Der nicht endende Krieg im Jemen : Vergessene Leiden

Das Leid der Zivilbevölkerung im Jemen wächst und wächst

Florian Keisinger

Am 26. März 2015, so beschreibt es die jemenitische Journalistin Bushra al-Maktari, war der Krieg mit einem Mal da. Seither ist er tagtägliche Realität für die Menschen im Jemen. Kampfflugzeuge durchbrechen die Schallmauer, werfen Bomben, der Himmel über den Städten ist auch nachts taghell erleuchtet. Militärhubschrauber dringen bis in die entlegensten Winkel des Landes vor. Mit dem Kriegsausbruch kamen Lebensmittelknappheit, Hunger, Kampf ums Überleben.

Was folgte, war eine neue Form von Normalität, die nur durch Gleichmut zu ertragen ist. „Du kannst dir nicht vorstellen, welche Kraft die Gleichmut nach einer Katastrophe geben kann“, berichtet eine der von Bushra al-Maktari interviewten Frauen; sie war kurz zuvor Zeugin davon geworden, wie ihre Schwester in einem Supermarkt von einer Granate getötet wurde. „Aber damit einher geht auch eine gewisse Sprachlosigkeit.“

Krieg und Leid im ganzen Land

Das Buch (ab 2. Juni erhältlich) ist der Versuch, dieser Sprachlosigkeit entgegenzutreten. Bushra al-Maktari hat ihr Land durchreist und die Protokolle von 400 Frauen und Männern gesammelt, deren Leben vom Krieg zerstört wurden – auch wenn sie selbst noch am Leben sind. Die Berichte – 43 davon sind in dem Band abgedruckt – beschönigen nichts. In drastischen Worten wird beschrieben, was eine Kriegsmaschinerie, die im sechsten Kriegsjahr nur noch punktuell die Wahrnehmungsschwelle westlicher Medien zu erreichen vermag, unter der Zivilbevölkerung im Jemen anrichtet (die Organisatoren und Profiteure des Krieges, auch darauf wird hingewiesen, haben ihre Domizile längst ins Ausland verlegt). Es ist der Versuch, in Worte zu fassen, wie Streubomben töten und wie es sich anfühlt, wenn die eigenen Kinder, Geschwister oder Eltern direkt vor einem von Granaten zerrissen, Maschinengewehren zerfetzt oder herabfallenden Trümmern erschlagen oder verschüttet werden.

Die eine wie die andere Seite

Dass Bushra al-Maktari dennoch auf jegliche politische Positionierung verzichtet, ist bemerkenswert; und aufgrund der geschilderten menschlichen Schicksale konsequent – auch wenn ihr das in ihrer Heimat von beiden Kriegsparteien den Vorwurf des Verrats eingebracht hat. Die veröffentlichten Zeugenaussagen berichten abwechselnd von den Leidtragenden der einen und der anderen Seite – den Opfern der von Iran unterstützten Huthi-Milizen sowie der von Saudi-Arabien angeführten Militärkoalition. Was freilich nicht bedeutet, dass ihr Buch unpolitisch ist; im Gegenteil, gerade die Nicht-Parteinahme unterstreicht die grausame Sinnlosigkeit dieses Krieges, der längst zu einem Stellvertreterkrieg verschiedener Staaten verkommen ist.

Nichts geändert

Im arabischen Original ist das Buch 2018 erschienen. In der deutschen Ausgabe weist Bushra al-Maktari darauf hin, dass sie für das Vorwort kaum Anpassungen vornehmen musste, da sich an der Situation im Jemen nichts verändert habe. Allein dieses Detail verdeutlicht das Ausmaß an Tragik und Trostlosigkeit, mit dem wir es in diesem Krieg zu tun haben.

Bushra al-Maktari: Was hast Du hinter Dir gelassen? Stimmen aus dem vergessenen Krieg im Jemen. Hrsg. v. Constantin Schreiber. A. d. Arabischen von Sandra Hetzl. Econ Verlag, Berlin 2020. 320 S., 24,99 €.