Liebeskomödie „Einsam Zweisam“ : Herzflimmern ohne Paris-Kitsch

Der französische Regisseur Cedric Klapisch untersucht in seiner Liebeskomödie „Einsam Zweisam“ das Lebensgefühl junger Großstädter.

Mélanie (Ana Girardot) gehört zu den vielen einsamen Seelen, die durch die Straßen von Paris treiben.
Mélanie (Ana Girardot) gehört zu den vielen einsamen Seelen, die durch die Straßen von Paris treiben.Foto: Studio Canal

Cedric Klapisch liebt sein Paris. Die Bewegungsmuster eiliger Passanten und Metro-Züge, den Pulsschlag der Metropole fängt er in „Einsam Zweisam“ in attraktiv beschleunigten Bildern ein, die Paris-Kitsch erst gar nicht aufkommen lassen. Wie es sich im Geflimmer lebt, welche Geschichten der Alltag in den abgewetzteren Vierteln bereithält, interessiert den Regisseur und Autor. Vor allem der Traum, die Einsamkeit im Schatten der Großstadt zu überwinden, hat es ihm angetan.

Immer neu arrangiert Klapisch seine Zuneigung zu sympathisch verkorksten Figuren in einer Fülle von komödiantischen Details. Brachte vor mehr als zwanzig Jahren in "… und jeder sucht sein Kätzchen" ein entlaufenes Schmusetier eine ganze Straße generations- und genderübergreifend aus dem Häuschen, spielt Klapisch nun in "Einsam Zweisam" ebenfalls mit diesem Running Gag. Nur führen die Zumutungen der Arbeitswelt und der schnelle Trost dank digitaler Partnersuche zu noch groteskeren Slapstick-Szenen.

Mélanie und Rémy laufen permanent aneinander vorbei

Mélanie (Ana Girardot) und Rémy (François Civil), zwei Singles um die dreißig, befinden sich in der ersten Lebenskrise: am Arbeitsplatz gibt es Stress, zu Hause finden sie keinen Schlaf und laufen permanent aneinander vorbei. Wenn Mélanie in ihrem Altbau unterm Dach für eine Zigarette auf den Minibalkon tritt und Rémy nebenan dasselbe tut, öffnet die Kamerafrau Elodie Tahtane dieses Inbild einsamer Zweisamkeit zu einem Panorama über der Stadt. Ein anrührender Fingerzeig auf die Melancholie, der Klapisch auf der Spur ist.

Mélanie, eine blasse, schüchterne junge Frau, arbeitet in einem medizinischen Labor in der Krebsforschung, von der Aufgabe, in einem zündenden Vortrag die Investoren vom Sinn künftiger Geldspritzen überzeugen zu müssen, fühlt sie sich aber überfordert. Der Lagerist Rémy wiederum verliert infolge der Automatisierung seinen Arbeitsplatz, wird jedoch ins Call-Center übernommen, um die verprellten Kunden zu beruhigen.

Das Drehbuch kostet die Berührungspunkte ihrer Großstadtexistenzen aus. Dass Klapisch das alte Boy-meets-Girl-Muster nur variiert, ist vom ersten Moment an klar. Doch wie er das mögliche Happy End auf halbem Weg ins Leere laufen lässt und weiter hinauszögert, ist amüsant – und ein treffendes Zeitbild zugleich.

Locker selbstverständliche Promiskuität erzeugt Gefühlschaos

In ihren Blasen verlieren sich Mélanie und Rémy im Gefühlschaos zwischen locker selbstverständlicher Promiskuität und neuen Tabus. Eine Kollegin macht Rémy Avancen, indem sie ihn als „Softie“ charakterisiert, dessen Versuch, sie zu küssen, jedoch als Übergriff ablehnt. Mélanie geht bei Tinder auf Partnersuche, gerät aber an lauter selbstoptimierte Posterboys und klappt schließlich bei einem Rendezvous zusammen, bei dem sich der nette Kumpeltyp in ihrem Bett nach einigen Joints nicht mal an ihren Namen erinnert.

Die Großstadt, so Klapisch, der sich zuletzt auch als Serien-Showrunner einen Namen machte, ist das perfekte Pflaster, um in dieser Anonymität tief verankerte Traumata zu verdrängen. In seiner Paris-Szene ist die klassische Woody-Allen-Schule an der Tagesordnung: Sitzungen bei zwei liebevoll charakterisierten Psychotherapeuten (Camille Cottin und François Berléand) bringen die Innenschau der monadischen Singles ins Rollen.

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In sieben Berliner Kinos (auch OmU)

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