und fußlahm, wie er ist, kommt seine Auseinandersetzung mit dem verstorbenen Kollegen Michael Rutschky noch ins Tanzen.

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