Les Talens Lyriques in der Staatsoper : Tochter aus Elysium

Gelassen, sparsam und stilvoll: Les Talens Lyriques spielen Rameau, Montéclair und Leclair im Apollosaal der Staatsoper.

Feingeister. Die französische Formation Les Talens Lyriques.
Feingeister. Die französische Formation Les Talens Lyriques.Foto: Eric Larrayadieu

In der Mitte dieses wunderbaren Nachmittags fragt man sich, worin das Eskapistische daran eigentlich besteht. Wieso kommt man sich vor wie bei Hofe, wenn Les Talens Lyriques Rameau, Montéclair und Leclair spielen: gelabt, umschmeichelt, zu feinster Zerstreuung eingeladen? Ist es der in schummriges Adventslicht getauchte Apollosaal? Draußen vor der Tür sieht es bestimmt schon aus wie in Versailles! Oder ist es die kuschelige Raumtemperatur? Vielleicht die Malerei auf Christophe Roussets Cembalodeckel mit den nackten Frauen auf grüner Aue? Die kunstvolle Darstellung der Gewalt an Lucretia, in der Kantate von Montéclair? #Metoo, adieu!

Vor allem sind es die Dezenz Roussets, die herbe Sopranstimme von Ambrosine Bré, die Phrasierungskunst von Gilone Gaubert-Jacques und Stéphan Dudermel (beide Violine) sowie die unnachahmliche Ruhe von Emmanuel Jacques am Violoncello: Alles dies führt umgehend ins Elysium, lässt sofort ausblenden, wie oft vorklassische Kompositionen verhackstückt werden, wie häufig man sich ihrer bemächtigt, um eine überschießende Lust am musikalischen Moment zu zelebrieren.

Klug dosiertes Engagement

Stattdessen regieren Feinsinn, Ausgeglichenheit, klug dosiertes Engagement, bei Rameaus Kantate über das Liebespaar Amaryllis und Mirtyllus zu sparsamster Instrumentalbegleitung (Bré lässt die zarten Verzierungen beim Singen vom „gewinnenden Liebhaber“ sehr beiläufig hochsprudeln) ebenso wie in den zwei fein austarierten, mit größter Gelassenheit vorgetragenen Suiten von Leclair. Gerade seine Sarabanden zeigen, wie ruhig die innere Uhr der Ausführenden tickt.

Auf einmal aber denkt man zurück an die heftigen musikalischen Streits im 18. Jahrhundert zwischen den Italienern (tollkühn, oft ausufernd) und den Franzosen (balanciert, indessen mit Hang zum Drögen)? Les Talens Lyriques machen klar, dass es tatsächlich nie um Nationen ging, sondern immer nur um Stile. Rameau greift auf italienische Arien-Modelle zurück, macht sich aber die Hände nicht schmutzig mit zu viel Aufregung. Montéclair erzählt auf Italienisch von Lucretia, behält vom französischen Stil indessen die Gemessenheit selbst in höchster Not. Und der Franzose Leclair, der in Italien wirkte? Er war ein Meister der Tanzmusik zum Hören. Ganz zu Recht heißen seine Suiten „Rekreationen“.

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